Auf neuen Bahnen unterwegs: Caroline Wahl Foto: Stefan Kister

Zum Abschluss der Buchwochen hat die Erfolgsautorin Caroline Wahl aus ihrem neuen Roman gelesen und erklärt, was der Landeshauptstadt fehlt.

Das fängt ja gut an: Zwar freue sie sich immer wieder nach Stuttgart zu kommen, weil die Eltern in der Gegend wohnen, sei es so etwas wie ein zweites Zuhause. Aber trotzdem verbinde sie eine Hassliebe mit der Stadt: „Das Kesselige stört, und das Wasser fehlt.“ Ach ja, und apropos Autostadt: Sie fahre einen BMW M 2 und würde sich nie einen Mercedes kaufen, sei aber gerade mit dem ihres Bruders unterwegs gewesen, und das müsse sie zugeben, um dessen vielfarbige Ambientebeleuchtung beneide sie ihn zutiefst. Na also. Mit dieser Eröffnung einer Lesung dürfte die in Kiel lebende Erfolgsautorin Caroline Wahl ein Alleinstellungsmerkmal haben.

 

Und auch das erlebt man auf solchen Veranstaltungen eher selten: lauter junge Leute und dass für das Publikum eine Fotobox bereitgestellt wird, mittels derer es sich wegen des großen Andrangs auf einem virtuellen Selfie mit dem Idol verewigen kann. Leider stimmen die Größenverhältnisse auf den Fotos nicht, der Kopf mit dem charakteristischen Pony ragt aus einer anderen Dimension über dem der jeweiligen Bewunderer.

In der voll besetzten König-Karl-Halle im Haus der Wirtschaft, wo Caroline Wahl zum Abschluss der Stuttgarter Buchwochen ihren neuen Roman „Die Assistentin“ vorstellt, sieht das erst einmal umgekehrt aus. Zierlich, ja zerbrechlich betritt sie das Podium, allein, ohne Moderation. Aber wer an den phänomenalen Qualitäten ihrer Literatur noch Zweifel hegen mag, kommt nach dieser Begrüßung zumindest nicht umhin, der coolen Abgebrühtheit ihres Auftritts solche zuzubilligen.

In entwaffnend selbstironischer Präsenz führt sie durch den Abend und ihren Roman, mit hin und wieder leicht vernuschelter Gelassenheit Motive der vielen zuletzt geführten Caroline-Wahl-Debatten einflechtend.

Und über was wurde in diesem Herbst nicht alles diskutiert, Frisuren, privilegierte Automarken, siehe oben, eine abgehobene Literaturkritik und das ewige U und E. Beim Lesen einer von Mu- und Sch-Lauten geprägten Dialogfolge bricht es lachend aus ihr heraus: „Das ist so dumm, kein Wunder habe ich den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen.“ Das besitzt Größe.

Subtile Machtspiele eines Narzissten

Mit der „Assistentin“ hat die 30-Jährige neue Bahnen eingeschlagen. Erzählt wird die Geschichte der jungen Charlotte, die in einem Münchner Verlag eine Stelle antritt und in den subtilen Machtspielen eines Mitarbeiterinnenverschleißenden Narzissten aufgerieben wird. Dabei scheiden sich an ihrem jüngsten Werk selbst die leidenschaftlichsten Bewunderinnen und Bewunderer der beiden Vorgängerromane über das existenzielle Freischwimmen des Halbschwesternpaars Tilda und Ida.

Die ironische Brechung durch eine allwissende Erzählerinstanz, die munter spoilert, Einblicke in die Werkstatt des Schreibens gewährt, hätte viele verstört, sagt die Autorin, die ihre Lehrjahre als Verlagsassistentin bei Diogenes in Zürich absolviert hat.

Aber sie habe dieses Buch genauso schreiben müssen. Der Verleger sei eine moderne Figur des Machtmissbrauchs, der sich innerhalb des gerade noch Nicht-Justiziablen jeden Übergriff leiste. Jetzt, wo es geschrieben sei, könne sie auch wieder einen „22-Bahnen“-Text nachlegen. Ein Teil ihrer Fans wird es mit Freuden vernehmen.

Es gibt Romane, die man am liebsten strikt getrennt von denen halten möchte, die sie hervorbringen. Hier gilt eher das Gegenteil. Die selbstbewusste Leseperformance vollendet, was in der Erzählung weiblicher Selbstbehauptung noch offen geblieben wäre.