Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Julia Heinecke startet die neue Lesereisen-Reihe mit Belletristik und einem Fachvortrag zum Thema Hütekinder im Schwarzwald.
Die Eventscheune des Hofguts Bärenschlössle im Christophstal ist nach Einschätzung von Tourismusdirektorin Carolin Schölzl „ein Juwel im ,Tal X‘“. Tatsächlich erwies sich die Örtlichkeit mit ihrem besonderen Charme als idealer Treffpunkt für die erste Lesereise-Veranstaltung im literarischen Sommer.
Schölzls Dank galt einführend dementsprechend Geschäftsführer Achim Beck ebenso wie Thalia-Geschäftsführerin Gudrun Krüper, ohne deren Einsatz das Freudenstädter Literatur-Festival „nicht möglich gewesen wäre“.
Arbeitende Kinder
Julia Heinecke, gebürtige Berlinerin und inzwischen eingefleischte Freiburgerin, hatte ihren ersten Auftritt in Freudenstadt und zeigte sich von der Umgebung „total geflasht“. Was sie zu berichten hatte im Zuge ihres eineinhalbstündigen Vortrags, war in einer Zeit angesiedelt, in der Kinderarbeit an der Tagesordnung war. In Zeiten allgemeiner Not war es nichts Anstößiges, Kinder auch im Schwarzwald auf fremde Bauernhöfe zu vermitteln, damit der heimische Tisch einen oder zwei „hungrige Mäuler weniger zu stopfen“ hatte, wie es mancherorts wenig sensibel ausgedrückt wurde.
Heinecke arbeitete intensiv zu diesem Thema, zog Dokumente zurate und befragte Zeitzeugen. Ausfluss dieser Forschungstätigkeit ist ihre Expertise mit dem Titel „Zwischen Viehhüten und Hirtenschule – Schwarzwälder Hütekinder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, erschienen in Furtwangen im Dezember 2010 in Zusammenarbeit mit dem dortigen Geschichts- und Heimatverein.
Was hier eher theoretisch aufgearbeitet wurde, findet sich in belletristischer Form in ihrem ersten Roman „Kalte Weide – Ein Hirtenbub im Schwarzwald“. Hier wie dort wird in unterschiedlicher sprachlicher Form ausgebreitet, welcher Drangsal die Kinder oftmals auf den fremden Höfen ausgesetzt waren. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass vielerorts Ausbeutung stattgefunden hat. Dass nicht wenige Kinder unter diesen Bedingungen schwere gesundheitliche Störungen aufwiesen, kann nicht verwundern.
Befragung von Betroffenen
Aber auch dies gehört zur Wahrheit: Es gab zahlreiche Höfe, die von rechtschaffenen Bauersleuten bewirtschaftet wurden und die ihre amtlich vorgegebene Fürsorgepflicht ernst nahmen. Kinderarbeit nahm man zuweilen achselzuckend als „ein notwendiges Übel“ hin. Erst 1961 wurde die letzte Hüteschule in Furtwangen geschlossen.
Eine Befragung von Betroffenen durch Heinecke förderte zutage, dass die Einschätzungen schwankten zwischen „totaler Überforderung“ und „Sklavenarbeit“ einerseits und „guter Erfahrung“ sowie „Prägung fürs Leben“ andererseits.
Einflüsse durch das Kriegsende
Im Roman „Kalte Weide“ (2016) als erstem Band einer Trilogie erzählt die Autorin vom Hirtenbuben Miggi aus Freiburg, der ab Ende April 1942 in den Schwarzwald vermittelt wird. Auf zwei Höfen macht er höchst unterschiedliche Erfahrungen, die geeignet sind, das Lesepublikum mitzunehmen, nahezu im Sinne von Aristoteles’ Poetik-Prinzip „Furcht und Mitleid“. Entscheidende Einflüsse ergeben sich auch durch das Kriegsende im Schwarzwald, als französische Truppen einmarschieren.
Heinecke erzählt in dem ihr eigenen souveränen Duktus. Ihre Lesung und ihren Vortrag im Bärenschlössle ergänzte sie mit Bildmaterial, Dokumenten und Arbeitsausstattung der Hirtenbuben. Heineckes literarische Produktivität ist sichtbar an inzwischen sieben Romanen zu unterschiedlichen Themen.