Sie ist vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet, lebt nun seit eineinhalb Jahren allein in Schopfheim und ist auf die Tafel angewiesen: Anna Derevianko.
Mit dem ihr zur Verfügung stehenden Geld kommt die studierte Tourismusmanagerin gerade so über die Runden („ich bin sparsam“). Sie ist dankbar, dass sie in der Schopfheimer Tafel zu günstigen Preisen Lebensmittel einkaufen kann. Die aufgeschlossene junge Frau, die jeden Tag an der Volkshochschule den Sprachkurs absolviert und bereits sehr gut Deutsch spricht, fühlt sich im Wiesental wohl. Sie schätzt jegliche Unterstützung, die sie hier erfährt. Dennoch hat sie Sehnsucht nach ihrer Familie und Heimat.
Freudiges Wiedersehen
„Bis zum Ausbruch des schrecklichen Krieges habe ich ein gutes Leben in der Ukraine gehabt“, sagt die 31-Jährige. Doch seit dem Angriffskrieg Russlands sei alles anders – ein Leben in Angst. Anna Derevianko sorgt sich um ihre Familie, mit der sie per Telefon und Internet im regelmäßigen Kontakt und Austausch steht. Umso mehr leidet sie mit Eltern und ihrer Schwester mit, die in diesen Tagen nach den massiven Luftangriffen auf die Energieinfrastruktur ohne Strom und Wasser auskommen müssen. Deshalb war es in den vergangenen Tagen schwierig, Kontakt mit ihren Angehörigen aufzunehmen. Umso erfreuter war sie, als am zurückliegenden Wochenende ihre Schwester für zwei Wochen zu Besuch nach Schopfheim gekommen ist. Es war ein freudiges Wiedersehen nach langer Zeit.
So sehr es der Ukrainerin in Deutschland gefällt, so sehr hat sie auch Heimweh. „Dort, wo man geboren und aufgewachsen ist, ist die Heimat“, sagt Anna Derevianko, für die feststeht: „Sobald der Krieg vorbei ist, will ich wieder nach Poltawa zurück.“ Wenn die Ukrainerin den Integrationskurs im Februar abgeschlossen hat, den sie engagiert und ambitioniert absolviert, hofft sie, einer Tätigkeit, möglichst in ihrem erlernten Tourismusberuf, nachgehen zu können.
„Das Problem ist, dass hier die Dokumente und Zeugnisse aus der Ukraine meist nicht anerkannt werden“, sagt Tobias Hohlfeld, der stellvertretende Leiter der Tafel Schopfheim, der beim Gespräch mit unserer Zeitung dabei war. Er wie auch Stefan Schmidt, der gut vernetzte Ehrenamtskoordinator des Diakonischen Werks, unterstützt die junge Frau bei der beruflichen Integration.
Anlaufstelle Tafel
„Wenn ich nichts zu tun habe, ist mir langweilig“, sagt Anna Derevianko, die unbedingt arbeiten will. In der Schopfheimer Tafel hat die 31-Jährige, die anfänglich in drei Wohnheimen – Kandern, Lörrach, Schopfheim – gelebt hat und sich seit Kurzem über eine kleine Wohnung freut, schon selbst mitgearbeitet. Doch die Öffnungszeiten des Ladens, der an drei Tagen in der Woche, nämlich montags von 13 bis 15 Uhr sowie mittwochs und freitags jeweils von 12 bis 14 Uhr, geöffnet hat, kollidierten mit ihrem Integrationskurs.
In jedem Fall entwickelt die junge Frau viel Eigeninitiative. „Man muss Ziele haben“, sagt sie. Und ein Ziel ist es, hier eine Arbeitsstelle zu finden, solange sie in Deutschland lebt und wegen des anhaltenden Kriegs nicht zurück in ihre Heimat kann. Die 31-Jährige ist froh, jetzt in einer eigenen Wohnung leben zu können, da ihre Erfahrungen mit der Situation in den Wohnheimen „weniger gut“ waren.
Für bedürftige Menschen
Die Tafel Schopfheim ist für Anna Derevianko eine willkommene Anlaufstelle – nicht nur wegen der Einkaufsmöglichkeit, sondern auch wegen der vielen sozialen Kontakte. Die junge Frau ist trotz des Leids in ihrer Heimat dem Leben zugewandt, strahlt eine optimistische Grundhaltung aus und hat nach eigenen Angaben gern Kontakt mit Menschen. Hier kennt sie die Leute, hier findet sie mit ihrer zugänglichen und freundlichen Art stets Ansprechpartner. Und sie schätzt das Angebot der Tafel, die es ermöglicht, dass bedürftige Menschen sich günstig mit Lebensmitteln versorgen können. Diese wurden vor dem Wegwerfen gerettet und von Supermärkten in der Region gespendet.
900 Personen, darunter 350 Kinder, haben einen Berechtigungsschein, um das hilfreiche Angebot in dem neben der Stadthalle gelegenen Tafelladen nutzen zu können.
Vor allem spenden die Lebensmittelmärkte nicht verkauftes Obst und Gemüse sowie Lebensmittel, die falsch etikettiert wurden oder deren Verpackung beschädigt ist. Alle anderen Lebensmittel wie Nudeln, Reis, Mehl, Öl oder Salz muss der Förderverein zukaufen, der auf Spenden angewiesen ist.
Stefan Schmidt schätzt die Zahl derer, die berechtigt wären, in der Tafel einzukaufen, um einiges höher als die ausgegebenen 900 Tafelausweise für das Einzugsgebiet Schopfheim und Wiesental. Doch viele Leute würden aus Scham keinen Antrag stellen.
ovaktuell.de/spendenaktion