Zum jährlichen Leseabend in den Biergarten „Neckarrauschen“, am Flößerwasen luden die beiden Organisatorinnen Iris Müller-Nowack (keb) und Nicole Uhde (Dekanat) ein.
Ein ungewöhnlicher Ort für so eine Veranstaltung, die bislang – wenn’s nicht regnete – in dem zauberhaften Garten hinter dem Dekanatshaus im Schatten des Schurkenturms stattfand.
Doch der Weg dorthin wurde immer schlechter und die Verantwortlichen konnten dieses Abenteuer ihren überwiegend älteren Zuhörern nicht mehr zumuten. Also musste ein neuer Platz für dieses Event gefunden werden und die beiden Verantwortlichen entschieden sich für das Wagnis, diese meist recht besinnliche Geschichte an diesen doch recht belebten Platz zu verlegen. Iris Müller-Nowack dankte Gastronom Michael Singer dafür, dass auch er sich auf diese Herausforderung einließ. „Ob das mal gut geht“, hatte so mancher Besucher im Vorfeld der Veranstaltung seine Bedenken, die aber am Ende des Leseabends komplett ausgeräumt waren.
Eigentlich war es wie immer. Für die Musik war in gewohnter Weise Regionalkantor Karl Echle zuständig, der fünf Stücke von Johann Sebastian Bach direkt am Bach spielte und vier mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten aus dem Kreis Freudenstadt lasen Passagen aus ihren Lieblingsbüchern vor.
Kulturmanagerin liest vor
Den Anfang machte die neue Kulturmanagerin der Stadt Horb, Caroline Yi. Sie las aus dem Buch „Cronopien und Famen“ des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázars und die Zuhörer bekamen zumindest eine leise Ahnung, warum der Schriftsteller als „fantastischer“ Autor“ bekannt ist. Das Buch, aus dem Yi las, gilt als der vierte und letzte Teil eines „Lehrbuchs in der Kunst, die Alltagswelt zu poetisieren“. Und was man unter dieser sperrigen Formulierung verstehen konnte, das hörten die Besucher bei der Beschreibung, wie man eine Treppe auch hochsteigen kann. Man kann sie mit allen Sinnen erleben und nicht nur einen Fuß vor den anderen setzen. „Julio Cortázars versteht es, Dinge in Worte zu fassen, die einen wundern lassen“ so Yi, die neben dem Lesen auch noch, mit viel Unterstützung, den Kampf gegen die Mikrofontechnik gewann.
Es gibt auch leichtere Kost
Hubert Würth, Geschäftsführer des Zweckverbands katholischer Kindertagesstätten in den Dekanaten Calw und Freudenstadt hatte da viel leichtere Kost im Programm. „Es ist nur eine Phase, Hase“, ein Trostbuch für Alterspubertierende, hatte er dabei und las daraus die Geschichte des Mannes, der langsam einsah, dass er eine Lesebrille braucht, denn selbst die Buchstaben in den Speisenkarten verwandelten sich in eine Art Matsch. „Ich nehme das Gleich wie du“, sagte er deshalb zu seiner Frau und freute sich, wenn sie Schnitzel bestellte und litt leise vor sich hin, wenn’s Soja mit Gemüse gab.
Gegen die Brille wehrte er sich trotzdem, denn die saugte die letzte Jugendlichkeit aus dem Gesicht und verwandelt es in etwas opahaftes, seine Meinung. Doch irgendwann half keine Ausrede mehr. Eine Lesebrille und eine gegen die Kurzsichtigkeit musste her. Und damit zog die Brillensuche in den Alltag des Mannes ein. „Mein Gott, wo sind die Brillen“, ein so oft gehörter Satz, dass eines Tages ein älterer Mann im weißen Bademantel, mit zwei Brillen in der Hand, vor der Tür stand und sagte: „Hier sind deine Brillen“. Es war Gott, dem das Gejammer auf die Nerven ging. Er sah die Alterspubertät als eine seiner besten Schöpfungen überhaupt an und begründete dies damit, wenn er und seine Himmelsclique Spaß haben wollen, sie sich entweder Katzenvideos oder die Alterspubertierenden bei der Suche nach dem Sinn des Lebens anschauen.
Literarische Reise nach Venetien
Ulrike Sommer, die Regionalleiterin der Caritas Schwarzwald-Gäu ging mit dem Stuttgarter Starkoch und Multitalent Vincent Klink „immer dem Bauch nach“. Sie nahm ihre Zuhörer mit nach Venetien. Klink war, trotz rudimentären Italienischkenntnissen, dort mit dem Kanu unterwegs und lernte durch Zufall einen Naturgelehrten – einen Mann, den das Leben lehrte und nicht die Schulen – kennen. Und dieser röstete Artischocken im Feuer und lud den Vincento in ein Elysium der Gastlichkeit ein.
Eine rostige Blechbüchse diente dort als Abfallbehälter, zwei Blumentopfuntersetzer als Teller und zwei trübe Marmeladengläser als Weingläser. Und Artischockenkoch Carlo entpuppte sich als Star der neuen Naturküche. Purer Gemüsegeschmack, ehrlich und mit der Erfahrung der Jahre verschmolzen zu einer Delikatesse, die es selbst in Klinks Luxus-Restaurant „Wielandshöhe“ nicht gibt.
Nach dieser Episode hatte man direkt Lust, entweder nach Venetien zu fahren oder zumindest selbst Artischocken in Alufolie zu wickeln und ins Feuer zu schmeißen.
Kreuzfahrt statt Altenheim
Als letzten Beitrag des Abends ging dann Thomas Müller, Stiftungsdirektor der Katholischen Spitalstiftung, mit der 83-jährigen Renate Bergmann, vierfach verwitwete Eisenbahnpensionärin und ihrer Freundin Gertrud auf eine Kreuzfahrt. „Man muss das Leben genießen, solange man noch krauchen kann! Wer weiß, wie lange es noch ohne Pflegekraft geht“, so das Motto der rüstigen Besitzerin eines Klapp-PC’s, die rausfand, dass ein Tag im Altenheim 180 Euro kostet, ein Tag Kreuzfahrt nur 120 Euro. Also stachen beide in See und erlebten so einiges. Dass Sascha Hehn, nach dem sie den ganz Kahn absuchten, nicht als Kapitän an Bord war, wertete Renate zwar als Betrug, doch der Rest passte. Auch der in Plastikfolie eingeschweißte Kuchen, der wie Astronautennahrung schmeckt und den die Flugzeugschaffnerinnen brachten oder dass Möwen ständig die seekranke Gertrud umkreisten, da sie wussten, was bald kommt.
Für alle Vorleser und für den Musikus Echle gab es reichlich Applaus und am Ende für alle ein kleines Geschenk aus dem Horber Weltladen.
Den beiden Organisatorinnen fiel zudem ein Stein vom Herzen und sie dankten den Besuchern mit den Worten: „Vielen Dank, dass sie sich auf diese Verlegung in den Biergarten eingelassen haben“.