Lars Buchholz, Lehrer der Beruflichen Schule in Horb, produziert als Rapper Th3o_reM coole Videos für Schüler um ihnen damit das Mathelernen unterhaltsamer zu gestalten. Foto: Th3o_reM/Buchholz

So cool war Mathe vielleicht noch nie. Lars Buchholz, Lehrer der Beruflichen Schule in Horb, produziert jetzt Lernvideos – der besonderen Art. Denn er bringt seine Erfahrungen als Rapper ein.

Horb - Gleich am Anfang fragt er: "Null Plan bei der Nullstellenberechnung? Kein Problem." Wir haben mit ihm gesprochen, wie er auf die Idee kam, wie Rap Mathe vermitteln kann und ob noch weitere Songs folgen werden. Und natürlich bietet der Rapper gleich mal das Du an.

 

Ein Lernvideo in Rap-Form – wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Einerseits kann ich mit Mathe-Rap zwei Leidenschaften verbinden: Mathematik und die Musik. Da scheint es erstmal kaum eine Schnittmenge zu geben, da die Mathematik strengen Regeln folgt. Ausgehend von einer Axiomatik arbeitet man mit einer stringenten Logik weiter. Musik zu machen funktioniert da ganz anders. Hier gibt es kein richtig oder falsch im strengen Sinne. Es gibt unfassbar viele Möglichkeiten, die zum Ziel führen können. Da kann man schlecht mit purer Logik arbeiten und muss seinem Gespür vertrauen. Dieser Gegensatz gefällt mir.

Andererseits habe ich in meiner Rolle als Lehrer leider festgestellt, dass die Schulmathematik unter Schülern nur wenig Freude versprüht. Damit kann ich mich nur schlecht abfinden und suche nach Wegen um den Unterricht schülerorientierter und cooler zu gestalten.

Gab es dann so etwas wie eine Initialzündung?

Meine Schüler aus der 11. Klasse haben mich auf die Idee gebracht, dass ich doch mal einen Mathe-Rap vortragen könnte, weil sie wussten, dass ich früher mal aktiv war. Diese Idee fand ich wirklich klasse, denn wir lernen besser, wenn Emotionen im Spiel sind.

Wie kann Rappen helfen, Mathe besser zu verstehen?

Musik transportiert Atmosphäre und erschafft für eine kurze Zeit eine Stimmung in uns. Als Rapper "Th3o_reM" verspreche ich mir durch meine Mathe-Songs, dass Schulmathematik besser und motivierter aufgenommen wird.

Da scheint ein Profi am Werk! Welche Rap-Vergangenheit hast Du denn?

Im Alter von 14 habe ich angefangen erste eigene Texte zu schreiben. Das war im Jahre 1993. Seitdem habe ich immer mal wieder zum Stift gegriffen um eigene Zeilen auf’s Papier zu bringen. Von 1999 bis 2003 erlebte ich meine höchste kreative Phase, als ich damals noch in Hamburg wohnte. Zu dieser Zeit sind viele Projekte mit anderen Künstlern entstanden.

Wie hast Du Dir das Rappen beigebracht? Wie hast Du gemerkt, dass Du da ein besonderes Talent hast?

Ich war schon früh Autodidakt. Die Arbeitsweise war dabei immer gleich: Text schreiben, aufnehmen, anhören, verbessern und zwar solange bis es mir gefällt. Dass ich ein besonderes Talent dafür besitze, habe ich nie so gesehen. Ich wollte mich einfach nur kreativ betätigen.

Warum dann doch der solide Lehrer-Beruf statt der wilden Rapper-Karriere?

Der Wunsch Lehrer zu werden, hat sich für mich erst am Ende meines Physikstudiums (M.Sc., ehemals: Diplom-Physiker) ergeben, da ich während meines Studiums Nachhilfekurse an Schulen gegeben habe und auch an der Uni studentische Gruppen bei Physikübungen betreut habe. Mit jungen Erwachsenen zu arbeiten und anderen helfen zu können, in meinen Lieblingsdisziplinen Mathe und Physik Fortschritte zu machen, hat mir immer Spaß gemacht und ich wollte das Lehren auf ein professionelleres Niveau heben. Daraufhin habe ich auf meine Promotionsstelle verzichtet und mein Referendariat in Friedrichshafen begonnen. Die Rap-Karriere wurde dadurch quasi nur aufgeschoben.

Wie schwierig ist es, Mathematik zu verrappen?

Tatsächlich ist das eine große Herausforderung, da mein Text viele Kriterien erfüllen muss. Mathematik ist sehr präzise. Wenn ich also ein Mathethema erklären möchte, muss ich bestimmte Formeln und Formulierungen verwenden. Die Aussagen müssen in dem Rahmen der Schulmathematik zum einen korrekt aber andererseits auch für Schüler noch verständlich sein. Logischerweise müssen sich die Wörter in kurzen Zeitabständen dann auch noch reimen, möglichst mit sogenannten Double-Rhymes, bei denen sich gleich mehrere Silben reimen. Da habe ich mit meinen Wörtern oft einfach wenig Spielraum.

Was gehört noch zur guten Mixtur?

Für mich gehört als Rapper auch ein gewisser Wortwitz dazu, so dass die Hörer an der ein oder anderen Stelle schmunzeln können. Das Schreiben eines Mathe-Raptextes muss für mich alle diese Aspekte vereinen. Aber das ist die Herausforderung, die ich an diesem Projekt liebe.

Wird auch mal im Unterricht gerappt?

Wenn ich sagen würde, ich hätte noch nie eine Kostprobe meiner Rapskills in der Schule gegeben, müsste ich lügen. Aber trotzdem trenne ich meine Rolle als Lehrer von der Rolle, die ich als Künstler einnehme. Im Unterricht steht eben nicht der Rapper Th3o_reM, sondern Herr Buchholz. Ich übe beides mit Leidenschaft aus, aber nicht zeitgleich.

Wie ist die Reaktion Deiner Schüler?

Meine Schüler feiern es.

Haben sie es jetzt besser verstanden?

Das Zuhören und hinschauen alleine wird da nicht reichen. Meine-Mathe Rapvideos können und sollen kein Unterricht ersetzen. Aber es kann im Matheunterricht als motivierender Einstieg genutzt werden oder später in der Ergebnissicherungsphase.

Wirst Du Deinen Kollegen jetzt auch Rap-Workshops anbieten?

(Lars schmunzelt) Um meine Kollegen darin zu unterstützen, stelle ich demnächst Unterrichtsmaterial zu meinen Songs auf meiner Webseite www.th3o-rem.de zur freien Verfügung.

Das Musikvideo sieht sehr professionell aus – wie wurde es produziert?

Haha, danke für die Blumen. Hätte man mir früher gesagt, dass ich mal in einem Rapvideo eine PowerPoint-Präsentation halte, hätte ich die Person wohl für verrückt gehalten. Als mathematisches Erklärvideo mit musikalischem Hintergrund funktioniert das Prinzip aber. Die Zwischenszenen sind eher mit einfachem Equipment von meiner Frau gefilmt worden: Handy und Gimbal. Mein befreundeter Kollege, Steffen Knobloch, der Gestaltungstechnik an der Berufsschule Horb unterrichtet, hat vor Veröffentlichung des Videos noch einige Tipps gegeben. Unabhängig davon hat aber auch "Master Mike" aus dem Gorilla Tonstudio, Winnenden großartige Arbeit geleistet. Ich bin allen dankbar, die dieses Projekt mit unterstützen.

Schüler, Lehrer, Rektor, Rapper: Gab es schon überraschende Nachrichten?

Am Samstag, 22. Januar, habe ich ein Link zu einem coolen Rapvideo verlinkt, welches ich im Netz gesehen habe. Nach nur wenigen Stunden wusste gefühlt die halbe Schule Bescheid und ich habe unglaublich viele positive Rückmeldungen von Schülern, aber auch von Kollegen erhalten. Das hat mich wirklich überrascht, weil ich mit dieser hohen Resonanz überhaupt nicht gerechnet habe. Mittlerweile sprechen mich auch Schüler an, die ich nicht kenne und erwarten schon das neue Video. Auch aus Rap-Kreisen bekomme ich Respekt für meinen Song.

Und die Schulleitung?

Unser Schulleiter, Herr Lindner, hat sehr cool auf mein Video reagiert: Es kam eine E-Mail in Reimform zurück. Das hat mich sehr beeindruckt.

Können Deine und andere Schüler über die Region hinaus auf weitere Videos hoffen?

Die Veröffentlichung meines zweiten Songs mit dem Titel "Symmetrie" erscheint an diesem Freitag, 18. Februar. Die Youtube-Premiere ist um 18 Uhr.

Was hältst Du allgemein vom Lernmittel Lernvideo?

Viel, wenn es sinnvoll eingesetzt wird. Man sollte sie aber nicht als alleiniges Element nutzen. Immerhin ist zum Beispiel noch keiner Fußball-Profi geworden nur durch das Zuschauen.