Das Birnbachloch ist eine Karstquelle auf 1291 Metern Höhe. Hier findet man selbst im heißen Sommer Abkühlung Foto: Julian Gruber/Salzburger Land Tourismus

In den Alpen sind die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren. Umso größer ist die Gegenwehr am Fuß der Leoganger Steinberge.

Gekonnt türmt Praktikantin Alissa Göllner Schokolade-, Joghurt- und Vanilleeis in knusperige Waffeln. Auch exotische Geschmacksrichtungen wie Kaiserschmarrn gehören zum Sortiment. Vor der Eisdiele ist jede Bank besetzt. Das Eis bei „Misssi“ – mit drei s – ist nicht nur frei von Farb- und Zusatzstoffen, es basiert auch auf Biomilch von Kühen mit Hörnern. Wer diese für die reguläre Ausstattung der Milch gebenden Fauna hält, kann hier eine Wissenslücke schließen. Die große Mehrheit der Kühe verlieren ihre Hörner kurz nach der Geburt in einer Prozedur, die schmerzhaft und folgenreich ist. 80 Prozent der Kühe in Europa sind enthornt. Die Tiere benötigen ihre Hörner aber nicht nur für ihr Sozialverhalten, sondern auch zur Hitzeregulierung: Über ihre Hörner leiten sie überschüssige Wärme ab. Je wärmer das Klima einer Region ist, desto größer sind daher auch die Hörner des heimischen Milchviehs.

 

Biker und Skifahrer gleichzeitig in der Seilbahn

Doch eine Kuh mit Hörnern braucht im Stall mehr Platz. Milchkühe im Originalzustand werden deshalb artgerechter gehalten, nämlich auf größerer Fläche. Auch soll ihre Milch besser verträglich sein. Gute Gründe also, sich hier nach einer Wanderung mit einem Eis zu stärken. Die Milchkühe in Saalfelden und der kleinen Nachbargemeinde Leogang können ihre Hörner gut gebrauchen, denn der Klimawandel ist deutlich spürbar. „Als ich ein Kind war, haben wir nie auf der Terrasse zu Abend gegessen“, erinnert sich Nadja Blumenkamp. „Es war schlicht zu kalt.“ Die 48-Jährige ist Tourismusobfrau für Leogang und betreibt mit ihrer Familie ein Hotel, in dem ausschließlich Produkte in Bioqualität verwendet werden – was bei über 70 Prozent Biolandwirtschaft in Saalfelden und Leogang problemlos umzusetzen ist – und das von grüner Energie über Baumaterialien bis zu Reinigungsmitteln hohe Umweltschutz-Standards erfüllt. Nadja Blumenkamps Eltern legten 1977 den Grundstein des Hauses, das sie heute mit ihrem deutschen Ehemann führt. „Mittlerweile ist die Terrasse wochenlang abends geöffnet, bis in den September. Das Klima ist mediterraner geworden.“

Leogang im Salzburger Land Foto: STZN/Lange

„Die warme Jahreszeit wird immer länger, mittlerweile sieht man Biker und Skifahrer gleichzeitig in der Seilbahn“, sagt auch Pia Hohenwarter, Managerin des Förderprogramms „Klimawandel-Anpassungsmodellregionen“ (KLAR) für die Region Pinzgau im Salzburger Land. Das Programm unterstützt Gemeinden dabei, sich auf die klimatischen Veränderungen, auf kürzere, wärme Winter einzustellen – etwa, indem sie Fichten durch heimische Arten ersetzen.

Pia Hohenwarter hat eine Klimawanderung zur Quelle des Birnbachs entwickelt, die die Veränderungen in der Landschaft sichtbar macht: Vom Hitzestress der flach wurzelnden Fichten, die 80 Prozent des Waldes ausmachen, aber nur zur Holzwirtschaft angepflanzt wurden, über das Grün resistenter heimischer Tannen, Lärchen und Zirben bis zum Bierlochgletscher selbst, der im Juni mittlerweile schneefrei ist.

Im Sommer wird es hier bereits dreimal häufiger als früher über 25 Grad warm als vor 50 Jahren

Dieser am tiefsten gelegene Gletscher in Mitteleuropa speiste sich einst aus großen Mengen Lawinenschnee, der im Winter über die Südostwand des Massivs – mit knapp 1500 Metern Wandhöhe die zweithöchste Felswand der östlichen Alpen – ins Tal donnerte. In Form von Eisblöcken wurde der massiv gefrorene Schnee mit Rutschen ins Tal befördert und mit der Eisenbahn zu Münchener Brauereien gebracht. Kühlanlagen, auch Kühlschränke in privaten Haushalten gab es noch nicht. Nicht nur wegen des technischen Fortschritts in den Küchen sind diese Zeiten vorbei. Heute fehlen Eis und Schnee; im Sommer wird es hier bereits dreimal häufiger als früher über 25 Grad warm als vor 50 Jahren. Durch die Gletscherschmelze strömt heute mehr Wasser im Birnbach zu Tal, wie Felsbrocken und mitgerissene Fichten in seinem Bett beweisen.

Treibgut aus der Geschichte vor der Ära des Berg- und Wintersports flutet die Hütte auf 1760 Metern gelegene Alte Schmiede am Asitz. Gleich neben dem Eingang plätschert Wasser über ein echtes Mühlrad. Jede der acht Stuben ist einem Handwerk gewidmet. Eine ist der namengebenden Schmiede zu Ehren mit Werkzeug dekoriert, eine andere setzt dem Handwerk des Schusters und Sattlers ein Denkmal. Es sind Tausende von Exponaten, unter ihnen ein Kirchenfenster und zahlreiche Skier des Hüttengründers Sepp Altenberger Senior. Sein Sohn Sepp verwandelte die 2001 von seinem Vater eröffnete Hütte mit 650 Plätzen in ein Museum – einem, in denen die Gäste Pinzgauer Kasnocken oder einen Beefburger vom Salzburger Rind zu sich nehmen können, während sie die Ausstellung betrachten. Sie führt in eine Zeit, in denen die Winter kalt waren und die Sommer von maßvoller Wärme.

Wer früh aufbricht, kann auch an einem Sommermorgen frieren

Tricks zur Kühlung gibt es auch in wärmeren Zeiten. Ein neu angelegter Waldbadeweg mit vierzehn Stationen spendet an der Nordseite des Asitz tiefen Schatten, ein Schaubergwerk erinnert bei niedrigen Temperaturen an die Vergangenheit des Silber-, Kobalt- und Erzabbaus. Wer früh aufbricht, kann auf den Gipfeln der Leoganger Steinberge auch an einem Sommermorgen frieren. Pia Hohenwarter empfiehlt ein Bad im Birnbachloch, einer Karstquelle auf 1291 Metern Höhe: „Brutal kalt, aber das Eintauchen ist ein toller Moment.“

Info

Anreise
Mit dem Zug von Stuttgart in dreieinhalb Stunden nach Wörgl und von dort weiter mit der S 8 Richtung Zell am See bis Leogang Steinberge, www.bahn.de .

Unterkunft
Das Biohotel Rupertus mit 50 Zimmern und Suiten sowie Spa und Schwimmbad ist seit 2015 biozertifiziert und operiert klimaneutral. Es liegt fußläufig zu den Leoganger Bergbahnen. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet hier ab 360 Euro, mit Vollpension ab 390 Euro, www.rupertus.at .Auf dem Bio-Bauernhof Grünwaldhof an der Langlauf-Loipe in Saalfelden kostet das DZ mit Frühstück ab 94,70 Euro (Mindestaufenthalt zwei Nächte, wer vier Nächte bleibt, zahlt pro Nacht 84,50 Euro). Näheres: www.bauernhofurlaub-saalfelden.at .

Essen und Trinken
Ein Besuch in der Alten Schmiede auf dem Asitz verbindet Ortsgeschichte mit kulinarischem Genuss. Auf der Karte stehen regionale und Tiroler Gerichte. Täglich von 8.30 bis 17 Uhr geöffnet, www.alteschmiede-leogang.com .

Allgemeine Informationen
www.saalfelden-leogang.com , www.austria.info , www.salzburgerland.at