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Eine Verschärfung des Jugendstrafrechts ist längst überfällig, meint George Stavrakis.

Was macht man mit zwei Heranwachsenden, die eine ganze Familie kaltblütig, skrupel- und erbarmungslos ausgelöscht haben? Mit zwei jungen Männern, die vier Menschen auf dem Gewissen haben? Die Richter, die den Prozess um den Vierfachmord von Eislingen gegen die 19 und 20 Jahre alten Angeklagten geführt haben, mussten eine Antwort auf diese nahezu unlösbare Frage finden. Sie hatten es nicht leicht, sie haben es sich nicht leicht gemacht.

Was kann man nicht alles an Forderungen anlässlich solch eines Prozesses transportieren. Verschärfung des Jugendstrafrechts, Ausweitung der Höchststrafe von zehn auf 15 Jahre. Sicherungsverwahrung auch bei Heranwachsenden. Generelle Anwendung des allgemeinen Strafrechts ab 18 Jahre. All dies, berechtigt oder wenig zielführend, durfte die Richter indes nicht interessieren.

Richter sind in unserem Rechtssystem aus gutem Grund unabhängig. Sie sind nur dem Gesetz unterworfen und sorgen im Idealfall für Gerechtigkeit. Doch die Frauen und Männer in den schwarzen Roben leben nicht auf einer Insel. Auch sie bekommen mit, wie an den Stammtischen schwadroniert wird. Sie wollen und sie dürfen sich nicht von außen - ob Stammtisch oder Politik - unter Druck setzen lassen. Ob sie dies immer schaffen, ist eine ganz andere Frage.

Karfreitagsmörder werden bald vergessen

Die Mitglieder der 6. Großen Jugendstrafkammer des Landgerichts Ulm haben versucht, ein unfassbares Verbrechen aufzuklären. Es ist ihnen nicht ganz gelungen. Vielleicht konnten sie die ganze Wahrheit auch gar nicht ans Licht bringen. Ist es denkbar, dass ein junger Mann im Alter von 18 Jahren und sechs Monaten allein aus Habgier seine ganze Familie tötet? Denkbar vielleicht, aber ist es die Wahrheit? Der Vater, ein manchmal rechthaberisches Familienoberhaupt, die Mutter, die im Sohn laut Zeugen ihren kleinen Prinzen sah, die Schwestern, lebenslustige, musisch veranlagte Studentinnen, wohl kaum hassenswert - gemordet, erschossen, weil der heute gerade einmal 19 Jahre alte Angeklagte ans Familienvermögen heranwollte?

Ob die Richter diesem rätselhaften Andreas H. gerecht geworden sind, weiß nur er allein. Ebenso verhält es sich bei Frederik B., der behauptet, alle 30 Schüsse abgefeuert zu haben. Er will aus Freundschaft zum Mörder geworden sein. Auch bei ihm bleiben etliche Fragezeichen, auch bei ihm sind die Richter an die Grenzen dessen gestoßen, was ein Gericht leisten kann.

Die zwei vom Boulevard Karfreitagsmörder genannten Heranwachsenden werden in unserer hektischen Nachrichtenwelt bald vergessen sein. Die Diskussion darüber, ob und wie das Jugendstrafrecht verschärft werden soll, wird anhalten. Experten stellen sich vehement dagegen, die Höchststrafe von zehn auf 15 Jahre heraufzusetzen. Das bringe nichts, sagen sie. Kein Täter überlege bei der Tat, wie hart er bestraft werden könnte. Schließlich wollen Straftäter ohne Sanktion davonkommen. Zudem müsste das vorhandene Gesetz einfach nur konsequent angewandt werden. Denn die Fälle, bei denen die Jugendhöchststrafe ausgeworfen wird, ließen sich an einer Hand abzählen.

Trotzdem ist die Verschärfung des Jugendstrafrechts überfällig. Sie würde den Richtern einen größeren Spielraum verschaffen. Dann könnten sie angemessener auf die Gott sei Dank seltenen Fälle wie diesen unfassbaren doppelten Doppelmord von Eislingen oder den bestialischen Mord an einem Schüler in Rommelshausen im August 2007, bekannt geworden als Zementmord, reagieren. Der im Jugendstrafrecht vordringliche Erziehungsgedanke würde dadurch keinesfalls ad absurdum geführt.