Der Daumen geht nur zögerlich nach oben: Belgrads Stürmer Silas hat mit seiner VfB-Zeit noch nicht abgeschlossen. Foto: imago/Srdjan Stevanovic

Im Dress von Roter Stern Belgrad empfängt Leihgabe Silas in der Champions League die alten VfB-Kollegen. In Serbien ist der 26-Jährige fußballerisch ganz gut angekommen. Doch die Gedanken sind oft in Stuttgart, wo die Familie lebt.

Wenn Mehmet Eser auf das vorläufige Ende beim VfB Stuttgart zurückblickt, dann tut er dies recht sachlich: „Der Fußball ist nun mal kein Wunschkonzert“, sagt der Spielerberater. Also haben sich die Wege seines Klienten Silas und die des VfB im Spätsommer getrennt. Kurz zuvor hatte der Nationalspieler der Demokratischen Republik Kongo noch im Supercup beim deutschen Meister Bayer Leverkusen den entscheidenden Elfmeter über das Tor gejagt – was in dem sich schon abzeichnenden Trennungsprozess nur noch eine Fußnote war.

 

„Silas hat in die Planungen von Sebastian Hoeneß nicht hinein gepasst“, erzählt Eser: „Jeder Trainer hat eben eine andere Philosophie. Das muss man akzeptieren – schließlich hat der Trainer in der Vorsaison nahezu alles richtig gemacht.“

Keine Rachegelüste

Am 3. September war die Meldung dann reif für die Öffentlichkeit: Silas, der beim VfB noch einen Vertrag bis 2026 besitzt, wechselt auf Leihbasis für eine Spielzeit zu Roter Stern Belgrad – und schlüpft somit an diesem Mittwoch (18.45 Uhr) in die Rolle des Gastgebers: Schließlich empfängt der Stürmer im Dress der Serben am fünften von acht Spieltagen der Champions League nun seine alten Teamkollegen aus Stuttgart. „Es gibt da überhaupt keine Rachegelüste“, sagt Berater Eser: „Ganz im Gegenteil: Silas vermisst Stuttgart.“

Wenn man einmal davon absieht, dass zwischen dem fußballerischen Niveau der serbischen Liga und dem der Bundesliga eine erhebliche Lücke klafft, ist Silas bei Roter Stern fußballerisch ganz gut angekommen. Vier Tore hat er in der serbischen Liga bisher erzielt. Und im letzten Heimspiel in der Königsklasse gegen den FC Barcelona (2:5) hat er ebenfalls getroffen.

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass der 26-Jährige bislang noch kein Ligaspiel über 90 Minuten absolviert hat – und dass Roter Stern in der Champions League gegen Benfica Lissabon, Inter Mailand, AS Monaco und Barcelona ausnahmslos Niederlagen kassiert hat, weshalb man als eines von fünf Teams punktlos am unteren Ende der Tabelle steht.

Häufiger Gast im Ländle

Auch persönlich läuft für Silas nicht alles glatt: So wohnt er zwar in einem schicken Häuschen in der Nähe des Stadions, doch die Familie fehlt. Weil Serbien nicht in der EU liegt, hätte die Bearbeitung der Visa für seine Ehefrau, die Zwillinge und das dritte Kind rund zehn Monate betragen. Das, so fand man, lohne sich nicht. Die Familie blieb also in Stuttgart.

Auch Silas ist daher so oft es geht im Ländle, fühlt sich hier sehr wohl. „Sportlich ist es sein Traum, im Sommer wieder auf dem Trainingsplatz des VfB zu stehen – und voll anzugreifen“, sagt Berater Eser über den Spieler, der dann in sein letztes Vertragsjahr mit den Stuttgartern geht: „Er will den Fans noch etwas zurückgeben.“

Von denen hatte er sich mit emotionalen Worten verabschiedet. „Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich jeden Augenblick mit euch auf dem Feld genossen habe“, schrieb Silas im sozialen Netzwerk Instagram: „Dank euch war jedes Spiel etwas Besonderes.“

Tatsächlich hatte es eine innige Beziehung zum VfB-Publikum gegeben. Als der heutige Sportvorstand Fabian Wohlgemuth den Vertrag mit dem Stürmer in einer seiner ersten Amtshandlungen im Winter 2023 verlängerte, da galt das als ein Meilenstein für den Verein, der damals mal wieder im Abstiegskampf steckte. Mit Silas als bestem Torschützen.

„Silas hängt am VfB, weil man gemeinsam durch dick und dünn gegangen ist“, sagt Eser. Als der Spieler im Sommer 2019 für acht Millionen Euro vom FC Paris kam, war der VfB gerade abgestiegen. Neben sieben Toren und acht Vorlagen im Aufstiegsjahr durchlebte man gemeinsam eine Pandemie, zwei schwere Verletzungen (2021 Kreuzband, 2022 Schulter) und die Offenlegung seiner falschen Identität als Silas Wamangituka.

Doch abseits der großen Gefühle ist der Profifußball ein knallhartes Geschäft: So besitzen die Belgrader um ihren Manager Marko Marin eine Option, Silas für etwas mehr als zehn Millionen Euro zu kaufen. Doch dieses Szenario erscheint allein aus Spieler-Sicht wenig realistisch. Auch eine Rückkehr zum VfB dürfte schwierig werden, zumindest unter dem Trainer Hoeneß, der für die teils unorthodoxe Spielweise des schnellen und trickreichen Afrikaners keine Verwendung hat. Schließlich setzt der VfB-Trainer weniger auf starke Individualisten, sondern auf Offensivspieler, die abseits der großen Spielkunst auch ihre Defensivaufgaben erledigen.

So wurde Silas, der in bislang 132 Pflichtspielen für den VfB auf 35 Tore und 21 Vorlagen kommt, bereits in der Vorsaison auf dem rechten Flügel von Jamie Leweling der Rang abgelaufen. Daher gilt es nach heutigem Stand als sehr wahrscheinlich, dass der Spieler im nächsten Sommer weiterverkauft wird. Schließlich ließe sich so letztmals eine Ablösesumme erzielen.