Daniel arbeitet bei Mercedes – angestellt ist er bei einer Leiharbeitsfirma. Seine Geschichte handelt von Unsicherheit, Bewerbungsfrust und dem Versuch, eine stabile Zukunft aufzubauen.
Daniel B.* ist Ingenieur. Sein Arbeitsplatz: Mercedes-Benz. Gute Voraussetzungen für ein sicheres Einkommen. Doch der 32-Jährige liegt häufiger nachts wach. Existenzielle Sorgen begleiten ihn. Denn angestellt ist er nicht bei Mercedes, sondern bei einem Personaldienstleister.„Manchmal packt es mich wirklich, wenn ich abends im Bett liege und denke: Was machst du eigentlich nächstes Jahr?“
Daniel, der eigentlich anders heißt, studierte ab 2018 Produktionstechnik an der Hochschule Heilbronn. Als Werkstudent war er bei Mercedes und Siemens tätig. Nach dem Abschluss folgte nicht der erhoffte Direkteinstieg – stattdessen „explodierte“ sein LinkedIn-Postfach: „Ich wurde überhäuft mit Nachrichten von Personaldienstleistern“, die ihm Stellen anboten.
Über eine halbe Million Menschen arbeiten als Leiharbeiter
Im Mai 2022 entschied er sich für einen Anbieter, der ihn zu Mercedes in Sindelfingen entsandte. Dort hatte er bereits als Werkstudent gearbeitet, kannte das Umfeld. Er stieg in einem frühen Stadium in die Entwicklung des neuen Mercedes CLA ein. Nach einem Jahr war Schluss, weil die Planungen abgeschlossen waren. Eine Anschlussaufgabe gab es nicht.
Das Modell, in dem Daniel B. und mit ihm deutschlandweit etwa 550.000 Menschen arbeiten, nennt sich Arbeitnehmerüberlassung und ist längst Alltag in der deutschen Industrie. Bei der Arbeitnehmerüberlassung schließt ein Personaldienstleister einen Arbeitsvertrag mit einer Arbeitskraft und „verleiht“ diese gegen Entgelt an ein Kundenunternehmen. Der Zeitarbeiter arbeitet dort unter Weisung des Kunden, bleibt aber rechtlich beim Dienstleister angestellt. Ursprünglich gedacht für Auftragsspitzen, ist das Modell heute ein fester Bestandteil der Personalstrategie vieler Konzerne.
Von Mercedes zu Porsche – mit zwei verschiedenen Dienstleistern
„Ich habe 187 Bewerbungen in den vergangenen drei Jahren geschrieben“, sagt Daniel. Mit Empfehlungsschreiben von Professoren und Führungskräften. Oft habe er nicht einmal eine Rückmeldung erhalten. Dabei sei er nicht auf die Autoindustrie oder große Namen fixiert – nicht einmal auf seine Heimatstadt Stuttgart. Aber wenn, waren es die Leiharbeiterfirmen, die ihm eine Stelle anbieten konnten.
Und so entschied sich Daniel im Sommer 2023 für einen Arbeitgeberwechsel: neuer Dienstleister, neuer Entleiher – Porsche. Dort sollte er vier Jahre bleiben, mit Aussicht auf Übernahme. „In 99,9 Prozent der Fälle bist du danach drin“, habe man ihm beim Vorstellungsgespräch gesagt.
Doch es kam anders. Nach seinem Winterurlaub eröffnete ihm sein Vorgesetzter bei Porsche, dass das Projekt – ein elektrischer Sportwagen – eingestellt wird. Nach nicht mal einem Jahr bei Porsche, musste er wieder gehen.
Daniels Projekt bei Mercedes endet im Sommer 2026
Die Hoffnung auf eine Festanstellung erfüllte sich erst recht nicht. Und das ist kein Einzelfall. Der Gesamtverband der Personaldienstleister (GVP) bestätigt: Zeitarbeit führt heute deutlich seltener als früher zu einer Übernahme bei großen Herstellern.
Was folgte, beschreibt Daniel als systematisch: Der Dienstleister habe ihm eine Stelle angeboten, für die er nicht qualifiziert war. Nach einem Monat war klar – es passt nicht. Nach Rücksprache kündigte der Dienstleister ihm.
Heute ist Daniel wieder bei seinem ersten Arbeitgeber angestellt – erneut arbeitet er als Leiharbeiter bei Mercedes, erneut mit unbefristetem Vertrag seitens des Personaldienstleisters. Doch was ist das wert? Bereits jetzt sei klar, dass sein aktuelles Projekt im Sommer 2026 abgeschlossen ist. Er mache sich deshalb Sorgen, hat natürlich „Verbindlichkeiten“, die er bezahlen müsse. „Ich weiß nicht, was nächstes Jahr ist.“
Sein Rat an junge Leute: Macht eine Ausbildung bei Mercedes
Vor drei Jahren, zu Beginn seines Erweblebens, hatte er keine andere Chance gesehen, als bei einer Zeitarbeitsfirma anzufangen. „Ich dachte, ich ergreife den letzten Strohhalm“, sagt Daniel. Auch wenn er seinen Job liebt, stellt er sich immer wieder die Frage, ob das Studium die richtige Entscheidung war. „Wenn mich heute jüngere Leute fragen, was sie beruflich machen sollen, sage ich: Mach eine Ausbildung bei Mercedes. Dann gehörst du dazu.“
Die Geschichte von Daniel B. steht exemplarisch für eine Branche im Umbruch. Insgesamt steigt die Arbeitslosigkeit in der Region Stuttgart – hauptsächlich in der Industrie. Der Gesamtverband der Personaldienstleister berichtet: „Die Stimmung unter den Personaldienstleistern ist so schlecht wie seit der Wirtschaftskrise 2008 nicht mehr.“ Seit 2017 habe die Branche ein Drittel der Zeitarbeitskräfte „verloren“ – unter anderem wegen wirtschaftlicher Stagnation und hoher Arbeitskosten. Was „verloren“ aber in diesem Kontext genau bedeutet, bleibt offen. Möglich ist auch, dass zumindest vor ein paar Jahren noch mehr Menschen direkt bei Unternehmen angestellt wurden.
Wie reagieren Personaldienstleister auf die Krise in der Autoindustrie?
Daniel stehen vertraglich rund 4.300 Euro Basisgehalt zu – unabhängig davon, ob und wohin er verliehen wird. Doch seiner Erfahrung nach läuft es so ab: „Die legen dir drei neue Projekte vor. Du hast drei Gespräche. Wenn bei den drei nichts klappt, sagen sie: Du bist nicht vermittelbar. Oder sie geben dir was, von dem man weiß: Das ist nicht für dich gemacht.“
Bei Gesprächen mit dem Verband geben Mitgliedsunternehmen an, dass sie auf die wirtschaftliche Situation – etwa bei Projektabbrüchen – reagieren wollen. Häufig genannt werde nach Angaben des GVP unter anderem ein diversifiziertes Kundenportfolio und die Qualifizierung in Einsatzpausen. Sprich, die Firmen wollen sich weniger abhängig machen von einzelnen Branchen und die Beschäftigen auf breitere Einsatzmöglichkeiten vorbereiten. Daniels Erfahrung ist eine andere. Er sagt, dass er bislang keine Weiterqualifizierung in Anspruch nehmen durfte – sein Dienstleister habe dies mit der schlechten wirtschaftlichen Lage begründet.
Die Autoindustrie steht unter Druck
Mittlerweile hat sich der 32-Jährige dazu entscheiden, selbst aktiv zu werden: Er beginnt ein berufsbegleitendes Masterstudium in KI- und Digitalisierungsmanagement. Kostenpunkt: 20.000 Euro. „Ich sehe das nicht als Geld, das ich aus dem Fenster werfe. Sondern als Chance, aus der Spirale rauszukommen.“
Trotz aller Rückschläge bleibt Daniel optimistisch. Als Fußballtrainer weiß er: „Aus Niederlagen lernt man am meisten.“ Es ist eine Haltung, die ihn trägt – auch in einer Branche, die sich tiefgreifend verändert. Elektromobilität, geopolitische Unsicherheiten setzen die Automobilindustrie unter Druck – und sie antworten mit Sparprogrammen. Dennoch bleibt Daniel hoffnungsvoll auf eine stabile Zukunft – am liebsten weiterhin in der Automobilbranche, trotz aller Zweifel.
* Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.
Politische Weichenstellung
AÜG
Die Arbeitnehmerüberlassung – oft auch Zeitarbeit genannt – ist in Deutschland seit 1972 gesetzlich geregelt. Damals trat das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) in Kraft.
Hartz-Reform
Mit den Hartz-Reformen ab 2003 änderten sich die Regeln grundlegend. Die rot-grüne Bundesregierung wollte die Arbeitslosigkeit bekämpfen – und machte Zeitarbeit zum politischen Werkzeug. Das AÜG wurde massiv gelockert: Schutzmechanismen wie etwa das Verbot, Arbeitsverträge direkt an Projekte zu koppeln, fielen weg. Andererseits wurde der sogenannte Gleichstellungsgrundsatz im Gesetz verankert. Dieser soll sicherstellen, dass Leiharbeiter nicht schlechter behandelt werden als Festangestellte.
Etablierung Seitdem ist Leiharbeit nicht mehr nur eine kurzfristige Lösung für Auftragsspitzen – sondern ein fester Bestandteil der Personalstrategie vieler Unternehmen. Kritiker sprechen von einer „Entgrenzung“ der Arbeit – Befürworter von einem „Einstieg in den Arbeitsmarkt“.