Aus Gechingen an Europas Spitze: Katharina Jaiser schlägt bei den Masters-Läuferinnen ein neues Kapitel auf. Wir haben mit ihr gesprochen.
Als Katharina Becker hat sie in der Jugend die deutsche Lauf-Spitze aufgemischt. Nach einer langen Familienpause hat sie als Lauf-Ommmma bei deutschen Meisterschaften der Aktiven begeistert. Und jetzt startet Katharina Jaiser aus Gechingen in ein neues Kapitel ihrer Läuferinnen-Karriere.
Wenn am Freitag im polnischen Torun die Masters-Europameisterinnen über 3000 Meter gesucht werden, ist sie mittendrin in dem Feld der europäischen Spitzenläuferinnen. Um 15.25 Uhr wird es für sie und ihre neun Konkurrentinnen ernst.
Nach einer zähen Saison und einem verletzungstechnisch problematischen Winter stehen die Chancen nicht schlecht, sogar in den Kampf um Edelmetall einzugreifen. Auf eine Sache freut sie sich ganz besonders, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion verrät.
Lange nichts gehört und gesehen, was war los? Aufgehört oder ausgewandert?
Katharina Jaiser: Weder noch, ich hab mein Plätzchen gefunden. Da bleibe ich. Die letzte Saison war so schwer für den Kopf, dass der Körper sich jetzt auch seine Pause erkämpft hat. Seit Anfang November war kein vernünftiges Training ohne Unterbrechung möglich, weil eine Sehne im Fuß die Oberhand über das ganze System ergriffen hat.
Das erklärt, warum wir keine Hallenrennen gesehen haben.
Noch ist nicht aller Tage Abend: Für mich gibt es jetzt tatsächlich noch einen versöhnlichen Abschluss. Am Freitag starte ich bei der Hallen-EM der Masters in Torun, Polen.
Von null auf hundert? Kann das klappen?
Von null nicht ganz. Auch in der Zwangspause habe ich einiges getan und konnte an den unangenehmen Baustellen arbeiten. Verletzungen gehören zum Leistungssport dazu, es ist immer eine Gratwanderung. Allerdings habe ich jedes Mal neu die Wahl, ob ich den Kopf in den Sand stecke oder die Situation annehme und das Beste daraus mache.
Die Frage ist, warum Sie das immer noch so durchziehen.
Weil ich es kann. Ich habe einen unglaublichen Rückhalt von meiner Familie. Ja, der Gedanke ans Aufhören war da. Der Familienrat hat aber beschlossen, dass noch nicht die Zeit dafür ist. Zweifeln ist absolut normal und gehört dazu, daher lasse ich mich davon auch nicht verunsichern. Ich gehe meinen Weg, der bei genau niemandem so aussieht, und das ist meine Superkraft.
Das hört sich nach Ehrgeiz an. Was haben Sie denn genau vor in Torun?
Allein, dass ich da überhaupt an der Startlinie stehe, ist für mich ein kleines Wunder. Wie gesagt, das letzte halbe Jahr war nicht leicht und immer wieder von Rückschlägen geprägt. Auseinandersetzungen, die nicht hätten sein dürfen und einem einfach den Boden unter den Füßen weggerissen haben. Da so selbstbewusst reinzugehen und meinen Standpunkt zu verteidigen, war eine Herausforderung. Ohne meine Sponsoren – ein Lebensmittelhändler aus Gechingen und ein Sportartikelhändler aus Sindelfingen – wäre das rein finanziell nicht möglich gewesen.
Die Startgebühren werden aber doch vom Verein getragen?
Leider nein. Da es sich „nur“ um Masters handelt wird das nicht unterstützt, nicht einmal die Startgebühr wird übernommen.
Das heißt, Sie denken an einen Abschied vom VfL Sindelfingen?
Das wäre zu vermuten, ja. Da ich aber eine so wundervolle Trainingsgruppe habe, die mich immer wieder aufbaut, wenn andere Scherben hinterlassen haben, ist das aktuell keine Option. Durch die gegebenen Umstände ist aber auch kein Start bei der WM im Sommer in Deagu geplant.
Was ist Ihr Ziel in Torun? Mit dem Motto „Just for fun“ fahren Sie da nicht hin. Das ist nicht Ihre Einstellung.
Es ist das erste Rennen seit Langem, daher weiß ich nicht wirklich, wo ich stehe. Ich konnte seit acht Wochen echt gut und weitestgehend schmerzfrei trainieren. Natürlich: Besser geht immer, aber ich gehe da ganz unvoreingenommen rein. Demütig. Dankbar. Wir sind zehn Starterinnen, in der Meldeliste parke ich auf Platz 2. Eine Medaille wäre eine Belohnung für alle, die da im Hintergrund mitgearbeitet haben, dass ich wieder auf die Beine komme. Ich laufe also nicht nur für mich, und das beflügelt ungemein.
Und der Ort: Torun. Schließlich waren die Welt-Titelkämpfe der Aktiven am Wochenende am selben Ort.
Richtig. Dementsprechend ist alles genauso vorbereitet, also ganz großes Kino. Das ist eine der besten Leichtathletikhallen der Welt. Die Rundbahn ist 200 Meter lang, wir müssen also 15 Runden kreiseln.
Sie werden im Dezember 40, starten aber in der W35 und nicht in der W40, warum?
W35, weil international der Stichtag das Datum des Rennens ist. Ich müsste also schon 40 sein, um in der W40 starten zu dürfen. National wird das Rennen aber trotzdem in der W40 anerkannt, weil da das Jahr gewertet wird. Würde ich also den deutschen Rekord der W40 laufen – der liegt bei 9:53 Minuten – dann würde der zählen. Aber wir wollen ja keinen unnötigen Druck aufbauen ... (lacht).
Auf was freuen Sie sich am meisten?
Dass ich noch mal die Gelegenheit bekomme, im Nationaltrikot zu starten und zu glänzen. Dass ich zeigen darf, was ich kann. Und dass meine Athleten eine Watchparty bei besagtem Sindelfinger Sponsor organisiert haben und jetzt ganz genau schauen, was die Coachin aufs Parkett legt … und am allermeisten: auf den Moment im Rennen, wenn ich den Turbo zünden darf.
Läuft man über 3000 Meter nicht von Anfang an Vollgas?
Nicht unbedingt. Die ersten Runden rollt man rein, sucht das Tempo. Da wird die Konkurrenz begutachtet. Das Tempo wird im besten Fall konstant hoch gehalten. Zwischen 2000 und 2500 Meter geht dann die Post ab, die Plätze werden auf den letzten zwei Runden verteilt. Bei Meisterschaftsrennen spielt Taktik eine große Rolle.
Dann lassen wir uns mal überraschen. Viel Erfolg und: Wir hören uns hinter der Ziellinie.
Vielen Dank. Ich tu mein Bestes.