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Leichtathletik Die verlorene Ehre  des  Benedikt Karus

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Benedikt Karus. Foto: imago/imago sportfotodienst

Der Nordschwarzwälder Benedikt Karus wurde mit einer vierjährigen Dopingsperre belegt – obwohl er mit großer Wahrscheinlichkeit unschuldig war.

Die Gemeinde Rhäzüns im Kanton Graubünden ist ein Bilderbuchdorf in den Schweizer Bergen. 1500 Einwohner, idyllisch gelegen am Fuße des 1942 Meter hohen Crest Ault, gepflegte Häuser, viel Sonne und überall Grün. Ein Paradies für Obstbauern, junge Familien und Aktivurlauber. Ein idealer Platz, um zur Ruhe zu kommen, zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen.

Der perfekte Ort für Benedikt Karus. Karus (29), ehemaliger Hochleistungssportler aus dem Loßburger Stadtteil Schömberg (Kreis Freudenstadt) und heutiger Assistenzarzt für Anästhesie und Notfallmedizin im Kantonsspital im nahen Chur, ist ein verurteilter Dopingsünder. 2015 wurde er für vier Jahre gesperrt, obwohl er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unschuldig war.

Im Frühjahr dieses Jahres ist seine Sperre abgelaufen, Karus könnte wieder an Wettkämpfen teilnehmen. Doch hat er längst verbittert abgeschlossen mit seinem früheren Leben als Hindernis- und Crossläufer. Er will auch nicht mehr darüber sprechen. "Es ist alles gesagt", schreibt er in einer Mail, "der Rest ist mein Privatleben, das ich freundlichst bitte zu respektieren."

Kein Fehler, wenn man trotzdem daran erinnert, an den Fall des Benedikt Karus, der miterleben musste, wie von einem Tag auf den anderen nicht nur seine Laufkarriere zerstört wurde, sondern auch sein Glauben an die Gerechtigkeit. Es ist ein Fall, der "in allen Bereichen geradezu paradigmatisch für alles ist, was man im Antidopingkampf falsch machen kann", sagt Perikles Simon, einer der profiliertesten Dopingjäger des Landes, der 2017 seinen jahrelangen Kampf um sauberen Sport tief frustriert eingestellt hat: "Obwohl er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gedopt hat, hatte er von Beginn an keine Chance, seine Unschuld zu beweisen."

Umfeld, Freunde und Trainer glauben bis heute nicht, dass er betrogen haben könnte

8. Februar 2015. Benedikt Karus gewinnt einen Crosslauf in Diekirch (Luxemburg), das Preisgeld liegt bei 800 Euro. Es folgt die Dopingprobe – Routine für den langjährigen Bundeskaderathleten und deutschen Hindernis-Meister. Am 12. März 2015, einem Donnerstag, steht die Kriminalpolizei mit Durchsuchungsbeschluss vor seiner Studentenbude in Tübingen. Verdacht auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz infolge eines positiven Dopingtests aus Luxemburg. Karus, Freund der Demeter-Kost und alternativen Medizin, dessen Blutwerte nie auffällig waren, zieht es den Boden unter den Füßen weg.

Der frühere Waldorfschüler und Sohn eines Seelsorgerehepaars ein Betrüger? Der allseits beliebte Bene, der 2012 auf die Teilnahme an der Junioren-EM im Crosslauf verzichtet hatte, um einem leukämiekranken Kind durch seine Knochenmarkspende das Leben zu retten, ein Dopingsünder? Nie im Leben, das beteuert nicht nur Karus selbst.

Das sagen auch alle, die ihn kennen. "Für ihn stand der Sport nie an erster Stelle", sagt sein langjähriger Trainer Jörg Müller von der LG Nordschwarzwald. "Er ist einer der ehrlichsten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe, er ist für mich ein Vorbild", sagt die deutsche Crossmeisterin Elena Burkard.

"Er wollte über dem System stehen", sagt im "Spiegel" Lars Mortsiefer, der Chefankläger der Nationalen Antidopingagentur (Nada), und vergleicht den Mittelklasseläufer mit Lance Armstrong, dem Radfahrer und Jahrhundertdoper. "Man rennt ja nicht durch Zufall in eine Nadel rein."

Am Institut für Biochemie der Sporthochschule Köln stellte Dopingfahnder Wilhelm Schänzer in Karus’ Urin ein schwach ausgeprägtes Signal für Darbepoetin fest, ein Epo-Präparat, das nur gespritzt werden kann und lange nachweisbar ist. Auch die B-Probe, die Karus sofort beantragt, ist positiv.

Doping-Experte: "Das System der Nada sieht nicht vor, Fehler einzugestehen"

Für Benedikt Karus beginnt der so verzweifelte wie aussichtslose Versuch, den Beweis seiner Unschuld anzutreten. Es ist ein Kampf, der ihn viel Zeit und Geld kostet – und beinahe den Verstand. Von einem "regelrechten Alptraum", "zeitweiliger Isolation" und "depressiven Phasen" schreibt er auf seiner Internetseite. Und fett gedruckt: "Ich, Benedikt Karus, habe nicht gedopt."

Im Oktober 2015 schickt Karus seine angeblich positive Urinprobe an ein international anerkanntes Labor in Tokio. 10 000 Euro kostet ihn die Untersuchung, die nach einem anderen, weniger subjektiven und verlässlicheren Verfahren als in Köln durchgeführt wird. Das erlösende Ergebnis aus Japan kommt im März 2016. Die Probe ist eindeutig negativ. Karus’ Anwalt, der Tübinger Strafrechtler Dieter Rössner, stellt den Antrag, das Verfahren einzustellen.

Das Problem: "Das System der Nada sieht nicht vor, Fehler einzugestehen", sagt Perikles Simon. Sein Gutachten, das von einer fehlerhaften A-Probe ausgeht, wird ebenso ignoriert wie das Tokio-Ergebnis, das Nada-Mann Mortsiefer als "nicht relevant" erachtet. Im August 2016 folgt das Sportschiedsgericht den Ausführungen des Kölner Laborleiters Schänzer, der auf der Überlegenheit seines Testverfahrens beharrt.

Benedikt Karus wird mit einer vierjährigen Sperre belegt. Als Ersttäter wird ihm eine Halbierung angeboten- doch müsste er dafür gestehen, was er gar nicht getan hat. Ein Ablasshandel, der für seinen Anwalt den letzten Tiefpunkt eines skandalösen Verfahrens darstellt: "Es ist völlig absurd, dass ein Athlet mit einer wahrheitswidrigen Schilderung eines fiktiven Delikts besser davonkommen würde", sagt Rössner.

Im März 2019 ist Karus’ Sperre abgelaufen. Im Mai haben norwegische Wissenschaftler eine Studie seines Falls veröffentlicht. Das Ergebnis ist nicht überraschend. Es bestätigt das Gutachten von Perikles Simon ebenso wie den negativen Test aus Tokio. Die Suspendierung sei "unangemessen" gewesen, der Kölner Labortest "fehlerhaft", das ganze Verfahren "intransparent". "Für Athleten, die Opfer von Laborfehlern werden, sind die Folgen für ihre sportliche Laufbahn katastrophal, und ihr Recht auf Recht ist fast nicht vorhanden", so die Forscher.

Benedikt Karus ist jetzt Arzt und Hobbysportler, "ich bin ein freier Mensch und genieße mein Leben", schreibt er. "An den Aggressionen", die wegen des Unrechts, das ihm widerfahren ist, immer wieder in ihm aufsteigen, arbeite er gewissenhaft. Irgendwann werde er "bestimmt noch besser damit klarkommen".

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