Da kommt nicht unbedingt Urlaubsstimmung auf: Kurz vor dem Schuljahresende werden Lehrer abgezogen, um an anderen Schulen die (noch größeren) Lücken zu füllen. Der Gesamtelternbeirat spricht von einer „Mangelverwaltung“.
Das neue Schuljahr naht, die alten Probleme bleiben: Egal, mit wem die Redaktion Kontakt aufnimmt, die Stimmungslage ist die gleiche, bei Schulleitern, Lehrern wie Elternvertretern: Die Lehrerversorgung bleibt angespannt, auch im Schuljahr 2023/24 werden Engpässe und Ausfälle ein fester Bestandteil im Stundenplan sein.
Und auch an einer Einschätzung hat sich nicht viel getan: Nach wie vor, so die Kritik quer durch die Schullandschaft, werden viel zu wenige Qualifizierungen angeboten für „Nichterfüller“, also Quereinsteiger ohne pädagogischen Abschluss, um diese meist engagierten wie motivierten Männer und Frauen umfassend und gründlich auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Und auch eine andere Einschätzung bleibt im neuen Schuljahr erhalten: „Ohne die (Nichterfüller) können wir einpacken“, wie es ein Rektor ausdrückt.
Versetzung bringt Unruhe
Wie sich der „Mangel“ auswirkt, das zeigt sehr gut „das Geschachere“ an der Karl-Brachat-Realschule, wie es Tino Berthold formuliert, seit Jahren Vorsitzender des Gesamtelternbeirats für die Schulen Villingen-Schwenningen. Noch vor wenigen Jahren meldete eine der größten VS-Schulen, dass „alle Pflichtstunden besetzt sind“ und eine ordentliche Lehrerversorgung sichergestellt ist. Das ist vorbei, da Lehrer abgezogen wurden. Der Blick ins Beamtenrecht zeigt zwar, dass Lehrer grundsätzlich versetzt werden können. Doch in Zeiten des chronischen Mangels, „löst so etwas nur erhebliche Unruhe aus“, so Berthold.
Dem Vernehmen nach auch innerhalb der betroffenen Realschule, um es noch vorsichtig auszudrücken: „Die waren richtig sauer“, heißt es aus gut informierten Kreisen. Schulleiter Thomas Schultis hat sich das neue Schuljahr sicherlich anders vorgestellt. „Wie waren gut versorgt“, meinte er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Waren gut versorgt“, denn nun wurden auf Weisung des Schulamtes Lehrer an andere Schulen abgezogen, wo die personelle Lage noch angespannter ist.
Situation bleibt angespannt
Schultis zeigt zwar Verständnis für die Entscheidung der Behörde, aber er räumt ein, dass eine solche Entscheidung Unruhe in die Schule bringe, zumal es sich auch um Klassenlehrer handle. Wie also dieser „Misere“ begegnen? Schultis steht nicht alleine da mit seiner Forderung, die Qualifizierung auszuweiten und diese fundierter zu gestalten und nicht nur „sechs Termine zu je zweieinhalb Stunden“, wie eine Nichterfüllerin schreibt.
Denkbar wäre zudem das Bayern-Modell: Prämien für Junglehrer, wenn sie in Regionen gehen, die nicht so beliebt sind wie in Baden-Württemberg beispielsweise Freiburg oder Tübingen. „Wichtig ist, dass etwas passiert, denn unser System ist am Anschlag.“ Also das gleiche wie im Vorjahr, so Bertholds Kommentar: Unterrichtsausfälle, das ständige Stopfen von Lücken, das Hin -und Herschieben von Pädagogen, „wie auf einem Schachbrett“. Die Bildungspolitik im Land „ist zum Heulen“.
Wie steht es um die Lehrerversorgung in VS und im Kreis? Bessere Noten springen auch fürs kommende Schuljahr nicht heraus, wie aus der E-Mail von Susanne Cortinovis-Piel, Leiterin des Staatlichen Schulamtes, hervorgeht „Es ist anzunehmen, dass sich im kommenden Schuljahr eine dem jetzigen Schuljahr vergleichbare Situation abzeichnet.“ Die landesweite Versorgungssituation bleibe angespannt.
Zahl der Nichterfüller steigt
„Zur Stabilisierung der Lehrerversorgung tragen Personen ohne Lehramtsausbildung erheblich bei“, schreibt auch sie zu den „Nichterfüllern“. Die Zahl der Personen ohne Lehramtsausbildung nehme eher zu, „wobei deren prozentualer Anteil gegenüber den Lehrkräften mit Lehramtsausbildung gesichert im einstelligen Bereich bleibt.“ In manchen Schulen kann der Anteil der Nichterfüller dem Vernehmen nach 20 Prozent betragen.
Transparenz gefordert
Nach wie vor fordern Elternvertreter Transparenz: „Wir wollen wissen, wer vor der Klasse steht“, so Berthold, ob jemand mit pädagogischer Vorbildung oder eine frühere Verwaltungsangestellte. „Würden die Leute eine richtige Qualifizierung durchlaufen, wäre das wohl fast kein Thema mehr.“
Ähnlich sieht dies auch Elmar Dressel, Leiter der Südstadtschule in Villingen. Ohne diese fundierte Basis, „werden die Nichterfüller beim kleinsten Fehler schnell zur Zielscheibe“. Schulinterne Kreise sehen in den völlig unzureichenden Angeboten auch die Gefahr, dass es zu einer „schleichenden Deprofessionalisierung“ des Lehrberufes kommt.