Den Schulen fehlt Geld und Personal. Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sehen die Lehrer zunehmend unter Druck. Manche kündigten deshalb sogar ihren Job.
Von der aktuellen Lage an den Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen sowie den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) zeichnen Dietrich Gerhards und Oliver Nowack kein gutes Bild. Nowack ist Lehrer an der Wimbergschule, Gerhards Rektor der Grundschule in Eisingen.
Beide nahmen am Dienstag in Schömberg an der Personalversammlung der Lehrkräfte der Schulen des Schulamts Pforzheim (dazu gehört der Kreis Calw) teil. Gerhards (Pforzheim/Enzkreis) und Nowack (Calw/Freudenstadt) vertreten zudem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Problem liegt in der Politik
Problem liegt in der Politik Es gebe einen Lehrkräftemangel, was zu Unterrichtsausfall führe, so Gerhards. „Die Situation wird immer schlechter“, sagt er. Besonders an den SBBZ sei die Lage prekär. Es gebe nur eine Unterrichtsversorgung von 88 Prozent. An der Seeäckerschule in Stammheim seien es sogar lediglich 60 Prozent, ergänzt Nowack. Eigentlich bräuchte man 110 Prozent, um den Ausfall kranker oder in Elternzeit befindliche Lehrer auszugleichen. Das Problem liege auf politischer Ebene. Im gesamten Regierungsbezirk seien bloß eine Handvoll neuer Beamtenstellen ausgeschrieben. Das sei zu wenig.
Darunter leide die Inklusion. Die scheitere wegen des Personalmangels. Das Geld im Landeshaushalt sei falsch verteilt. Baden-Württemberg sei eines der reichsten Länder, gebe im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt aber „mit am wenigsten“ für Bildung aus. „Die Gesamtausgaben für Bildung sind zu gering“, sagt Gerhards.
Kein Überstundenausgleich
Das fehlende Geld treffe auf einen Fachkräftemangel und eine Arbeitszeitverdichtung. „Mehr Aufgaben, weniger Personal“, formuliert es Gerhards. 41 Stunden sei die Regelarbeitszeit, 50 Stunden pro Woche die Realität, so Nowack. Einen Ausgleich der Überstunden gebe es nicht. Denn das Kultusministerium sträube sich gegen eine Erfassung der Arbeitszeit von Lehrern, so Gerhards.
Er kritisiert zudem die durch die Schulgesetzänderung faktisch eingeführte Grundschulempfehlung für Gymnasien. „Wir halten die Zugangsbeschränkung für falsch“, sagt er. Die verursache viel Aufwand, die Eingruppierung nach der vierten Klasse käme zu früh. Das gebe es weltweit nur in Deutschland und Österreich.
Zu wenig Personal
Jammern auf hohem Niveau? Warum nehmen die Schülerzahlen an den SBBZ zu? Gerhards sieht eine veränderte Kindheit als Grund. Eltern läsen weniger vor, Kinder schauten auf Handys anstatt auf Bäume zu klettern, so Gerhards. Im Extremfall führe das zu einem erhöhten Förderbedarf – die Kinder landen am SBBZ. Zudem brächen die Familienstrukturen weg. Die SBBZ müssen also immer mehr auffangen, hätten aber zu wenig Personal. Gerade der Kreis Calw sei eine „Mangelregion“, sagt Nowack. Die Seeäckerschule müsse die Kinder an manchen Tagen heimschicken, weil die Lehrer fehlten.
Immer mehr kündigen
Das habe neben fehlendem Geld und Stellen auch damit zu tun, dass Studienabgänger lieber in Ballungszentren wohnen wollen, so Gerhards. Denn die Anzahl der Hochschulabgänger könne den Bedarf eigentlich decken. Mit einem Universitätsabschluss ließe sich in der freien Wirtschaft mehr Geld verdienen, als als Lehrer, meint Gerhards. Natürlich habe man als Lehrer gewisse Privilegien. Doch dass die nicht mehr reichen, belege ein anderes Phänomen: Immer mehr Lehrer kündigten ihren Job – und schauten sich nach einer anderen Arbeit um.