Kultusministerin Schopper spricht eine Einladung an Referendare aus. Die halten das Angebot für vergiftet. Foto: dpa

An Gymnasien im Land gibt es wegen der Rückkehr zum G9 zu viele Lehrer, an anderen Schulen zu wenige. Ministerin Schopper will einen Ausgleich schaffen.

Bis zum Schuljahr 2032/33 will Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) in Baden-Württemberg systematisch mehr frisch ausgebildete Gymnasiallehrer für den Einsatz an anderen Schularten gewinnen. Der Grund ist, dass durch die Umstellung auf G9 ab dem nächsten Schuljahr sieben Jahre lang an den Gymnasien weniger, dann aber schlagartig mehr Lehrkräfte für die neuen 13. Klassen benötigt werden. An Real-, Gemeinschafts- und Berufsschulen herrscht dagegen weiterhin drängender Lehrermangel. Hier will Schopper, wie ihr Haus auf Anfrage bestätigt hat, einen Ausgleich schaffen. Sie lädt deshalb Gymnasiallehrkräfte ein, ihre Karriere an einer anderen Schulart zu beginnen. Nach drei Jahren verspricht sie dem Nachwuchs eine Rückkehroption in die gymnasiale Laufbahn.

 

Tausende Unterstützer für Online-Petition der Referendare

Während der Landeselternbeirat den Vorstoß unterstützt, löst er bei Referendaren, die keine Einstellung an einem Gymnasium erhalten, Kritik aus. Sie fühlen sich getäuscht, weil es entgegen des seit Jahren beklagten Lehrermangels an Gymnasien nun kaum Chancen auf eine Einstellung gebe, erklärten sie in einem offenen Brief, der auf der Online-Petitionsplattform Change.org bereits 7000 Unterstützer gefunden hat.

Die CDU hält den Kurs des Ministeriums für falsch und fordert einen Kurswechsel von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). „Wer heute spart, riskiert morgen einen Zusammenbruch der Unterrichtsversorgung. Das ist nicht vorausschauend – das ist fahrlässig“, sagte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Andreas Sturm. Sturm fürchtet, dass angehende Lehrkräfte, die jetzt keine Stelle bekommen, vergrault werden könnten. „Wenn wir jetzt keine Perspektiven bieten, wandern die Leute ab – nach Bayern, nach Hessen oder ganz raus aus dem Beruf. Dann wird es richtig teuer.“

Auch der Philologenverband kritisiert das Vorgehen und wirbt um Einstellungen an Gymnasien über den Bedarf hinaus. Das lehnen Schopper und Ministerpräsident Winfried Kretschmann ab. „Jetzt Junglehrer an Gymnasien einzustellen, die wir dort aktuell nicht brauchen, wenn an anderen Schularten dringend zusätzliche Lehrkräfte gebraucht werden, ist nicht denkbar“, so Kretschmann.

Unterstützung für Schoppers Vorstoß

„Dass bei der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ein paar Jahre lang weniger Lehrkräfte benötigt werden, kommt nicht überraschend“, erklärt der Chef des Landeselternbeirats Sebastian Kölsch und pocht auf eine möglichst gute Lehrerversorgung aller Schularten. „Ich finde die Idee der Ministerin richtig, diese Phase zu nutzen und Gymnasialreferendaren zeitweise eine Stelle an anderen Schularten anzubieten, um so den Lehrermangel dort zu lindern“, sagt Kölsch. „Ich fände es gut, wenn möglichst viele junge Gymnasiallehrer sie nutzen.“ Einen Vorteil davon hätten alle notorisch unterversorgten Schulen. Jungen Pädagogen schade es zudem nicht, zu Beginn ihrer Laufbahn in einer anderen Schulart Erfahrungen zu sammeln.

Das sieht Gerhard Brand, Chef des Bildungsverbands Bildung und Erziehung (VBE), ähnlich. Er spricht auf Anfrage von einer „Win-Win-Situation für beide Seiten. Ich sehe in dem Vorschlag ein freundliches Angebot. Niemand muss es annehmen, aber es ist eine zusätzliche Option.“ Auch GEW-Landeschefin Monika Stein nennt Schoppers Idee angesichts der Lehrernot an nicht-gymnasialen Schularten sinnvoll.