Es wird viel über die Defizite und Probleme von Kindern und Jugendlichen gesprochen. Schuld ist aus Sicht von Regine Köhler das deutsche Schulsystem. Das will sie ändern.
Die Älteren waren zu allen Zeiten überzeugt, dass die „Jugend von heute“ nichts taugt. Inzwischen scheint das wissenschaftlich untermauert. Die Pisa-Studien zeigen, dass um die Bildung in Deutschland nicht zum Besten steht. Aber auch die psychischen Probleme haben rasant zugenommen. Deshalb zieht schon der erste Satz in Regine Köhlers neuem Buch unmittelbar hinein: „Was ist los mit unseren Kinder?“ Sie nennt nur einige der Sorgen: Schulangst, Schulvermeidung, Depressionen oder „Überanpassung mit Spätfolgen“.
Der Grund liegt aus Sicht der Erziehungswissenschaftlerin auch in der Schule. Denn obwohl Kinder ihre Sehnsucht nach lebensnahen Erlebnissen wie Sport, Musik, Natur immer häufiger umlenkten „in Konsum- und Unterhaltungsbedürfnisse“, biete auch die Schule keine Angebote für unmittelbare und körperbetonte Erfahrungen. Stattdessen wolle man den Nachwuchs für den Arbeitsmarkt tauglich machen mit lebensfernen Stoffplänen.
Was einem wichtig erscheint, lernt man leichter
„Lebendige Schule. Neue Ideen für eine sinnstiftende Bildung“ nennt sich das Buch, in dem Regina Köhler appelliert, viel stärker motorische, soziale, ästhetische und kognitive Fähigkeiten zu fördern. Schule bilde in erster Linie für die Schule aus, dabei sagen abgefragtes Wissen und Ziffernnoten aus ihrer Sicht nichts aus über Begabungen, Interessen und Reifungsschritte eines Kindes. Aber wie kann Schule reagieren auf das, was die Hirnforschung längst gezeigt hat, dass man besser lernt, was für einen relevant ist?
Regine Köhler weiß aus eigener Erfahrung, mit welchen Widerständen man bei neuen Ideen rechnen muss. Schulaufsicht und Kultusministerien gehe es vor allem um „die Einhaltung des rechtlichen Regelkanons der Schulgesetze und Schulverordnungen. Juristen haben das Sagen.“ Da sie nicht nur „Alterskohorten“ verwalten und einen „festgelegten Wissenskanon“ weitergeben wollte, hat sie 2007 die private Herder-Schule Pielenhofen gegründet, die versucht, „den Widerspruch von Schule und Erfahrung“ aufzulösen – soweit es die Vorgaben des bayerischen Kultusministeriums eben erlauben. Aber sie will mit ihrem Buch trotzdem Mut machen: Statt auf den ganz großen Wurf einer Schulreform zu hoffen, solle man einfach beginnen: „Handlungsoptionen gibt es zu jeder Zeit.“
Erleben, erfahren, erkennen
Köhler plädiert für einen „neuen Dreischritt“: erleben, erfahren, erkennen. Schüler müssten wissen, welchen Sinn es hat, etwas zu lernen, deshalb müsse der Unterricht viel stärker von konkreten Erlebnissen ausgehen, die auch den Körper, die Gefühle und die sinnliche Wahrnehmung mit einbeziehen. Und Lehrkräfte müssen vermitteln können, welchen Platz ihr Fachwissen „im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext des Lebens außerhalb der Schule“ einnimmt.
An der Herder-Schule wurde der Doppelstundentakt eingeführt, um mehr Spielraum zu geben, Inhalte anders aufzubereiten. Es werden zum Thema passende Exkursionen angeboten, zum Beispiel ein Erlebnistag auf dem Bauernhof, Gartenprojekttage, Besuche im Museum oder der Buchmesse mit intensiver Vor- und Nachbereitung. Um einen Schulgarten anzulegen, werden in Physik Bewässerungsanlagen gebaut, in Chemie Bodenproben analysiert und Kleinstlebewesen mikroskopiert. Auch das Format „Jugend debattiert“ hat sich aus Köhlers Sicht bewert, weil es das freie Sprechen schule wie auch das Reflektieren der eigenen Position und der des Gegenübers.
Der Name Gymnasium würde die Autorin gern abschaffen
Regine Köhler hat viele Vorschläge, wie Schule besser gelingen könnte. Dass immer mehr Kinder dem Leistungsdruck von Realschule und Gymnasium nicht gewachsen seien, ist aus ihrer Sicht eine Folge der Schulpflicht ab sechs Jahren, für die die Kinder die Zeche zahlten, wenn sie sitzen blieben. In den ersten zwei Schuljahren sollten aus ihrer Sicht „offene Entwicklungs-, Lern und Spielgruppen“ angeboten werden, um „den Bruch zwischen Kita und Schule“ abzumildern. Das helfe auch, gegen ADHS vorzugehen. „Wenn der Körper beim Lernen nicht beteiligt wird, muss er das Zappeln anfangen.“
Auch den Namen „Gymnasium“ würde Regine Köhler gern abschaffen, denn es sei längst nicht mehr die einzige Schule, die zu Abitur und Hochschulreife führt. Die Besoldung der Lehrer müsse ebenfalls reformiert werden – um die „Projektionen über die einzelnen Schularten in den Köpfen“ zu verändern. Denn die führten zu Frustration und gesellschaftlichem Unfrieden.
Ruf nach Ganztagesschule
Köhler plädiert auch für die offene Ganztagesschule mit kostenlosen Angeboten von außerschulischen Experten rund um Sport, Kreativität oder Ökologie. Dazu bräuchte es aber auch „mehr Anrechnungsstunden für Projektlehrkräfte“.
Köhler hält übrigens nichts davon, Schule weiter zu überfrachten mit „utopischen Hoffnungen“, dass hier die großen gesellschaftlichen Probleme gelöst werden können. Der Klimawandel lasse sich nicht mit dem Fach Klima abwenden. Gesellschaftlich wirksam könnte ihr Konzept der „sinnstiftenden Schule“ trotzdem sein – etwa durch das „Metafach Ethik“, für das sie plädiert, um die individuelle Verantwortung stärker zu thematisieren.
Vor allem soll die lebendige Schule den Teamgeist stärken, indem alle Beteiligten gemeinsam lebendiges Wissen zu generieren lernen. Dann davon ist Köhler überzeugt: „Einzelkämpfertum führt zu Vereinsamung“.
Regine Köhler: Lebendige Schule. Neue Ideen für eine sinnstiftende Bildung. Oekom Verlag, 160 Seiten, 24 Euro