„Trost und Zuversicht in schweren Stunden“ steht auf dem Auto von Eduard Maas. Foto: Silke Thiercy

Zwei Mal dachte Eduard Maas, er würde sterben. Das erste Mal 2005, als er mit einem schweren Schlaganfall in der Balinger Fußgängerzone zusammen brach. Zwanzig Jahre später sagt er: „Ich bin ein anderer Mensch geworden.“

„Man kann nicht mal den eigenen Kindern erklären wie das ist“, erinnert sich der heute 75-jährige an jenen Tag im Mai vor zwei Jahrzehnten. Maas war mit Enkelin Chiara unterwegs. Er schob den Kinderwagen, lachte noch mit einem jungen Vater – und dann kam der Cut. Von Jetzt auf Gleich galt es für den fünffachen Vater, sein Leben zu überdenken.

 

Das hat Maas gründlich getan. Er war von der ersten Stunde an bei der Hospizgruppe aktiv, schrieb zwei Bücher und begann, täglich zu meditieren. In jener Zeit wandte sich Rosa Hauser an ihn. Sie war früh verwitwet, ihr Sohn, der als Arzt in Berlin lebte, starb mit nur 56 Jahren im Schlaf. Eduard Maas hat sie durch die Trauer begleitet – eine Begegnung, die bis heute nachhallt.

Zufälle prägen sein Leben

Rosa Hauser wollte helfen, irgendwem. Einer jener Zufälle, die Maas’ Leben prägten: Er kannte eine junge Frau, die mit drei Kindern im Frauenhaus untergekommen war. „Sie war drei Jahre lang nicht beim Friseur“, erzählt Maas in der ihm eigenen, unaufgeregten und fröhlichen Art. Hauser übernahm den neuen Haarschnitt und legte noch das Geld für eine Kosmetikbehandlung oben drauf.

„Diese drei Kinder sind mittlerweile erwachsen und haben ihr Leben im Griff“, berichtet Maas. Die Freude ist ihm anzumerken.

„Ich möchte ein Zeitverschenker sein“

Aus der Begegnung mit Rose Hauser ist eine tiefe Freundschaft geworden. Maas hat das Vorwort zu ihrem Gedichtband geschrieben und besucht sie jeden Tag im betreuten Wohnen in Weilstetten. Sonst, meint er, müsste „Das ist mein neuer Lebensinhalt“, sagt Maas, der wie in einer Fußnote erzählt, dass er auch für zwei betagte Damen einkaufen geht.

Einmal in der Woche kann man den ehemaligen Heilerziehungspfleger im Haus am Stettberg antreffen. Dort liest er den Senioren Geschichten vor. Warum? „Ich möchte ein Zeitverschenker sein.“ Wenn man es sich nur richtig einteile, dann könne man jede Menge Zeit verschenken.

Maas mistet viele Dinge aus

Maas hat viele todkranke Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. „Da spielt Geld keine Rolle mehr“, hat er gelernt. Früher hätte er sich nie von seinem Schaukelpferd oder seinem Schlitten aus Kindertagen trennen können. Heute mistet er aus – auch um seinen Kindern nach dem Tod zu ersparen, was er beobachtet hat, wenn die Hinterbliebenen ein Haus voller Dinge erben und alles ausräumen müssen.

„Ich hatte mal zwölf Tassen“, gibt der 75-Jährige ein Beispiel. „Heute sind es noch zwei.“ Eine benutzt er, die andere ist Reserve, falls es Scherben gibt.

Chor singt für ihn ganz allein

„Ich habe für mich alles erlebt und das über Gebühr“, sagt Maas und muss schmunzeln. Sicher, auch Negatives habe er erlebt. „Aber das habe ich alles vergessen.“ Heute sei er ein anderer Eduard als vor 20 Jahren. Und wie es geht, auf die schönen Dinge im Leben zu schauen, habe er von seiner Schwester gelernt. „Sie war 19 Jahre älter und hat schöne Märchen erfunden.“

Sogar in Momenten großer Angst und Verzweiflung kann der „Zeitverschenker“ das Schöne sehen. 2008 war er in der Klinik in Tübingen. Fünf Bypässe mussten gelegt werden, Maas nach der Operation an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen worden – Ausgang unklar.

Am Abend vor dem Eingriff saß Maas betend in der Klinik-Kapelle. Mit einem Mal seien 20 Personen aufgetaucht – ein Chor aus Dußlingen formierte sich zur Probe. „Sie haben dann für mich persönlich gesungen“, sagt Maas. Wie sehr ihn das berührt hat, hört man ihm an.