Das Landgericht Tübingen sprach die 48-jährige Angeklagte am Montag des Mordes aus Habgier an ihrer Mutter schuldig. Foto: Bernklau

Die Staatsanwältin forderte im Gechinger Mordfall die maximale Strafe: lebenslänglich ohne Chance auf vorzeitige Entlassung. Die Verteidigung verlangte Freispruch vom Mordvorwurf. Die Angeklagte beteuerte: "Ich habe es nicht getan." Das Urteil: lebenslang, aber mit Hoffnung auf Freiheit.

Gechingen/Tübingen - Es ist ein langer und schwieriger Prozess, der am Montag vor dem Landgericht Tübingen zu Ende geht: Die 48 Jahre alte Angeklagte soll ihre Mutter aus reiner Habgier mit einer Eisenstange erschlagen haben – zuvor habe sie die Bankkonten der 75-jährigen Frau geplündert. Was den Prozess erschwerte: Die Angeklagte schwieg beharrlich, direkte Tatzeugen gab es nicht, Indizien und Beweise mussten mühsam zusammengesucht werden.

Vor dem Urteil bricht Angeklagte ihr Schweigen

Erst unmittelbar vor dem Urteil war die Beschuldigte, die zuvor alle sieben Verhandlungstage geschwiegen hatte, zu einem "letzten Wort" bereit. "Was soll ich sagen?", begann sie ihre kurze Bemerkung. Sie sprach langsam, mit gedämpfter Stimme, Emotionen waren ihr nicht anzusehen: "Schade, dass nicht in alle Richtungen ermittelt wurde. Ich weiß, dass alles gegen mich spricht. Ich kann nur betonen, ich habe die Tat nicht begangen."

Das war eine Urteilsschelte, noch bevor das Urteil gefallen war. Doch der Vorsitzende Richter Armin Ernst ließ sich nicht beirren. Zwar folgte er nicht der harten Forderungen der Anklage, gab aber auch dem Verlangen der Verteidigung nach Freispruch eine Absage: Das Urteil lautet Mord aus Habgier, die Strafe lebenslänglich.

Scharf, ja stellenweise beinahe schneidend fiel das Plädoyer der Staatsanwaltschaft aus. "Es mag vielleicht erstaunlich sein, dass man einer Angeklagten gegenübersitzt, die durchgehend schweigt", begann Oberstaatsanwältin Rotraud Hölscher ihre Rede. "Ich glaube aber, die Angeklagte war extrem gut beraten, den Mund zu halten... Weil wir sonst noch mehr Lügen gehört hätten." Dann fügt sie hinzu: "Mehr muss ich eigentlich nicht sagen." Härter, vernichtender kann ein Plädoyer kaum beginnen.

Akribisch arbeitet sich Hölscher durch die Beweisaufnahme, immer wieder bezichtigt sie die Angeklagte der Täuschung und der Lüge. Sie verweist auf die gefälschten Unterschriften, mit deren Hilfe die Tochter die Konten der Mutter geleert habe – selbst nach dem Tod der Mutter habe sie noch derartige Transaktionen vorgenommen.

Dann widmet sie sich dem monströsen Verbrechen, das sich am 26. Oktober in Gechingen ereignet hatte – und das den idyllischen Ort tief erschütterte.

Nachdem den Mutter ihre Tochter wegen der geleerten Bankkonten zur Rede gestellt habe, musste die Angeklagte handeln. Erst habe sie versucht, die 75-Jährige im Bett mit einem Kissen zu ersticken – doch die alte Frau habe sich gewehrt. Dann habe die Beschuldigte brutal mit der Faust zugeschlagen und schließlich mit einer Eisenstange mindestens achtmal auf den Kopf geschlagen. Den Leichnam habe sie neben das Bett gelegt, um einen tödlichen Sturz vorzutäuschen.

Angeklagte beseitigt Spuren

Danach habe die Angeklagte, eine gelernte Altenpflegerin, das blutige Nachthemd der Toten, die blutige Bettwäsche sowie ihre eigene Kleidung gewechselt, die blutigen Stücke entsorgte sie in einem Müllsack – alles mit dem Ziel der Tatvertuschung, so die Staatsanwältin. "Die Eisenstange wurde abgewischt und in eine Wanne auf dem Balkon gelegt."

"Wenn man die eigene Mutter im Blut sieht und von deren Tod ausgeht, dann ruft man doch sofort die Polizei", so die Staatsanwältin. Und nicht erst zwei Stunden später den Hausarzt. Alle Details, die von ihrer Schuld ablenken sollten, könnten widerlegt werden, auch die Beteiligung Dritter.

"Es gab keinen geheimnisvollen Dritten, welcher Einbrecher weiß denn, wo die Bettwäsche liegt und welcher Einbrecher packt die Wäsche in Müllsäcke. Das macht kein Einbrecher, das ist schlicht und einfach Schwachsinn." Auch habe die Polizei ergebnisoffen ermittelt.

Fast eine Stunde dauert das Plädoyer Hölschers, ihr Fazit: "Den Tötungsvorsatz braucht man nicht allzu viel zu diskutieren." Es handele sich um Mord aus Habgier und mit Vertuschungsabsicht. Zweifel an der Schuldfähigkeit gebe es keine, das habe bereits ein Gutachter deutlich gemacht.

"Auf Mord gibt es nur eine absolute Strafe, die lebenslängliche Freiheitsstrafe." Hinzu komme eine "besonders schwere Schuld" – im Klartext: Die Verurteilte hätte dann keine Chance, jemals aus der Haft zu kommen. Auch die beiden Nebenkläger schlossen sich dem an.

"Nicht ergebnisoffen ermittelt"

Ganz anders die Verteidigung. Das Kernelement im Plädoyer von Anwalt Christian Schmidtbergs zielte direkt auf die These der Staatsanwalt, Polizei und Justiz hätten "ergebnisoffen" ermittelt. In dem Verfahren, so Schmidtberg, sei stets vom Ende her gedacht worden, "und da war meine Mandantin immer die Täterin".

Es sei zu keinem Zeitpunkt ernsthaft angenommen worden, dass auch ein anderer Täter das Verbrechen begangen haben könnte. Außer dem Opfer und seiner Mandantin hätten drei weitere Personen in dem Haus gewohnt, unter anderem der Lebenspartner der Angeklagten sowie ihr Sohn. "Alle drei, die im Haus leben, hätten für die Tat in Betracht kommen können." Da habe es etwa Blutspuren an den Schuhen des Sohnes gegeben.

Dann wendet er sich dem Vorwurf zu, seine Mandantin habe die Tote gewaschen und mit einem sauberen Nachthemd bekleidet. "Sie ist Altenpflegerin", sagt der Anwalt zur Begründung des Verhaltens. "Dass sie sich so verhalten hat, ist sicherlich ein Fehler." Schmidtberg fügt hinzu, die Angeklagte "hätte sich Schwierigkeiten erspart", wenn sie die Tote nicht gewaschen hätte.

Anwalt sieht keine Beweise für Täterschaft

"Hier wird immer vom Ergebnis gedacht, immer mit meiner Mandantin als Täterin." Fazit der Verteidigung: Aus der Beweisaufnahme, wie sie im Prozess vorgetragen wurde, könne nicht auf die Täterschaft der Angeklagten geschlossen werden. Zum Fund der Eisenstange auf dem Balkon etwa meinte Schmidtberg, unklar sei, wann die Spuren auf die Eisenstange gekommen seien, die Stange habe von vielen Menschen genutzt werden können.

Auch die Blutspuren auf ihrer Kleidung seien kein Beweis seiner Mandantin auf die Täterschaft. Fazit: Vom Vorwurf des Mordes ist sie freizusprechen.

Das Urteil von Richter Ernst geht dagegen eher in Richtung der Argumentation der Staatsanwaltschaft, die Bedenken der Verteidigung teilt er nicht.

Das Urteilt lautet "des Mordes schuldig", das Strafmaß lebenslange Haft. "Das ist höchste Freiheitsstrafe, die wir in Deutschland verhängen können." Im Unterschied zur Staatsanwaltschaft erkannte Ernst allerdings keine besonders Schwere der Tat – die Verurteilte könne also hoffen, nach 15 Jahren Haft wieder freizukommen, so der Richter.

Tat mit besonderer Heimtücke begangen

Die Tat sei aus Habgier und mit besonderer Heimtücke begangen worden. Die Kritik der Verteidigung, Polizei und Justiz habe nicht ergebnisoffen ermittelt, wies Ernst zurück. "Sie können sicher sein, dass wir auf alle Bedenken des Verteidigers eingegangen sind."

So habe man auch die Hypothese geprüft, ob nicht auch der Lebenspartner oder der Sohn der Angeklagten als Täter in Frage komme. "Diese These verwerfen wir." Ebenso die Frage, ob ein Fremder in das Haus eingedrungen sei und die Bluttat begangen habe. "Ich will in aller Deutlichkeit sagen, das ist völlig ausgeschlossen, das hat nicht einmal der Verteidiger in Erwägung gezogen." Ernst bezog sich dabei nicht zuletzt auf Behauptungen der Angeklagten, es habe mehrere Hausschlüssel gegeben, das Eindringen eines Fremden also durchaus möglich gewesen sein könnte. "Wir sind überzeugt, dass sie die Tat begangen haben."