Im Deutschen Harmonikamuseum wurden zwei Sonderausstellungen eröffnet: eine dynamische Schau für das „Instrument des Jahres, das Akkordeon“ sowie „Der Klang in ihren Händen“.
Die Ausstellungseröffnung sei eine Woche vor dem internationalen Frauentag und der Landtagswahl ein sehr guter Zeitpunkt, meinte Bürgermeisterin Susanne Irion, zugleich Vorsitzende des Trägervereins des Deutschen Harmonikamuseums, mit Blick darauf, dass Frauen erst seit 108 Jahren wählen dürfen und auch heute erst knapp 70 Prozent Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen erreicht sei.
„Frauen verdienen noch immer 16 Prozent weniger als Männer“, dies sei schon früher in der Harmonikaindustrie so gewesen, doch „vieles wäre ohne die Leistung der Frauen nicht möglich gewesen“, rief sie in Erinnerung.
Musikalisch sehr schwungvoll begrüßt wurden die Besucher der Vernissage von „Harmonicamento“, einem Quartett mit Brigitte Burgbacher, Kathrin Gass, Brigitte Käfer und Gerhard Müller, das seit 28 Jahren ein Garant für exquisite Mundharmonikaklänge ist.
Die mitklatschenden Gäste wurden auf eine rasante Fahrt mit dem „Trossinger Bähnle“ mitgenommen, die der legendäre Helmuth Herold als „Schwarzwald-Express“ arrangiert hatte.
Michael Mantay, Marketing-Manager von Hohner Musikinstrumente, betonte: „Das Deutsche Harmonikamuseum ist kein Ort, an dem Objekte aufbewahrt werden, sondern ein Ort des Erinnerns und Weiterdenkens.“ Instrumente seien „klanggewordene Geschichte und tragen Identität und Musik. Instrumente erzählen Geschichte von Tradition, Migration, Aufbruch und Innovation“.
Das Instrument des Jahres sei ein sehr wichtiges Signal: „Hier in Trossingen ist das Akkordeon Teil der DNA – ein wichtiges kulturelles Erbe.“ Auch die Sonderausstellung „Der Klang in ihren Händen“ setze ein wichtiges Zeichen, denn die Mundharmonika-Szene ist männlich dominiert“, doch Frauen hätten etwas zu sagen, „musikalisch wie gesellschaftlich“. Hohner habe eigens zwei neue Produkte „für die Frauenwelt entwickelt“. Hier in der Ausstellung können die Besucher Künstlerinnen begegnen „die ihrer Generation weit voraus waren. „Hohner möchte junge Mädchen ermutigen ihren eigenen selbstbewussten Klang zu finden.
In der Sonderausstellung „Der Klang in ihren Händen“ komme die Sichtweise der Männer auf die Frauen in den 1930er- und 1940er-Jahren zum Ausdruck. „Es gibt Frauen, die toll gespielt haben und weltweit berühmt wurden“, so Museumsdirektor Salvatore Martinelli. „Doch nach dem Flow in den 1950er- und 60er-Jahren wurden sie wieder Bürofrauen.“
Keine Frau habe Werbung über Frauen gemacht, sagte er mit Blick auf ein Hohner-Werbeplakat „mit typischer Frauenrolle – sie kniet vor dem Mann, der Akkordeon spielt“.
„Von 1829 bis heute präsentieren wir die Entwicklung des Akkordeons mit insgesamt 90 Instrumenten“, jeweils zehn ausgewählte Stücke mit einem thematischen Schwerpunkt, beginnend im März mit „Die Anfänge des Akkordeons“.
Mit der Digitalisierung im Museum, haben die Besucher ab sofort die Möglichkeit mit eigenem Handy den QR-Code beim jeweiligen Instrument zu scannen, um den Klang des Instruments, beispielsweise des ältesten Exponats, eines Tischharmoniums über Kopfhörer zu hören. Die Geschichte werde mit der Digitalisierung lebendig, betonte Martinelli. Dennoch sei geschriebene Geschichte nach wie vor wichtig, und präsentierte eine neue Monografie, in der die Geschichte von Giovanni Gola, der sich von 1952 bis 1978 als Konstrukteur von Hohner, insbesondere der Gola-Akkordeons, einen Namen machte, zu lesen ist.
Unterstützung für das neue Werk, das in etwa einem Monat erscheinen wird, hatte Salvatore Martinelli von Enrico Gola, dem bei der Vernissage anwesenden Sohn von Giovanni Gola.
Ein Stück Heimat
„Ein Stück Heimatluft zu schnuppern tut gut“, betonte Carla Scheithe, nachdem sie sich virtuos mit ihrem Akkordeon mitten durch die Gäste gespielt hatte. Die gebürtige Kaiserslauterin kam bereits mit 20 Jahren nach Trossingen, studierte am Hohner-Konservatorium, war Solistin beim Hohnerklang, um dann im Jahr 2003 ins professionelle Showbusiness zu wechseln und gemeinsam mit ihrem Partner und Sänger Michael Kastel Menschen rund um den Globus mit dem Akkordeon zu begeistern.
Mit der Harmonika-Polka „Tanzende Finger“ von Heinz Gerlach aus dem Jahr 1942, die sie selbst neu arrangiert hatte, begeisterte sie „ihr Trossinger Publikum“. Gemeinsam mit ihrem Partner, der singend in die Rolle von Louis Armstrong schlüpfte, sorgte sie für Gänsehautmomente und riesen Applaus.
Der Titel „What a wonderful world“ passe sehr gut in die heutige Zeit, sagte Carla Scheithe: „Er erinnert an die Kleinigkeiten, die das Leben so schön machen, das Füreinander und das Miteinander, zusammenstehen und nicht gegeneinander.“ Mit dem Akkordeon sei sie nach dem Studium am Konservatorium in die Welt hinausgegangen „und ich habe wunderbar erfahren dürfen, was miteinander bedeutet“.
Noch in diesem Jahr darf man sich zwei Mal über das virtuose Spiel der Akkordeon-Lady Carla Scheithe freuen – einmal im Sommer und einmal kurz vor Weihnachten kommt sie mit Michael Kastel zu einem Benefizkonzert zugunsten des Deutschen Harmonikamuseums nach Trossingen.
Die Ausstellung
Monatlicher Wechsel
Die Sonderausstellung „Der Klang in ihren Händen – was sie leisten. Was sie prägen. Was sie verdienen“ ist bis zum 1. Mai 2026 zu sehen. Die Schau „Instrument des Jahres: Akkordeon“ ist eine dynamische Ausstellung, die bis Ende November 2026 zu sehen ist und es eigentlich jeden Monat aufs Neue wert ist, besucht zu werden, denn „alle vier Wochen gibt es ein neues Thema“, so Martinelli.