In Oberschwaben im Landkreis Ravensburg haben die Gemeinden die Schreiben an die Kontakte übernommen. Foto: dpa/Felix Kästle

Quarantäneschreiben im bedrohlichen Amtsdeutsch haben viele in der Pandemie aufgeschreckt. Aber es geht auch anders, wie ein Beispiel aus dem Kreis Ravensburg zeigt.

Waldburg - Eigentlich hatte Frieder Beutler es fast geschafft. Der 45-Jährige hatte sich im Januar mit dem Coronavirus infiziert. Er hatte – wie so viele Geimpfte – Glück, die Symptome waren mild, ähnlich einer starken Erkältung. Zwölf Tage in Isolation waren um, das Ende war in Sicht. Umso mehr konnte sich Beutler über das Schreiben seines Bürgermeisters freuen. Ein „Danke!“ in fetten Buchstaben prangte darauf. Auf dem zweiten Blatt eine kleine Tafel Schokolade.

 

„Die Gemeinde Waldburg möchte sich im Namen aller Einwohnerinnen und Einwohner dafür bedanken, dass Sie sich an die Quarantäneverfügung gehalten haben und damit durch Ihren ganz persönlichen Einsatz andere Personen nicht einem höheren Risiko ausgesetzt haben“, schrieb Waldburgs Bürgermeister Michael Röger darin. Und weiter: „Nur mit diesen punktuellen, aber anderen gegenüber auch solidarischen Maßnahmen kann das öffentliche Leben, wenn auch aktuell eingeschränkt aufrechterhalten werden.“

Ein Einzelfall auch im Landkreis Ravensburg

Ein Bürgermeister, der seinen Mitmenschen persönlich für ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung dankt? Selbst im Landkreis Ravensburg, zu dem die 3000-Seelen-Gemeinde Waldburg gehört, weiß man von keinem weiteren Beispiel. Michael Röger winkt am Telefon bescheiden ab. „Wir haben versucht, auf Solidarität und Miteinander zu setzen“, sagt er. Das habe gut geklappt. Überhaupt ist der Zusammenhalt wichtig. Im ganzen Kreis Ravensburg, erzählt er, hätten die Gemeinden die Schreiben an Kontaktpersonen und Infizierte übernommen, um das Gesundheitsamt zu entlasten. Auch so eine Solidaritätsaktion. Doch im Gegensatz zu anderen Hilfen, die nach zwei ermüdenden Pandemiejahren eingeschlafen sind, hielt die Gemeinde Waldburg durch.

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Gleich am Anfang ging es los. Da habe ein Mitarbeiter in der Verwaltung die Idee gehabt, die Schokolade mitzuschicken. Man habe versucht, mit dem süßen Gruß die unschöne Information über Quarantäne und Isolation zu übermitteln. „So eine Quarantäne belastet einen ja auch“, sagt Röger. Er habe viele positive Rückmeldungen erhalten. Wie viele es waren, kann er gar nicht genau sagen. 440 Infizierte gab es in der Gemeinde, dazu die Kontaktpersonen, die inzwischen gar nicht mehr angeschrieben werden. Aber natürlich: Ein Oberbürgermeister von Stuttgart, das sei ihm auch klar, könne so etwas nicht leisten.

Infizierte sind inzwischen selbst verantwortlich

Gerade zu Beginn der Pandemie hatten die in dürrem Amtsdeutsch geschriebenen Absonderungsanordnungen Aufregung ausgelöst – etwa bei Eltern, die sich Sorgen machten, ob ihnen das Gesundheitsamt bei Verstößen die Kinder entziehen könne. In der Landeshauptstadt ist es inzwischen mehr oder weniger dem Zufall überlassen, ob Infizierte überhaupt vom Gesundheitsamt hören. Positiv Getestete erhalten Informationsmaterialien per E-Mail, „falls dem Gesundheitsamt die entsprechende Mail-Adresse vorliegt“, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Automatisch erhalten weder Kontaktpersonen noch Infizierte ein Schreiben vom Gesundheitsamt. Lediglich bei Bedarf – etwa zur Vorlage beim Arbeitgeber – würden auf Antrag Absonderungsbescheinigungen erstellt. Genau so sieht es die Verordnung des Landes seit November vor. Seitdem sind Infizierte auch selbst dafür verantwortlich, Kontaktpersonen zu informieren, um die Gesundheitsämter zu entlassen.

Bei Frieder Beutler hielten sich die Kontakte in Grenzen. Er wisse von keinem, dem er das Virus mitgegeben hat, sagt er. Selbst seine schwangere Frau habe sich nicht angesteckt. Die Menschen in Waldburg werden indessen auch in Zukunft mit Schokolade versorgt, sollten sie sich mit dem Coronavirus infizieren. Die Verwaltung von Michael Röger hat gerade noch einmal Schokoladentafeln für Dankesschreiben nachbestellt.