Hermann Schmidt (links) und Wolfram Schmid stehen in einem Stück Wald, vom dem sie sagen: "So muss Wald vor 5000 Jahren ausgesehen haben, als der Mensch noch nicht einen solchen Einfluss nehmen konnte." Foto: Dick

"Der Koalitionsvertrag der Grün-Schwarzen Regierung hat uns Rückenwind gegeben", sagt Hermann Schmidt vom Forstamt, Bereich Hechingen. In dem Vertrag ist die naturnahe Waldbewirtschaftung scharf nachgezeichnet. Wer nun glaubt, dass erst jetzt damit begonnen wird, liegt falsch. Schmidt und sein Kollege Wolfram Schmid zeigen im Burladinger Stadtwald, wie weit man hier schon damit gekommen ist.

Burladingen-Starzeln - "Dass naturnahe Waldbewirtschaftung wichtig ist, hat man in den 1980er-Jahren bemerkt", sagt Schmidt. "Der Plan der Landesregierung hat nun Wasser auf unsere Mühlen gegossen", fügt Kollege Schmid hinzu. Dennoch: "Noch vor 30 Jahren, wenn man da von einem Refugium im Wald sprach – also einem Bereich, in den absolut nicht eingegriffen wird, wurde man als ›Spinner‹ abgetan." Heute renne man damit offenen Türen ein, quer durch alle Parteien, sagt Schmidt.

Schmidt und Schmid wollen außergewöhnliche Bereiche im Stadtwald zeigen, Baum-Habitate, natürliche Naturverjüngung und Refugien – allesamt älter als der neue Koalitionsvertrag.

Die Tour beginnt mit dem Auto am Rathaus in Starzeln und führt ins Gewann "Habackerhau". Zunächst erscheint dort nichts ungewöhnlich, vor allem Buchen jeden Alters sind zu sehen, Maiglöckchen, Waldmeister, Reisig und Laub zieren den Boden. Dann aber: Eine gigantische Buchenwurzel mit einem Durchmesser von vielleicht drei Metern liegt herausgerissen im Wald. Sie fault, ist schwarz. Und übersät von allerlei Pflanzen, Moos, Flechten und Krabbelgetier. "Das ist nichts Schlimmes, das ist gut", sagt Schmidt. Solche Anblicke ist Otto Normalverbraucher eben nicht gewöhnt, denkt der Laie.

Schmidt erklärt: "In der ›normalen‹ Waldwirtschaft ist der Zerfallsprozess nicht vorgesehen." Doch Tod und Zerfall seien das pure Leben für viele andere Arten. "Diversität gibt Stabilität", sagt Schmidt. Immerhin fünf Prozent des Burladinger Stadtwaldes – das sind zirka 200 Hektar – sind Waldrefugien. Im Zollernalbkreis machen sie etwa zwölf Prozent aus.

Behutsam wird Fichte um Fichte herausgeholt

Der Weg durchs Dickicht führt weiter durch eine Senke, die so verwildert ist, dass die beiden Forstmänner erklären: "So müssen die Wälder ausgesehen haben, bevor vor 5000 Jahren die Kelten kamen. Sie waren die Ersten, die in den Wald eingegriffen haben." Das wildromantische Flecken eigne sich auch für das Konzept des sogenannten "sanften Tourismus", den auch die Stadt Burladingen unterstütze, meinen die Beiden. Der Graufußkauz und der Sperlingskauz leben hier. Später werden die Männer noch den Horst eines Milans zeigen.

Das krasse Gegenteil von wildromantisch ist nicht weit entfernt: Ein reiner Fichtenacker. Etwa 50 Jahre alt, damals künstlich angelegt. Von den ehemals 50 000 Bäumen haben bis heute nur 1500 überlebt – tote Bäume, wohin das Auge reicht. Das ist der Horror für Hermann Schmidt: "Dieser Bereich birgt viele Risiken." Er zählt auf: "Borkenkäfer, Schneebruch, Sturmschäden. Hier kann es schnell zum Eklat kommen", sagt er. Natürliche Verjüngung – wichtiger Bestandteil der naturnahen Waldwirtschaft – ist hier unmöglich. Der Boden ist braun anstatt grün, die toten Fichten zersetzen sich nicht. "Hier ist es zu dunkel und zu trocken für Mikroorganismen und Pilze." Es wird jetzt klar, was er damit meinte, als er sagte, dass Diversität Stabilität schaffe. Aber warum wird dieser Wald denn nicht gerodet? Holz wird ja stark nachgefragt. "Er ist für uns Anschauungsobjekt. Wir können lernen", erklärt Schmidt.

Zurück im Auto geht die Fahrt weiter zum Gewann Schwandel. Schon vor 25 oder 30 Jahren hat Schmids Vorgänger dort begonnen, behutsam Fichte um Fichte herauszuholen und den heimischen Buchen ihren Platz zurückzugeben. Ein Prozess, der bis heute andauert. Und es hat sich gelohnt: Die Buche hat sich ihren Platz von selbst zurückgeholt. In Zukunft sehen die Förster hier einen Mischwald – aus Fichten und Buchen. "Das ist hochwertige Fortswirtschaft, und die Holzernte ist anspruchsvoller", kommentiert Hermann Schmidt. Es bedeutet auch, dass auf Maximalrendite verzichtet wird. Und so kann dieser Wald immer mehr all das erfüllen, wofür er so gebraucht und geliebt wird: für seine Artenvielfalt, als CO2-Speicher, als Wasser- und Bodenschutz, als Holzlieferant und als Erholungsgebiet für den Menschen.

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