Bis September gilt noch Tempo 40 auf der B 415 in Lahr (hier: Reichenbach). Foto: Baublies

Die Infoveranstaltung der Stadt Lahr zu Tempo 30 auf der B 415 stieß auf nur geringes Interesse. Einige Besucher brachten ihre Bedenken zum Ausdruck, die von der Verwaltungsspitze und den Experten entkräftet wurden. Es gab jedoch auch Fürsprecher und konstruktive Vorschläge.

Tempo 30 statt 40 gilt ab September in den Ortsdurchfahrten von Kuhbach und Reichenbach, in der Kernstadt ab dem Friedrich-Ebert-Platz wird von 50 auf 30 reduziert. Da es im Vorfeld viel Kritik seitens der Anwohner in den Stadtteilen und aus dem Schuttertal gab, hatte die Stadt zu einer Infoveranstaltung eingeladen. Deren Ziel: Darlegen, warum es aus Lärm- und Gesundheitsschutzgründen keine Alternative gibt.

 

Das gab es beim Infoabend

Der Rahmen: Für gut 300 Gäste war am Mittwochabend in der Mehrzweckhalle im Bürgerpark gestuhlt. Der Großteil blieb unbesetzt. Gut 50 Gäste hatten sich eingefunden, darunter einige Lahrer Gemeinderäte, aber auch Interessierte aus dem Schuttertal wie die Bürgermeister Michael Moser und Matthias Litterst.

Die Gutachten: „Es gibt ein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit“, leitete OB Markus Ibert ein. „Die Lärmwerte zwingen uns zum Handeln“. Auch er hätte sich eine Lösung gewünscht, „die den Menschen – auch im Schuttertal – weniger abverlangt“, doch diese gebe es nicht. „Es gibt kein Ermessen“, betonte Ibert. Stützen sollten dies die vorgestellten Gutachten. Alexander Colloseus vom Büro Fichtner Water & Transportation erläuterte, dass Verkehrslärm „sehr große gesundheitliche Auswirkungen“ habe. Das sei bei Todesfällen und Krankheiten nachzuvollziehen. Die Lärmbelastungen entlang der Ortsdurchfahrten seien so hoch, dass für die Verkehrsbehörde die Pflicht zum Eingreifen bestehe. So werde tagsüber der Wert von 70 Dezibel überschritten, nachts der Wert von 60 Dezibel. Würde man unter dieser Marke liegen, gäbe es einen Ermessensspielraum. Das ist jedoch nicht der Fall.

Tempo 30, so Colloseus weiter, würde eine Reduzierung von ein bis zwei Dezibel in Kuhbach und Reichenbach mit sich bringen, in Lahr sogar bis zu drei Dezibel. Klingt wenig, doch das seien „wahrnehmbare Minderungen“. Rechtsanwalt Torsten Heilshorn erläuterte, dass der Beschluss über eine Geschwindigkeitsreduzierung nicht Teil der kommunalen Selbstverwaltung sei. Heißt: Es wäre rechtswidrig, würde die Stadt selbst bestimmen, welches Tempo gilt.

Stellten das Gutachten vor und beantworteten Fragen aus dem Publikum (von links): OB Markus Ibert, die Bürgermeister Tilman Petters und Guido Schöneboom, Florian Krentel und Alexander Colloseus von Fichtner Water & Transportation sowie Rechtsanwalt Torsten Heilshorn Foto: Bender

Zweifel an Auswirkungen: Mehrere Anwohner meldeten sich im Frageteil mit verschiedenen Anregungen zu Wort. Ulrich Kleine aus Kuhbach, ehemaliger Chef des E-Werks Mittelbaden, zweifelte an, dass die Anwohner die Maßnahmen merken – vor allem, da die Lärmwerte zum Teil immer noch über der kritischen Grenze liegen würden. Die Experten führten an, dass auch geringe Lärmreduzierungen schon spürbar seien, doch darauf komme es nicht einmal an, erklärte Heilshorn. Die Auswirkungen seien von der persönlichen Einschätzung der Menschen unabhängig.

Wunsch nach Nachtfahrverbot: Kleine brachte zudem das Lkw-Nachtfahrverbot ins Spiel und zweifelte die im Gutachten vorgestellten Zahlen an, wie sich die Verkehrsströme im Falle eines Nachtfahrverbots entwickelten. Seiner Einschätzung nach gingen diese nicht ganz auf. Die Experten untermauerten die Zahlen damit, dass die Lkw-Fahrer verschiedene andere Routen nehmen würden. Das Nachtfahrverbot sei aufgrund der Belastungen für das Umland keine Option.

Sorge vor Abgasen: Ein Reichenbacher Anwohner merkte an, dass der Verkehr länger im Ort bleiben und dadurch der CO₂-Ausstoß ansteigen würde. Die Anordnung hätte damit keinen gesundheitsschützenden sondern einen gesundheitsschädlichen Effekt. Colloseus’ Kollege Florian Krentel erklärte, die Emissionen seien davon abhängig, wie der Verkehrsfluss läuft. Man könne es nicht pauschal beantworten, doch die Erfahrung zeige, dass sich meist an den Werten nicht viel ändere, sie sogar meist eher zurückgehen. So etwa auf der B 31 in Freiburg.

Viele Stühle blieben beim Info-Abend unbesetzt. Foto: Bender

Einschränkungen für die Wirtschaft: Kleine und auch ein Unternehmer aus Dörlinbach sorgten sich um das wirtschaftliche Wohl der Region, wenn Pendler von der längeren Anfahrtszeit zu einem Arbeitsplatz im Schuttertal – oder umgekehrt nach Lahr – abgeschreckt würden. Ibert gingen diese Mutmaßungen zu weit. Er schritt ein: „Das Wohl und Weh der Region wird nicht von Tempo 30 oder 40 abhängen“, sagte er deutlich.

Die Fürsprecher: Aus Reihen der Zuhörer gab es auch einige Stimmen, die sich für Tempo 30 aussprachen. „Man kann doch eh meistens nicht 40 fahren“, sagte ein Anwohner. „Ich habe doch einen viel flüssigeren Verkehr, wenn ich das Tempo reduziere. Und das verringert die Abgase“, sah ein anderer „nur Vorteile“ in der Regelung.

Der Lösungsvorschlag: Der Seelbacher IT-Unternehmer Markus Himmelsbach merkte an, dass Tempo 30 vielleicht gar nicht nötig sei, wenn der Verkehr an sich reduziert wird. Er forderte die Stadt Lahr auf, dahingehend in Zusammenarbeit mit den Schuttertal-Gemeinden mehr zu tun, etwa für eine App für Pendler zu sorgen, um leichter Fahrgemeinschaften zu bilden. „Wir müssen es schaffen, aus dieser Situation eine Verkehrswende hinzubekommen“, so Himmelsbach.

Der Appell: „Sind wir doch einmal ehrlich: Die meisten Einwände kommen, weil man nicht 30 fahren will“, brachte Ibert die Motivation vieler Kritiker wohl auf den Punkt. Er bat darum, in Zukunft, wenn man 30 fährt, an die Gesundheit der Anwohner zu denken. Um den Verkehr an sich zu reduzieren, so Ibert zu Himmelsbachs Anregung, sei auch jeder Einzelne gefordert, auf Fahrgemeinschaften, den ÖPNV oder das Fahrrad zu setzen.

Tempo 30 andernorts?

In der Debatte kam der Punkt auf, ob die Menschen an der B 415 der Stadtverwaltung „mehr Wert“ seien als die Anwohner in der Lotzbeckstraße oder entlang der B 3, wo jeweils Tempo 50 gilt. Warum wird nicht auch dort Tempo 30 eingeführt? Der Erste Bürgermeister Guido Schöneboom erläuterte, dass dies durchaus eine Option für die Zukunft sei und man in der Lärmaktionsplanung der Stadt prüfe, wo man noch Tempo 30 einführen könne, um die Gesundheit der Lahrer zu schützen.