Kaum wiederzuerkennen: Heinz Strunk als Pierre Panade, der in Mallorca zum Ballermann-Hitlieferanten wird Foto: Pep Bonet/Juan Monserrat

Heinz Strunk macht in der Amazon-Prime-Serie „Last Exit Schinkenstraße“ aus seinem Debütroman „Fleisch ist mein Gemüse“ einen Stimmungshit, klaut Gags bei „Die Wollnys“, hält sich selbst für uneitel, findet die Frisur von Olaf Scholz dann aber doch zu trist.

Der Schriftsteller und Musiker Heinz Strunk ist Autor und Hauptdarsteller der Serie „Last Exit Schinkenstraße“. Er spielt den erfolglosen Tanzmusiker Pierre Panade alias Peter Voss, der unterstützt von dem Trompeter Torben Bruhns (Marc Hosemann) am Ballermann auf Mallorca Karriere macht. Wir haben den 61-Jährigen zum Zoom-Interview getroffen.

 

Herr Strunk, wie viel Pierre Panade steckt in Heinz Strunk?

Och, ich will mal sagen, ’ne ganze Menge. Wobei in der Bühnenschießbudenfigur Pierre Panade, dem armen Willy, der zur Rampensau mutiert, eigentlich eher weniger. Aber Peter Voss und sein trauriges Schicksal haben durchaus starke Ähnlichkeiten mit meinen Wirken zwischen 20 und 30, als ich selber Tanzmusik gemacht habe und mich in einer ähnlich trostlosen und ausweglosen Situation befunden habe. Ich bin dann ja mit 35 bei den Tiffanys rausgeflogen. Und wenn man so will, ist der Ballermann wie ein Dorffest – nur halt mal 50.

Heinz Strunk und Marc Hosemann Foto: Prime Video/Juuan Monserrat/PEP BONET

Hatten Sie damals auch so eine schlimme Frisur wie Peter Voss?

Nee, nee, meine Haare waren ja immer mein Kapital. Wir hatten anfangs überlegt, Peter Voss die Frisurvariante Olaf Scholz zu verpassen. Das war aber selbst uns etwas zu trist. Und dann haben wir uns diese komische rotbraune Ponyfrisur ausgedacht.

Hat es Sie Überwindung gekostet, so verschandelt herumlaufen zu müssen?

Ich bin tatsächlich eher uneitel. Das war ja keine Perücke, ich habe die Frisur sehr lange tragen müssen, während der gesamten Dreharbeiten. Und dadurch ist Peter Voss osmotisch in mich eingesickert. Da habe ich mich schon sehr als Outcast gefühlt. Ich habe mich gar nicht im Spiegel angeguckt. Nicht, dass ich das sonst ständig machen würde.

Was hat Sie am meisten gereizt: die Serie zu schreiben, diese Hauptrolle zu spielen oder die Stimmungshits zu schreiben?

Och, irgendwie alles gleichermaßen. Wobei die Frage durchaus im Raum stand, ob ich das darstellerisch hinbekomme. Aber weil das ein ureigenes Heinz-Strunk-Projekt ist – und mein großer Versuch, humoristisch auch mal in den Mainstream zu diffundieren –, wollte ich das alles in einer Hand lassen. Ich glaube auch, dass ein anderer Schauspieler diese melancholische, verlorene Haltung von Peter Voss anders angelegt hätte. Ich war dann nach den ersten Drehtagen ziemlich erleichtert, als klar wurde, dass ich das auch kann.

Sie haben für „Last Exit Schinkenstraße“ Lieder mit Refrains wie „Mein Liebesdöner wird ganz saftig, wenn ich an dich denke“ oder „Du sollst nicht lecken, bevor es tropft“ geschrieben.

Ja, es soll so der „Katzenklo“-Effekt eintreten: dass das alle gut finden, dass das der Hochschulprofessor ebenso mitsummt wie all die Stumpfen. Und idealerweise sollte die Grenze zwischen Parodie und Original nicht erkennbar sein. Das wäre der Traum: Wenn einer der Songs in der nächsten Ballermann-Saison ein Hit wird.

Das wäre der bisher subversivste Trick des Heinz Strunk: mit Stimmungshitparodien die Mainstreampartykultur zu entlarven.

Ja, aber so viel zu entlarven gibt es da gar nicht. Die entlarvt sich schließlich selber.

Worüber würden Sie sich mehr ärgern: Wenn Micky Krause – wie in der Serie – einen ihrer Songs als seinen ausgibt, oder wenn jemand sagt: Heinz Strunk macht jetzt Comedy?

Mich würde das natürlich sehr ärgern, wenn es Micky Krause gelänge, mir die Urheberschaft der Songs abzuluchsen. Aber sich dagegen zu wehren, was die Leute über einen sagen, bringt nichts. Für ganz viele ist Humor gleich Comedy. Mich darüber noch aufzuregen, finde ich mittlerweile ein bisschen öde.

Wen finden Sie selbst wirklich witzig?

Silvia Wollny aus der Doku-Soap „Die Wollnys“. Die haut ständig ganz lustige Sätze raus. Die Wollnys sind auch das Vorbild für Torben Bruhns’ Familie in „Last Exit Schinkenstraße“. Ich habe sehr viele Originalsätze von Silvia Wollny mitgeschrieben und die Torbens Frau in den Mund gelegt.

Der Autor und Musiker Heinz Strunk hat sich die Serie „Last Exit Schinkenstraße“ ausgedacht und spielt die Hauptrolle. Foto: Dennis Dirksen

Haben Sie keine Angst, wegen Urheberverletzungen verklagt zu werden?

Ich vermute, dass sich Silvia selber überhaupt nicht mehr an die Sätze erinnern kann. Außerdem gibt es in der Kunst den Begriff der Schöpfungshöhe – und ich glaube nicht, dass Silvias Sätze geeignet sind, als Kunstwerke durchzugehen, auf die man Urheberrechte anmelden könnte.

Sie klauen aber auch bei sich selbst: Einer der Hits von Pierre Panade heißt: „Fleisch ist mein Gemüse“ – genauso wie ihr Debütroman aus dem Jahr 2004.

Ich schau auch gerne auf Vox „Das perfekte Dinner“ – und da wird der Satz öfters gebracht. Ich glaube, keiner, der den da bringt, weiß, wo der herkommt. Und die meisten Leute vor den Bildschirmen denken bei dem Satz inzwischen wahrscheinlich: Das ist das, was die immer bei „Das perfekte Dinner“ sagen. Ich mag das Selbstreferenzielle daran. Das ist so ein Insider-Joke.

Sie sind in den letzten Jahren mit Ihren Romanen zum Liebling der Feuilletons geworden. Ist die Serie vielleicht auch der Versuch, das öffentliche Bild von Heinz Strunk etwas zu korrigieren?

Na ja, die breite Masse kennt mich doch sowieso nicht. Man darf nicht vergessen, in allem, was ich mache, bewege ich mich in einer Nische. Literatur ist per se, finde ich, ein Nischenfach. Wenn ich als Musiker vergleichbar erfolgreich gewesen wäre wie als Schriftsteller, würde mich heute jeder kennen.

In der Serie gibt es nicht nur Gastauftritte von Micky Krause und H. P. Baxxter, sondern zum Beispiel auch von Olli Schulz.

Der hat ja früher tatsächlich auch als Stagehand gearbeitet. Und ich bin froh und erleichtert, dass er das so super hingekriegt hat. Ich bin aber auch glücklich, dass Charly Hübner die Rolle des Chefs der Tanzcombo spielt. Und dass Marc Hosemann und ich so gut zusammenpassen, dass wir da so eine 30 Jahre andauernde Schicksalsgemeinschaft darstellen – irgendwo zwischen Dick und Doof und Walter Matthau und Jack Lemmon.

Würden Sie gerne weiter von diesem seltsamen Paar erzählen?

Die zweite Staffel ist quasi schon fertig ausgedacht. Es gibt eine tragfähige, sehr gute Idee, die auch zum Teil schon geschrieben ist. Ob es aber dazu kommt, entscheidet Amazon.

In dem Film „Fraktus“ haben Sie vor 13 Jahren Techno parodiert. In „Last Exit Schinkenstraße“ sind Stimmungshits dran. Welches Musikgenre müsste unbedingt außerdem persifliert werden?

Die Frage ist relativ leicht zu beantworten: Das geht in Richtung Rammstein. Ich sehe da sehr starkes Gag-Potenzial. Das wäre auch so grob die Idee für die zweite Staffel: Wenn Peter Voss und Torben Bruhns irgendwann als Vorprogramm einer anderen Band nach Amerika gehen, ist Pierre Panade auserzählt – und stattdessen kommen sie mit so teutonischem Zeug daher.

Heinz Strunk und die Serie „Last Exit Schinkenstraße“

Person
 Heinz Strunk (61) ist Autor und Musiker. Mit Jacques Palminger und Rocko Schamoni ist er das Trio Studio Braun. Seine Romane „Fleisch ist mein Gemüse“ (2004), „Der goldene Handschuh“ (2016) und „Jürgen“ (2017) wurden verfilmt.

Serie
 Heinz Strunks sechsteilige Ballermann-Serie „Last Exit Schinkenstraße“ ist von Freitag, 6. Oktober, an bei Amazon Prime Video verfügbar.