Je nach Familien-Vorbild fällt die Kommunikation in einer Beziehung unterschiedlich aus. Foto: Unsplash/Julian Myles

Die Dynamik zwischen Partnern kann eine große Herausforderung für die Beziehung sein. Was tun, wenn einer mehr liebt als der andere? Wir haben mit dem Diplom-Paartherapeuten Oliviero Lombardi über dieses Dilemma gesprochen.

Stuttgart - Liebe ist schwer messbar, denn jede und jeder hat andere Liebes-Sprache, also seine spezifische Art und Weise, Liebe auszudrücken. Diese Sprache wird vom Partner nicht immer verstanden.

 

Ein anderes Problem mit der Liebe ist auch der Zugang zu den eigenen Gefühlen. Hat man als Kind negative Erfahrung in Situationen mit entsprechenden Gefühlen gemacht, kann es sein, dass derjenige sich als Schutzmechanismus taub stellt und sich unsicher über seine Gefühle ist.

Realität wird über Sprache konstituiert

Auch fällt es Menschen schwer, Männern meistens mehr, über Gefühle zu sprechen. Sie haben von ihren Eltern nicht gut gelernt über Gefühle zu sprechen, oder sich in der Familie abgeguckt, dass über Gefühle nicht gesprochen wird.

Je nach Familien-Vorbild fällt die Kommunikation in einer Beziehung dann auch unterschiedlich aus. Wurde in der eigenen Familie selten „Ich liebe dich“ gesagt, sagt man es als erwachsener Mensch auch nicht so oft. Realität wird über Sprache konstituiert und festgeschrieben: Sagt man seinem Partner, dass man ihn liebt, passiert auch etwas bei demjenigen, der diese Worte ausspricht. Sagt man es nicht, ist es auch zum Nachteil für das eigene Liebesgefühl dem anderen gegenüber.

Scheinbares Gefälle

Hat man einen Partner, der oft über Gefühle spricht und dem „Ich liebe dich“ leicht über die Lippen geht, dann ergibt sich ein scheinbares Gefälle. Es muss jedoch kein „wahres“ Gefälle sein, denn es heißt noch lange nicht, dass einen der Partner nicht liebt, nur weil er es nicht so gut kommunizieren kann. Hier macht es Sinn mit seinem Partner ins Gespräch zu gehen und seinen Statements zum Leben auch Glauben zu schenken.

Man kann den Partner fragen: Wie sehr spürst du auf einer Skala von eins bis zehn, dass du mich liebst? Fällt der genannte Wert nicht besonders hoch aus, sollte man fragen woran das liegt, ob es bei vorherigen Beziehungen ähnlich war und wie die Kindheit des Partners war. Das kann den Wert auch in einem anderen Licht erscheinen lassen und die Enttäuschung mindern. Oder man erarbeitet in dem Gespräch Lösungen, wie mehr Liebe entstehen kann. Zum Beispiel könnte derjenige sagen: „Ich wünsche mir, dass ich mich von dir weniger unter Druck gesetzt fühle.“

Unterschiedliche Einstellung zur Bedeutung von Liebe

Es kann aber auch sein, dass Menschen zusammen sind, die eine unterschiedliche Einstellung zur Bedeutung von Liebe haben. Ob aus Gewohnheit, aus Angst vorm Alleinsein oder aus pragmatischen Gründen – es gibt auch Beziehungen, in denen ein Partner es für ausreichend hält, wenn die Partnerschaft als Arrangement funktioniert und denkt, Liebe sei eine Art Luxusartikel.

Auch darüber muss man sprechen und sich gegebenenfalls überlegen, ob man sich nicht lieber jemanden sucht, der den eigenen Erwartungen besser entspricht. Wenn jemand erst lernen muss, seine Liebe zu zeigen, ist es natürlich eine schwierige Situation für eine Beziehung.

Findet man sich selbst nicht liebenswert?

Eine andere Frage ist, warum man sich überhaupt jemanden sucht, von dem man nicht in vollem Maße geliebt wird. Wie sehr sind das eigene Selbstwertgefühl und die Selbstliebe ausgeprägt und sucht man sich aus diesem Grund vielleicht einen Partner, der einem bestätigt, dass man nicht liebenswert ist? Gleichzeitig deutet man dann alle mögliche Gesten, aufgrund des nicht gut ausgeprägtem Selbstwertgefühls, gegen sich.

Fühlt man sich nicht liebenswert, kann es auch dazu führen, dass man sich jemanden sucht, der das Kindheitstrauma heilen soll oder die eigenen Liebesunfähigkeit sich selbst gegenüber kompensiert. All diese Phänomene haben viel mehr mit einem selber zu tun als mit dem Partner.

Oft sind es einfach auch nur Missverständnisse

Eine gute und tragfähige Partnerschaft funktioniert am Ende nur auf Augenhöhe, wenn sich beide Partner wertschätzen und lieben (lernen). Wie es zum Ausdruck gebracht wird, darüber kann man reden, denn Menschen sprechen unterschiedliche Sprachen der Liebe. So kann es sein, dass die Frau seit zehn Jahren darauf wartet, dass der Mann mit Blumen nach Hause kommt. Er hingegen putzt regelmäßig ihr Auto, was sie aber nicht interessiert. Oft sind es einfach auch nur Missverständnisse.

Wenn es ein wirkliches Gefälle gibt und der Partner es auch sagt, sollte man ernsthaft über eine Trennung nachdenken. Mit jemandem zusammen zu sein, der einen nicht ausreichend stark liebt, halte ich für ungünstig. Derjenige muss das erst für sich lernen – und dann eine Beziehung eingehen.

Hier geht es zu Oliviero Lombardis Homepage

Über Liebe, Sex und Intimes – alle Folgen im Überblick

Wie macht man eigentlich richtig Schluss?

Verliebt in zwei Menschen – was tun?