Immer noch glücklich mit ihrem neuen Partner: „Undenkbar, wenn ich das verpasst hätte“, sagt Kathrin. Foto: privat

Kathrin hat sich mit 40 aus einer unglücklichen Langzeitbeziehung befreit – und sich neu verliebt. Sie fordert andere auf, nicht in lieblosen Beziehungen zu bleiben.

Er trinkt nicht, er schlägt mich nicht, wir haben die Kinder zusammen und das Haus, warum also sollte man sich trennen?“ Kathrin stellt sich diese Frage in den Monaten, bevor sie 40 wird. Warum denkt sie überhaupt darüber nach, sich zu trennen? Das Unglück zu Hause ist ein leises, schleicht sich in ihr Leben wie zähflüssiges Gift. Wo in der Jugend brennende Sehnsucht war, ist eines Morgens nur noch der klebrige Pastarest im Kochtopf in der Spüle und ein großes Desinteresse. Der Mann tut nicht, was sie sich versprochen hatte, zum Beispiel ihre Hand halten, sie von hinten umarmen, wenn sie ihren Kaffee am Fenster trinkt, und einen Kuss auf den Hals gibt er ihr auch nie.

 

Kathrin ist mit ihrem Mann zusammen, seit sie 18 ist. In ihren Dreißigern bekommen sie zwei Kinder, ziehen von Hamburg aufs Land, in ein Dorf mit 620 Einwohnern. Kathrin arbeitet nebenher als Künstlerin, malt Bilder. In den Monaten vor ihrem 40. Geburtstag fragt sie sich: „Sind meine Wünsche und Träume in Erfüllung gegangen?“

Zwischen 40 und 50 fällt vielen auf, dass das Leben nicht unendlich ist

In Bezug auf eine liebevolle Ehe, wie sie sich diese vorstellt, kann sie diese Frage nicht bejahen. Und damit steht Kathrin, deren Nachname wir zum Schutz ihrer Familie nicht veröffentlichen, wohl kaum allein da. Ehen werden meist im mittleren Alter nach durchschnittlich 15 gemeinsamen Jahren geschieden. Wie Kathrin kommt Männern und Frauen in diesem Alter oft der Gedanke, im besten Fall ihr halbes Leben noch vor sich zu haben. Kathrin möchte sich in dieser zweiten Lebenshälfte geliebt fühlen, wünscht sich echte Nähe, auch körperlich. Die Psychologin Felicitas Heyne erklärt: „Zwischen 40 und 50 fällt vielen bekanntlich auf, dass das Leben nicht unendlich ist. Oft sind die Kinder dann aus dem Gröbsten raus, und man kann sich fragen: ,Wie geht es mir hier eigentlich? War’s das jetzt?‘“

Kathrin denkt damals als erstes, die mangelnde Zuneigung ihres Mannes könnte vielleicht ihre Schuld sein. Sie will ihre Ehe retten, sucht das Gespräch, kauft aber auch Dessous, lädt ihren Mann zu einer Massage ein. Er lehnt dankend ab, gibt ihr einen Klaps auf den Po, ein Bussi auf die Wange. Zu Weihnachten lässt Kathrin Aktfotos von sich machen, die sie ihm schenken will. Doch der Mann sagt vorsorglich im Advent: „Ich hoffe, du beschämst mich nicht mit einem Geschenk.“ Kathrin behält die Bilder für sich.

Das Messer ist der Dolch, der ihrer Ehe den Todesstoß versetzt

Einer der größten Irrtümer von Langzeitpaaren, sagt die Psychologin Felicitas Heyne, sei es, zu glauben, dass der Sex schon von allein weiter gut bleibe. „Wenn man möchte, dass es schön bleibt oder sogar besser wird, muss man aktiv gegenhalten und etwas dafür tun“, sagt Heyne. Nur wenn es für beide in Ordnung sei, dass im Bett Routine oder Ruhe einkehre, sei das auch wirklich kein Problem: „Hier gibt es dann keinen Leidensdruck.“

Doch Kathrin wünscht sich Sex und liebevolle Berührungen mit ihrem Mann. Dann geschieht etwas Unvorhergesehenes. Der Fotograf stellt die Aktaufnahmen von Kathrin einfach beim Weihnachtsmarkt in seinem Schaufenster aus. Bevor Kathrin es verhindern kann, haben alle in dem kleinen Dorf die Bilder gesehen. Was für ein Skandal! Nach einem ersten Schock denkt Kathrin, die sonst immer schüchtern war: „Was soll’s? Ich stehe dazu.“ Es folgt ihr 40. Geburtstag im Frühjahr. Sie sitzt allein am Frühstückstisch, und der Mann schläft gemütlich aus. Umgekehrt steht sie damals jedes Jahr früh auf, deckt aufwendig einen schönen Tisch mit Blumen und vielen Geschenken, wenn er Geburtstag hat. Erst spät am Tag überreicht er ihr beiläufig sein Geschenk. Es ist ein Messer.

Kathrin fühlt sich heute glücklicher als zuvor. Foto: privat

Von diesem Moment an sieht Kathrin die Zeichen klar und deutlich: Das Messer ist der Dolch, der ihrer Ehe den Todesstoß versetzt, und die Aktbilder im Schaufenster sind nicht weniger als ihr Befreiungsschlag aus einer unglücklichen Beziehung, die nach außen hin wohl wie eine ganz normale, fröhliche Durchschnittsehe gewirkt hatte.

Es gibt durchaus problematisches Verhalten in Langzeitbeziehungen

Verachtung, Lustigmachen oder Abwertung, feindseliges Schweigen – all das sieht die Psychologin Felicitas Heyne als sehr problematisches Verhalten in Langzeitbeziehungen. „Krisen oder ein paar schlechte Wochen sind normal – doch wenn sich so ein respektloses Verhalten gegenüber dem Partner dauerhaft einstellt, ist das ein großes Problem.“ Wie geht man mit Streit in der Beziehung um, kann man respektvoll bleiben, ist man aneinander und an einer guten Beziehung interessiert? Das seien zentrale Fragen. Psychologen, erklärt Heyne, sagten oft, 70 Prozent aller Paarprobleme seien ohnehin unlösbar, irgendwas passe immer nicht, doch die Frage sei, wie man damit umgehe. 

Kathrin weiß jetzt, so wie bisher will sie nicht weitermachen. Trotz der gemeinsamen Kinder will Kathrin die Trennung von ihrem Mann, lässt sich nicht mehr umstimmen. Auch als er ihr vorschlägt, man könne andere zum Sex treffen, aber zusammen bleiben. Das wäre für ihn bequem, denkt Kathrin. Sie will klare Verhältnisse.

Der neue Mann küsst und streichelt sie so, wie sie es noch nie zuvor erlebt hat

Ihre Entschlossenheit verhilft ihr jetzt auch in anderen Bereichen zu ungeahnt mutigen Entscheidungen. Sie beschließt, sich selbstständig zu machen als Künstlerin. In den Wochen zuvor hatte ihr ein anderer Mann geschrieben, bisher ist sie nicht darauf eingegangen. Jetzt sagt sie zu, ihn kennenzulernen. Auf den weitläufigen Wegen des Hamburger Parkfriedhofs Ohlsdorf mit den riesigen alten Bäumen und der verborgenen Tierwelt begegnet sie diesem Mann zum ersten Mal. Er betreut die Uhus im Park. Gegen Abend um diese Jahreszeit, wenn die Balzzeit der Tiere beginnt, hören sie das Rufen der geheimnisvollen Tiere.

In stillen Nächten trägt hier nur das tiefe „Buhoo“ des Uhus durch die Baumwipfel. Das Weibchen antwortet mit einem hellen „Uhju“. Haben die Tiere sich dann füreinander entschieden, füttert der Mann das Weibchen liebevoll.

Kathrin ist verzaubert. Sie lässt sich von diesem romantischen Moment bei den Uhus in den darauffolgenden Wochen zaghaft, doch dann immer beherzter tragen in eine neue Liebe. Der Mann küsst und streichelt sie so, wie sie es noch nie zuvor erlebt hat. Verliebt kleben die beiden aneinander, unternehmen so viel es geht gemeinsam, reden stundenlang über alles. Immer gibt es ein Thema, immer ist er interessiert. Anhänglich zu sein ist kein Makel mehr. Beide genießen ihre grenzenlose Zuneigung zueinander, erzählt Kathrin. Er kann kaum die Finger von ihr lassen, möchte ihr dauernd nah sein. Und er küsst sie zart auf den Hals.

Kathrin möchte anderen Frauen Mut machen

All das ist jetzt 20 Jahre her. Die Liebe besteht. Bis heute ist Kathrin mit diesem Mann zusammen, mittlerweile verheiratet. Wenn er mal alleine los muss, weil sie kränkelt, sagt er hinterher: „Mensch, du hast mir so gefehlt.“ Auch sexuell ist Kathrin durch ihren neuen Partner über sich selbst hinaus gewachsen, darüber spricht sie offen. Auf der Internetplattform Joyclub haben sich die beiden ein Partnerprofil angelegt, treffen sich ab und zu gemeinsam mit anderen. Das wäre für Kathrin früher undenkbar gewesen. Durch das tiefe Vertrauen zwischen ihr und ihrem Mann ist das heute für Kathrin alles ein großes und schönes Abenteuer.

Kathrin möchte anderen Frauen Mut machen, nicht in einer bestehenden unglücklichen Beziehung oder Ehe zu verharren. „Man denkt immer, man sei abhängig, das stimmt aber nicht.“ Auch sie habe es geschafft, mit ihrer Selbstständigkeit auf eigenen Beinen zu stehen und sich mit einem liebevollen Partner ein neues Leben aufzubauen. „Trennt euch! Niemand muss in einer unglücklichen Beziehung bleiben“, sagt Kathrin. „Da draußen wartet noch so viel Schönes. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte das alles nicht erlebt – nicht auszudenken.“