310 Kilometer Radfahren über steile Berge innerhalb von 17 Stunden: Unser Mitarbeiter beschreibt, wie sich ein Brevet auf die Muskeln, das Herz und den Geist auswirken.
Freiburg - Mein Rad rauscht im Morgengrauen über die Landstraße. Auf den Feldern liegt feuchter Nebel. Die Kälte kriecht in meine Handschuhe, meine Zehen sind taub. Ich atme tief ein und konzentriere mich auf den Tritt, drücken und ziehen, drücken und ziehen. Immer weiter.
Vor mir faltet sich der Kaiserstuhl auf, ein von Weinreben gesäumtes Vulkangebirge, hinter mir liegt Freiburg. Mein Magen: flau. Mein Kopf: voller Zweifel. Das Abenteuer, auf das ich mich an diesem Morgen eingelassen habe, erscheint mir nun verrückt: Ich möchte 310 Kilometer Rad fahren innerhalb von 20 Stunden.
Die Tour, ein sogenanntes Brevet, führt kreuz und quer durch den Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. Steile Berge hinauf und hinunter. Es kommt nicht darauf an, Erster zu sein. Allein das Ankommen innerhalb des Zeitlimits zählt. Und: Ich muss es aus eigener Kraft schaffen, darf mir bei einer Panne nicht helfen lassen.
Ich habe so etwas noch nie gemacht.
Nun ja, ich bin kein Anfänger. Mit dem Rennrad stand ich zweimal auf dem Mont Ventoux, auf einem schwer bepackten Mountainbike bin ich durch Argentinien, Chile und Bolivien gefahren. Aber heute muss ich 4500 Höhenmeter an einem Tag überwinden – ein Anstieg wie vom Meeresspiegel auf die höchsten Gipfel der Alpen. Halte ich das durch?
Stempel per Smartphone
Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kitzeln meinen Rücken. Die Straße ist leer. Ich klettere einen Hügel hinauf, und langsam kehrt das Gefühl in meinen Zehen zurück. Ich fahre durch Oberbergen, ein verschlafenes Dorf mit engen Gassen und schiefen Häusern. Auf den Kuppen der Vogesen funkelt noch Schnee.
Organisiert wird das Brevet von den „verwegenen Radfahrern aus dem Breisgau“. So könnte man den Vereinsnamen „Audax Randonneurs Allemagne Breisgau“ übersetzen. Sie organisieren jedes Jahr mehrere solche Kilometerprüfungen, die 200, 300 oder gar 600 Kilometer lang sind.
Nach 28 Kilometern erreiche ich den ersten Kontrollpunkt. Normalerweise haben Brevet-Fahrer eine Karte dabei, auf der sie Stempel sammeln, um zu beweisen, dass sie die Strecke gefahren sind. Doch heute erwartet mich am Stadttor von Burkheim, einem Dorf im westlichen Zipfel des Breisgaus, kein Stempel, keine Aufmunterung, ja nicht mal ein Mensch. Wegen der Coronapandemie läuft alles kontaktlos über eine Internetseite. Ich fische mein Smartphone aus der Lenkertasche, logge meinen Standort ein und lade ein Foto meines Fahrrads hoch. Es klappt.
Der Kaffee will raus
Aus Burkheim fahre ich auf einer schnurgeraden, flachen Nebenstraße nach Breisach. Die Obstbäume blühen, Frankreich liegt nur ein Hahnenkrähen entfernt. Die Versuchung ist groß, einen schweren Gang einzulegen und Tempo zu machen. Doch mehr als 250 Kilometer liegen noch vor mir.
Ich spüre, dass ich beim Frühstück zu viel Kaffee getrunken habe. Alle zehn Kilometer muss ich eine Pause machen, um zu pinkeln. Außerdem scheuert die Radhose an der Innenseite meines Oberschenkels. Und mir ist schlecht. Viel essen soll man bei einem Brevet, weil der Körper Unmengen an Kalorien verbraucht. Deswegen habe ich vier Energieriegel vertilgt. Nun ist mein Magen überfordert. Ich bremse, lehne mein Rad an einen Baum und setze mich ins Gras. Mit der Übelkeit kommen die Zweifel zurück: Warum mache ich das hier eigentlich?
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Ich liebe das Radfahren, weil es die ideale Form der Fortbewegung ist, um die Welt zu erkunden. Auf dem Fahrrad trennt mich kein Metallpanzer von der Sonne, dem Regen und den Menschen, die am Straßenrand stehen. Ich halte gerne an, rede mit ihnen und lasse mich treiben. Durchschnittsgeschwindigkeiten sind mir eigentlich völlig schnuppe.
Nun sitze ich neben einem Maisfeld, und in meinem Kopf tickt die Uhr. Ich muss weiterfahren. Das ist das Problem.
Anders leben
Das Brevet hat mich verändert, das habe ich schon bei der Vorbereitung gemerkt. Auf einmal saß ich nachts vor meinem Laptop und verglich den Rollwiderstand von Rennradreifen. Ich habe über meine Sitzposition nachgedacht und wollte zu einem professionellen Bikefitter gehen. Ich habe versucht, weniger Kohlenhydrate zu essen, um Gewicht zu verlieren. Den Februar und den März verbrachte ich mit Trainingsfahrten. Nicht, weil ich Bock hatte, im Schneetreiben aufs Rad zu steigen, sondern, weil ich Angst hatte, das Brevet nicht zu schaffen. Ich habe mir sogar einen Radcomputer gekauft!
Nun fühle ich mich wie ein mieser Verräter. Optimierung: ein Wahn, der mir zuwider ist. Zu meiner Radreise durch Südamerika bin ich aufgebrochen, weil ich eine Auszeit vom durchgetakteten Studium brauchte. Ich wollte nicht noch ein Praktikum machen, sondern leben.
Während mich diese Gedanken betäuben, fährt ein kleiner Mann auf einem roten Fahrrad an mir vorbei. Er grüßt freundlich. Ich schnappe mein Rad und fahre hinterher. Gerald ist 61 Jahre alt, wohnt in Schleswig-Holstein und hat schon auf der ganzen Welt Brevets absolviert. Er freut sich über die guten Radwege, den blauen Himmel und holt mich zurück in die Realität. Er sagt: „Es ist alles Kopfsache. Wenn du dich auf 300 Kilometer einstellst, kannst du 300 Kilometer fahren. Wenn du 400 Kilometer fahren willst, kannst du auch 400 fahren.“ Ich bin froh, dass ich ihn gefunden habe.
Quälerei oder bloß Anstrengung?
Auch Gerald freut sich über die Begleitung. Er redet gerne. Über Cyclocross-Rennen im Matsch und Paris–Brest–Paris, die Königin unter den Brevets, 1200 Kilometer lang und ultraschwer. „Da legen sich die Leute zwischendurch zum Schlafen in den Straßengraben“, sagt er. Viele geben auf. Gerald hat es geschafft.
Warum quälst du dich so gerne, Gerald? Er guckt mich an. Dann sagt er: „Es gibt immer harte Momente. Wenn die Schultern schmerzen oder der Körper die Spannung verliert. Aber das ist für mich noch keine Quälerei.“ Mir gefällt das. Vielleicht werde ich mich heute nicht quälen müssen – sondern bloß anstrengen.
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Wir radeln über Feldwege, klettern einen Weinberg hoch und nähern uns dem Schwarzwald. Gerald wartet, als ich mir in einer Drogerie Vaseline kaufe. Damit schmiere ich die Scheuerstelle zwischen Schritt und Oberschenkel ein und versuche, nicht mehr dran zu denken.
Mittlerweile ist es Mittag. Die ersten 100 Kilometer liegen hinter mir – und der Stohren steht an. Die Straße wuchtet sich in Serpentinen den Berg hinauf, ein Schild warnt: 18 Prozent. Härteres hat der Schwarzwald nicht zu bieten. Gerald, der eben noch vom Stilfserjoch in den italienischen Alpen geschwärmt hat, verstummt. Ich schalte in den kleinsten Gang und versuche so langsam wie möglich zu treten. Mein Herz rast, Schweiß rinnt von meiner Stirn, ich krieche über den Asphalt. Wenn ich langsamer fahren würde, fiele ich um. Doch meine Beine fühlen sich gar nicht so schlecht an, und die Scheuerstelle ist vergessen. Ich habe sogar einen Blick für die Landschaft: Schwarzwaldhöfe, Weideflächen, ein Bergbach. Wunderschön!
Rüblikuchen in Titisee
Nach einer kurzen Abfahrt sind wir zurück auf der Hauptstraße, die sich unbarmherzig steil in die Höhe schraubt. In den Innenseiten der Kurven liegt die Steigung bei mehr als 20 Prozent. Zum Glück spenden einige mächtige Tannen kühlen Schatten. Drei Kilometer vor dem Gipfel endet der Wald, und die Sonne brennt in meinem Nacken. Doch die Steigung flacht ab, und der Ausblick in die Rheinebene ist grandios. Auf der Passhöhe bleibt mein Blick am Feldberg haften, dann rumpel ich auf einer frostzerfressenen Straße hinunter nach Hofsgrund. An der füllen Gerald und ich unsere Wasserflaschen und stürzen uns in die Abfahrt.
Wir kurbeln weiter durch den Südschwarzwald. Es geht auf und ab, manchmal sind die Anstiege so steil, dass mir die Luft wegbleibt, doch ich bin euphorisch. Ich könnte ewig weiterfahren. Die Landschaft: Postkartenidylle. Das Wetter: prächtig. Am Gasthaus Heiligenbrunnen treffe ich Walter. Er hat das Brevet organisiert und seine Liebe zur Langstrecke in dem Buch „Tausend Meilen Süden“ beschrieben. „Das Brevet-Fahren ist für mich wie eine kleine Reise“, sagt er.
In Titisee halte ich an einem Café und kaufe den besten Rüblikuchen meines Lebens. Das Stück ist sehr groß, der Wirt freut sich, dass ich mich freue. In Lenzkirch kaufen wir Brote und Wasser. In Neustadt erwartet uns eine steile Rampe. In Friedenweiler biegen wir auf unsere letzte Schleife ein und bewundern wenig später den Sonnenuntergang. In Unadingen ist es stockdunkel. Ein paar Hundert Meter vor uns fahren drei rote Lichter. Ihr Anblick beruhigt mich. Es sind Randonneure auf dem Heimweg, genau wie wir, und ich habe keinen Zweifel mehr, dass ich das Brevet zu Ende fahren werde.
Meine Jan-Ullrich-Kindheitserinnerungen
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich so gerne Rad fahre. Als ich sieben Jahre alt war, gewann Jan Ullrich die Tour de France. Meine Eltern, mein Bruder und ich waren mit dem Wohnmobil an der Mosel, ich hing am Radio und hörte, wie Ullrich die Pyrenäen hinaufschoss. Auf meinem Puky-Rad strampelte ich für den Rest des Urlaubs Weinberge hinauf.
Die letzten Kilometer ziehen sich in. Geralds Tretlager knarzt, die Temperatur fällt auf null, und der Leuchtkegel unserer Lampen macht die Straße zum Tunnel.
Um fünf vor zwölf sind wir am Ziel in Freiburg. Ich habe es tatsächlich geschafft. 310 Kilometer in gut 17 Stunden. Doch ich bin so müde und mein Körper ist so leer, dass ich mich gar nicht freuen kann. Gerald sagt: „War schön. Ich muss ins Bett.“
Ich stehe vor dem Wiehre-Bahnhof und zittere vor Kälte. In mir: nichts außer Gleichgültigkeit. Ziemlich sinnlos, so eine Fahrt quer durch den Landkreis, von Freiburg nach Freiburg. Warum habe ich das nun gemacht? In diesem Moment kann ich es beim besten Willen nicht erklären. Ein paar Tage später habe ich den tieferen Sinn des Brevet-Fahrens immer noch nicht entdeckt. Vielleicht gibt es ihn nicht. Aber mittlerweile bin ich mir sicher: Ich werde es noch mal machen.