Mehrere Zentimeter Schnee lassen den Stuttgarter Schlossplatz zu einem märchenhaften Winterbild werden – doch eigentlich ist bereits Frühling. Foto: dpa

Es reicht! Schnee, Schnee – und noch mehr Schnee. Und das Ende März. Der Mensch sehnt sich nach Sonne und Wärme. Er wird wohl noch ein Weilchen warten müssen.

Stuttgart - Der Kessel war schon angeheizt, die Lok auf Temperatur gebracht und dann das: Schnee. Das Wetter hat den Betreibern der Killesbergbahn das erste Mal seit Jahren einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. „Zu glatt für Kinder und Zug“, bestätigte auch Susanne Schupp, Pressesprecherin der Stuttgarter Straßenbahnen AG, den Ausfall der Eröffnungsfahrt. Lediglich ein paar Meter vor und zurück rollte die Diesellok Tazzelwurm gestern, damit das Wasser in den Kesseln des Zuges nicht einfror. Teils vereiste Gleise und gefährlich glatte Pflastersteine rund um die Anlage des Höhenparks zwangen die SSB die traditionsreiche Probefahrt mit Kindern aus zwei nahegelegenen Kindergärten abzusagen. Die Kinder eröffnen mit ihrem Besuch normalerweise die Saison, bevor der reguläre Betrieb der Bahn am Karfreitag startet.

Frühling sieht anders aus

Frühling sieht anders aus

Für die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes der Stadt Stuttgart war dieser erneute Wintereinbruch jedoch kein Wunder. „Der März fällt im Vergleich mit den Wintermonaten nicht aus dem Konzept“, meint Paul Dilger, Meteorologe vom Dienst in der Wetterstation Schnarrenberg. Vergleicht man die Temperaturen vom Montag, die kaum über 0 Grad kletterten, allerdings mit denen des Vorjahres, so muss auch er eingestehen: Frühling fühlt sich anders an. Bis zu 19,7 Grad vermerken die Tabellen für den 25. März 2012 am Schnarrenberg. „Das momentane Problem ist der wenige Niederschlag“, erläutert Dilger. Eine Aussage, die zunächst Unverständnis hervorruft. Tatsächlich aber liegt der Niederschlagswert für diesen Monat mit 18,8 Litern pro Quadratmeter ganze 48 Prozent unter dem Normalwert von 39,2 Litern. Ausschlaggebend dafür ist nicht der Niederschlag in Form von Regen oder Schnee, sondern die Luftfeuchtigkeit. Da kalte Luft weniger Feuchtigkeit sichert als warme, liegt der Monat unter dem Durchschnitt. „Deswegen haben wir mit einer noch andauernden unbeständigen Phase zu rechen, aber wir müssen uns jetzt Stück für Stück zum Frühling vorkämpfen“, ermuntert Dilger. Die winterlichen Tage dieser Woche sollten mit diesem Montag und Dienstag geschafft sein, meint er, von Mittwoch an gehe es bergauf. Trotzdem will der Meteorologe keine Versprechungen machen. „Es wird wechselhaft bleiben, weil kein Hochdruckgebiet in Sicht ist.“ Für die Ostertage vermutet Dilger um die 10 Grad, aber ob über die Feiertage blauer Himmel oder Nieselregen ins Haus steht, ist noch unsicher.

Eisblume statt Osterglocke

Eisblume statt Osterglocke

Neugierig streckten sie bereits ihre Köpfchen aus dem Boden, über Nacht ist das zarte, nur zu ahnende Gelb der Narzissen jedoch von einer Mütze aus Schnee bedeckt worden. Den sogenannten Geophyten, also Zwiebelpflanzen, macht der Schnee jedoch nichts aus. „Die haben so viel hoch konzentrierten Zucker in ihren Leitungsbahnen und im Gewebe, dass sie die Kälte gut überstehen“, sagt Walter Wagner, Leiter der Abteilung Stadtgrün beim Gartenamt. Anderen Pflanzen kann ein strenger Winter allerdings schaden: „Diese erfrieren aber nicht, sondern sie verdursten, weil kein Nahrungs- und Wassertransport mehr stattfindet“, so Wagner. Die meisten Pflanzen bräuchten den Winter aber, um später keimen zu können. Der lange Frost habe einen weiteren positiven Effekt: „Schädlinge erfrieren oder müssen sehr lange warten – und können sich deshalb nicht so stark vermehren“, sagt Wagner.

Spiegelglatte Straßen

Spiegelglatte Straßen

In Stuttgart kam es am Montagmorgen zu 20 Unfällen, bei denen ein Sachschaden von 40.000 Euro entstand. Vor allem in Hanglagen kamen die Autofahrer ins Rutschen, etwa auf der spiegelglatten Weinsteige. Dennoch stellte eine Stuttgarter Polizeisprecherin fest: „Es gibt eine gewisse Gewöhnung an die Witterungsbedingungen.“ Das würde die Böblinger Polizei wohl nicht unterschreiben. Den Landkreis traf es besonders hart: Im morgendlichen Verkehr zählte die Polizei 25 Verkehrsunfälle, bei denen sechs Menschen verletzt wurden. Am glimpflichsten ist der Rems-Murr-Kreis davongekommen.

Schneeschippen ohne Ende

Schneeschippen ohne Ende

„Der diesjährige Winter war für uns gut beherrschbar“, sagt Ulla Allgaier von der Abfallwirtschaft Stuttgart. Es sei ein normaler, langer und kalter Winter ohne extreme Winterereignisse gewesen – mit Ausnahme des Eisregens im Januar. „Es gab aber keine Wetterlagen wie zum Beispiel Dauerschneefall über mehrere Tage, wo der Winterdienst auf Fahrbahnen an die Grenzen des Machbaren gestoßen wäre“, so Allgaier. Dennoch gab es für den Winterdienst mehr Einsätze als im letzten Jahr. 2011/12 rückte er an 34 Tagen aus, in dieser Saison bereits 57 Mal. Dabei wurde auch mehr Salz benötigt: 2011/12 waren es 2537 Tonnen, 2012/13 5045 Tonnen. Dennoch neigen sich die Vorräte nicht dem Ende zu: Derzeit lagern noch etwa 1700 Tonnen in Silos sowie zusätzliche 2000 Tonnen in einer Lagerhalle.

Zu kalt für den Asphalt

Zu kalt für den Asphalt

Wegen Wasserschäden im Fahrbahnbelag wird derzeit die Karl-Kloß-Straße zwischen Degerloch und Heslach repariert. Von Karfreitag an sollte der Verkehr eigentlich wieder normal rollen – doch der erneute Wintereinbruch verhindert dies: Die Baustelle steht momentan still. „Eigentlich lagen wir sehr gut im Zeitplan, aber bei Temperaturen unter fünf Grad Celsius können wir nicht asphaltieren“, sagt Jürgen Mutz, Leiter der Bauabteilung Mitte/Nord beim Tiefbauamt. Generell sieht er die Lage im Tiefbau aber entspannt: „Die klassischen Unterhaltungsmaßnahmen haben wir sowieso für die warmen Monate geplant“, so Mutz. Nur Notbaustellen wie die Karl-Kloß-Straße oder Straßenbaumaßnahmen, die sich ein Jahr oder länger zögen, seien von der Witterung betroffen. Und natürlich die „berühmten Schlaglöcher“, wie Mutz sie nennt. Diese könnten jedoch mit einem speziellen Kalt­asphalt geflickt werden.