Das Gedenkjahr ist zu Ende – Hölderlin lebt. Unter dem Titel „Pallaksch“ hat ein spartenübergreifender Abend im Stuttgarter Schauspielhaus den Beweis erbracht.
Stuttgart - „Was bleibet“ – an dieser Frage entscheidet sich die Bedeutung von Gedenkjahren: ist es die Asche der Überlieferung oder die Weitergabe des Feuers? Im Mittelpunkt von Alessandro Giaquintos gleichnamiger Choreografie, die die lange Hölderlinnacht im Schauspielhaus eröffnet, steht eine Urne. Verse zischeln durch den Raum, das Kratzen einer Feder. Und als würden sie vom hingeworfenen Schwung einer Handschrift durchschüttert, bilden Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts Formationen, die an das wilde Gedankengestrüpp von Autografen erinnern: in schroffer Schönheit dahingekritzelt und zugleich von dunkler Notwendigkeit belebt.
Wie Stromschläge durchzuckt die Anverwandlung kultureller Energie die Körper, in Wechselbeziehung zu den brüchigen Psychogrammen der Musik Robert Schumanns. In dieser Urne ist kein Staub, sondern Tinte, die am Ende den Tänzer Friedemann Vogel hinüberfließen lässt ins Reich der Zeichen.
Depris schieben mit dem Dichter
Die große Sehnsucht des Dichters, eins zu sein mit allem, hat auf institutioneller Ebene die Stuttgarter Staatstheater, das Literaturhaus und das Deutsche Literaturarchiv in Marbach zusammengeführt. Als verspäteter Abschluss der Pandemie-gebeutelten Feiern anlässlich Hölderlins 250. Geburtstag schlägt der Abend eine Brücke in die Gegenwart. Und das klingt dann zum Beispiel so wie bei der Rapperin Lady Bitch Ray: „Bitch betta have my Hölderlin! / Weißt du, was ich mein’? Müssen wir dich lieben? / Oder die ganzen Erinnerungen an dich besiegen? / Mit deiner Poesie will ich gerne Depris schieben.“ So lässt sich der Konflikt zwischen Tradition und brennendem Jetzt auch fassen.
Mit dem Wort „Pallaksch“ soll Hölderlin während seiner Zeit im Tübinger Turm ratlose Besucher verwirrt haben. Die rätselhafte Irritationsformel schwebt über den Auseinandersetzungen mit seiner Dichtung, deren Ergebnisse im zweiten Teil des Abends vorgestellt werden, in einem lesungstypischen Setting, das man mit seinen Tischchen und Wasserfläschchen für eine Inszenierung hätte halten können.
Zwei Bretter und zwei Brettchen
Gegenüber der unmittelbaren Präsenz der Texte, Lesarten, Überschreibungen der Lyrikerinnen Monika Rinck, Dagmara Kraus, des Heidelberger Rappers Torch oder des Büchnerpreisträgers Jan Wagner zieht bei den steifen Fragen des Moderatorenduos, der Literaturkritikerin Beate Tröger und des stellvertretenden Leiters des Marbacher Archivs Jan Bürger, eine Ahnung von Aschegeruch durch den Raum.
Doch wenn Dagmara Kraus in einer staunenswerten Suada die Trümmer eines Fragments, „zwei Bretter und zwei / Brettchen apoll envers terre“, zu einer Schlüsselszene zwischen Himmel und Erde, Werther und Diotima, Leben und Tod zusammenreimt, wird der Blick wieder frei auf die kostbaren Ressourcen der Unverständlichkeit. Es ist eben wie bei „Hölderlins Quitte“, die Jan Wagner bedichtet: eine störrische Frucht, deren Süße erst erobert sein will. Gedichtvertonungen von Detlev Müller-Siemens und Hauke Berheide, Rezitationen von Schauspielern des Staatstheaters leisten dabei Unterstützung – allen voran Elmar Roloff auf goldenem Sessel alias Scardanelli, dem fiktiven Unterzeichner der späten Gedichte.