Mit Lenkrad, Steuerknüppel und Schaltpult können die Fahrzeuge im „Landwirtschaftssimulator“ am Computer noch realistischer gesteuert werden. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Im „Landwirtschaftssimulator“ steuern Menschen virtuelle Traktoren, das Computerspiel ist in Deutschland sehr beliebt – nicht nur bei Teenagern. Ein Besuch bei einem langjährigen Fan aus dem Bottwartal.

Bottwartal - Ralf Raugust lenkt den schlammbespritzen Traktor samt Anhänger vom Hof und holpert über Feldwege zu seinem Getreidefeld. Die Sonne scheint, über den Motorlärm des Fendts hinweg dudelt Pop aus dem Radio. Raugust, ergraute Haare, goldener Ohrring, kurbelt routiniert am Lenkrad, um eine enge Kurve zu nehmen. Als er ankommt, ist gerade ein Mähdrescher dabei, das Feld am Waldrand abzuernten. Der 55-Jährige manövriert seinen Anhänger unter das Abtankrohr des Mähdreschers, aus dem das Getreide auf die Ladefläche prasselt.

 

Das Feld, die Bäume, die Fahrzeuge wirken täuschend echt, doch Raugust weht dabei kein Wind um die Nase. Denn er steuert den Traktor nur virtuell: in einem Computerspiel, dem Landwirtschaftssimulator. „Das Getreide kann ich jetzt verkaufen“, erklärt Raugust, während sich sein Anhänger langsam füllt. „Es funktioniert wie in echt, ich ernte das Feld ab, verfüttere das Stroh an meine Tiere. Danach muss ich das Feld wieder für die nächste Saat vorbereiten.“

Das Spiel stellt einen kompletten Agrarbetrieb nach, dutzende Fahrzeuge, Fruchtsorten und Tierarten stehen zur Auswahl – und mehrere Schwierigkeitsgrade. Wer die Herausforderung will, kann seinen Hof aus den Schulden herauswirtschaften. „Es ist trotzdem vor allem ein Spiel“, sagt Raugust. „Man entscheidet selbst, ob man Realismus will oder abends nach der Arbeit entspannt ein bisschen Traktor fahren.“

Raugust, auf dessen T-Shirt das Fendt-Logo prangt, spielt mit einer Luxusausstattung: Er hat sich zu seinem Computer ein Lenkrad mit Pedalen, Steuerknüppel und Schaltpult geleistet, über das er die Hydraulik eines Frontladers präzise steuern kann. „In all dem steckt das Geld für einen Kleinwagen“, verrät Raugust. Mithilfe mehrerer Bildschirme kann er tief in die virtuelle Welt eintauchen. Dafür hat er das alte Zimmer seines Sohnes umfunktioniert, Landmaschinenkalender und Modelltraktor neben dem Schreibtisch inklusive.

Das Spiel hat viele Fans über 30

Raugust gehört zu den Millionen vorwiegend männlicher Spieler, die an ihrem Computer statt Fantasyhelden lieber detailgetreue Traktoren und Mähdrescher lenken. Der Hersteller Giants Software, mit Standorten in der Schweiz und in Erlangen, spricht von etwa 25 Millionen verkauften Exemplaren seit dem Start des Spiels im Jahr 2008. Alle paar Jahre erscheint eine Fortsetzung. Der neueste Landwirtschaftssimulator, Versionsnummer 22Das lässt einen denken, es gäbe schon 22 Ausgaben des Spiels, es sind aber natürlich deutlich weniger. Würde „Versionsnummer“ es klarer machen?, verkaufte sich in der ersten Woche nach dem Erscheinen anderthalb Millionen Mal. Im Vergleich zu „Fifa“ oder „Call of Duty“ dürfte die Marke wenigen ein Begriff sein. Und doch zählt sie zu den beliebtesten Computerspielen in Deutschland, dem laut Giants Software größten Markt für den Landwirtschaftssimulator.

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Unter den Spielern sind häufig Männer über 30, Raugust ist da keine Ausnahme. Das unterscheidet Simulationen von anderen Spielegenres, die oft actionreicher sind und sich auf Teenager fokussieren. „Simulatoren sprechen eher Spielertypen an, die ein ruhiges, vorhersehbares Spielerlebnis wollen“, sagt Jessica Kathmann. Die Psychologin aus dem Raum Tübingen beschäftigt sich intensiv mit digitalen Spielen.

„Es ist ein Kuriosum, dass der Landwirtschaftssimulator so erfolgreich ist, und gerade deshalb probieren ihn immer mehr Menschen aus“, sagt Florian Franck vom Spielemagazin Gamestar. Zentral sei der Mehrspielermodus, mit dem man online mit anderen Menschen gemeinsam Farmen betreiben kann. „Die Community ist sehr freundlich und erklärt Neulingen viel.“

Seinen virtuellen Bauernhof hat sich Rugust selbst aufgebaut. Es geht vorbei an einem Stall, vor dem einige Schweine im Auslauf grunzen, zu einer grauen Lagerhalle. Hier kann Raugust die Ernte einbringen, daneben warten verschiedene Anhänger und Maschinen darauf, an den Traktor angehängt zu werden. Der Landwirtschaftssimulator folgt dem sogenannten Sandkastenprinzip: Das Programm bietet den Spielern die Möglichkeit, verschiedene Maschinen zu benutzen, was sie damit konkret tun, bleibt aber ihnen selbst überlassen.

Die Realität, die simuliert wird, ist selektiv. So legen die Fans der Reihe einerseits großen Wert darauf, dass die Gerätschaften, die man im Spiel benutzen kann, in ihren Funktionen möglichst nah an die Originale aus dem echten Leben herankommen. Andererseits macht man im Spiel viel raschere Fortschritte, da die Aussicht, wie im echten Leben monatelang auf die Ernte warten zu müssen, selbst Hartgesottene abschrecken würde. Auf dem Bauernhof gibt es immer etwas zu tun, abhängig vom eingestellten Spieltempo. „Bei normaler Geschwindigkeit braucht es einen echten Tag Spielzeit von der Saat bis zur Ernte“, erklärt Raugust.

Wer will, baut sich eigene Spielerweiterungen

Der 55-Jährige ist Teil eines etwa zehnköpfigen Teams. Die Männer zwischen 30 und 65 kommen aus ganz Deutschland und haben sich im Online-Spiel kennengelernt. Seither verbringen sie auch viele Abende in einem Sprachchat. Sie nutzen das vorhandene Gerüst, das ihnen das Spiel bietet, und fügen eigene Erweiterungen hinzu, „Mods“ genannt.

Raugust gestaltet neue Karten und Spielszenarien in einem Zusatzprogramm, dem Editor, und stellt sie anderen zur Verfügung. „Da verbringe ich inzwischen mehr Zeit als im Spiel selbst“, sagt er und öffnet ein aktuelles Projekt. Im Rohzustand zeigt der Bildschirm eine große grüne Fläche mit einigen Höhenzügen und angedeuteten Straßen. Raugust platziert ein neues Straßenstück, das nahtlos an das vorherige anschließt. „Jetzt muss ich das Terrain anpassen“, sagt er. „Ich kann Gras verteilen, Häuser platzieren, Felder anlegen. An so etwas sitzt man Monate.“

Raugust hat dafür mehr Zeit als andere Feierabend-Landwirte, weil er seit einem Arbeitsunfall und einer missglückten Gelenkoperation vor fünf Jahren nicht mehr in seinem Beruf als Fliesenleger arbeiten kann. „Ich stehe morgens um sechs mit meiner Frau auf, sie geht zur Arbeit, ich mache den Haushalt, gehe mit den Hunden raus – und was mache ich dann mit meiner Zeit?“ Inzwischen verbringt er regelmäßig sechs bis acht Stunden am Tag mit dem Spiel. Den Landwirtschaftssimulator 13 hatte er einst aus einer Laune heraus bei einem großen Elektronikmarkt mitgenommen, mit jedem folgenden Teil fand er mehr Gefallen daran.

Eines Tages entdeckte Ralf Raugust die Möglichkeit, das Spiel nach eigenen Wünschen zu verändern. „Ich habe davon anfangs aber nichts verstanden“, erzählt er. Also fragte er einen seiner beiden Söhne, der im IT-Bereich studiert. „Er hat sich das angeschaut, mir eine halbe Stunde gezeigt und mich ins kalte Wasser geworfen.“ Heute navigiert er mit wenigen Handgriffen durch die Benutzeroberfläche des Editors und die dazugehörige Programmiersprache. „Ich habe sogar unser Tal nachgebaut“, sagt Raugust und zeigt eine neue Karte. Auf Hügeln hat er Weinberge angelegt, dazwischen Felder und Höfe verstreut, ein Ortsschild heißt in Kleinbottwar willkommen. Die Landschaft ist zwar fiktiv, aber den Hintergrund bildet ein Panoramafoto des echten Bottwartals mit seinen bewaldeten Höhenzügen.

Deutsche Tugenden in Spielform

Doch woher stammt die Faszination für solche Simulationen? Der Spieleexperte Florian Franck ist sich sicher: Ganz vorne steht das Interesse an großen Maschinen. Es gibt ähnliche Spiele, in denen man Lastwagen, Züge oder Flugzeuge steuern kann.

Den Landwirtschaftssimulator spielen kurioserweise auch zahlreiche echte Landwirt. „Ein Reiz für sie kann sein, dass auf diese Weise Maschinen steuern und Dinge tun können, die in der Realität zu teuer oder nicht möglich wären“, sagt die Psychologin Jessica Kathmann.

In dem Spiel werden die unangenehmen Seiten im Leben eines Landwirts ausgeblendetIch würde diesen Satz und den folgenden tauschen und ihn dann mit „Andere Spieler...“ beginnen lassen. Er bezog sich eigentlich gerade nicht auf die Landwirte, die das Spiel spielen.. So gibt es keine Tierkrankheiten oder Naturkatastrophen, auch politische Debatte um Agrarsubventionen bleiben außen vor. Viele Spieler suchten schlicht Entschleunigung in einem malerischen Abbild ihrer Heimatregion, sagt Jessica Kathmann: „Man kann spielerisch eine andere Identität austesten, ohne Stress und Verantwortung, aber mit Erfolgserlebnissen.“ Psychologisch könne man den Spaß oft mit dem Gefühl erklären, im Spiel kompetent zu sein und autonom handeln zu können.

Florian Franck wundert der Erfolg des Spiels nicht: „Es bedient typisch deutsche Tugenden: sei pünktlich, sei genau, sei zuverlässig.“ Dazu kommt die Möglichkeit zum Tüfteln. Früher vereinte die Modelleisenbahn im Analogen all diese Aspekte zu einem generationenübergreifenden Hobby, heute lässt sich das Basteln, Weltenbauen und Maschinenschwärmen als digitales Hobby mit Menschen aus aller Welt teilen.

Große Landmaschinenhersteller wie Fendt oder John Deere setzen auf den Werbeeffekt und lassen ihre Fahrzeuge originalgetreu im Spiel simulieren, ältere Gefährte bauen Oldtimer-Fans selbst ein. So kann Ralf Raugust von einem modernen Claas-Traktor auf einen in die Jahre gekommenen Lanz-Bulldog umsteigen, den ein Fan nachgebaut hat. „Der Motorsound ist hier viel realistischer als im Standardspiel, dort klingt es nach Nähmaschine“, sagt er, während der historische Traktor warmläuft. Das Knattern des Motors schallt aus den Lautsprechern, als würde man wirklich auf dem vibrierenden Fahrersitz Platz nehmen.

Landwirtschaftsromantik

Bei Raugust schwingt ein romantischer Blick auf die Landwirtschaft mit. „Als Kinder sind wir zu Bauern auf die Felder gegangen und haben gefragt, ob wir mal auf dem Bulldog mitfahren dürfen“, erzählt er. Später hatte er damit weniger Berührung, doch das Spiel hat seinen Blick verändert. „Wenn ich draußen unterwegs bin, erkenne ich die Fahrzeugmodelle und freue mich“, sagt er. Doch Raugust ist klar, dass das Spiel nie die harte Realität der Landwirtschaft vermitteln kann, von Wind und Wetter bis hin zur Massentierhaltung. Wegen der Altersfreigabe ab null Jahren landen Kühe und Schweine beim Viehhändler statt beim Schlachter.

In der neuesten Version des Landwirtschaftssimulators kann man nun auch Brot backen und Milch zu Käse weiterverarbeiten. Der virtuelle Bauernhof ist eine kleine, heile Welt – vielleicht ist das Computerspiel auch deshalb so beliebt.