Markthalle in Stuttgart: Den Landwirten im Südwesten droht Ungemach. Foto: IMAGO/imagebroker

Die Bauern in Baden-Württemberg kämpfen an vielen Fronten um ihre Zukunft: Derzeit ist es vor allem um Getreideproduzenten und die Schweinezüchter schlecht bestellt.

Die Rede vom Kampf an vielen Fronten mag martialisch klingen. Sie passt aber bestens zu einem Schlüsselsatz von Joachim Rukwied, dem Vorsitzenden des Deutschen Bauernverbandes und auch des Landesbauernverbandes (LBV) in Baden-Württemberg: „Ernährungssicherheit ist mindestens so wichtig wie Verteidigungssicherheit“, sagt Rukwied bei der Jahrespressekonferenz des LBV am Montag in Stuttgart. Sein Problem: Deutschland habe zwar in Zeiten des Ukraine-Krieges erkannt, dass es in sein Militär investieren müsse, die Ernährung der Bevölkerung überlasse man aber zunehmend anderen Ländern.

 

Beispiel Schweinemast: Die darauf spezialisierten Landwirte erwirtschafteten im Wirtschaftsjahr 2024/25 mit gut 67 000 Euro das Spitzenergebnis je Familienarbeitskraft der Branche, wobei Sozialabgaben, persönliche Steuern, Schuldentilgung, finanzielle Verpflichtungen gegenüber der Vorgängergeneration und nicht zuletzt Investitionen erst noch abgehen. Beinhaltet ist zudem ein Minus von 19 Prozent, da es gleichzeitig bei den Schlachtpreisen steil bergab ging. Während in Deutschland die Bedingungen für die Tierhaltung regelmäßig verschärft werden, blieben sie anderswo auf der Welt gleich – weshalb von dort billigeres Fleisch kommt.

Weniger als die Hälfte der gegessenen Schweine kommt aus dem Land

Welche Investitionen fürs Tierwohl mittelfristig notwendig werden und mit welchen Zuschüssen der Bauer rechnen kann, sei nach wie vor unklar. „Wir erwarten eine deutliche Verschlechterung der Wirtschaftlichkeit“, sagt Rukwied. Die Ferkelzüchtung breche bereits weg, heißt es vom Landesbauernverband, die Selbstversorgungsquote betrage gerade noch 44 Prozent. Schweinefleisch made in Baden-Württemberg? Das könnte es als erstes Produkt der Landwirtschaft eines nicht allzu fernen Tages nicht mehr geben.

Nimmt Politik, Händler und Verbraucher in die Pflicht: Bauernvorsitzender Joachim Rukwied. Foto: dpa

Auf der Roten Liste vom Aussterben bedrohter Lebensmittelarten aus dem Ländle stehen außerdem Obst, Gemüse und Wein, sagt der Chefbauer aus Eberstadt im Landkreis Heilbronn, „die Bereiche eben, in denen viel Personal benötigt wird“. In Deutschland steigt der Mindestlohn zum 1. Januar auf 13,90 Euro und am 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro. „Der Apfelerzeuger in Polen bezahlt aber sieben Euro, wie soll da jener vom Bodensee konkurrieren?“, fragt Joachim Rukwied. Stelle er diese Frage Politikern, ernte er regelmäßig: Stille. Im schlechtesten Fall sogar Achselzucken. Ebenso, wenn er nach dem spanischen Mindestlohn von acht Euro bei Gemüsebauern frage. Mindestlohn – ja, sagt Rukwied, aber bitte in ganz Europa einheitlich.

40 Prozent des verkauften Weins in Deutschland angebaut

Ins Nachbarland Österreich wünscht sich der studierte Agraringenieur, wenn es um Wein geht. Zumindest wünscht er sich, dass sich die Weintrinkerinnen und -trinker in Deutschland etwas von den Weinnasen in Austria abschauen. Dort betrage nämlich der Anteil einheimischer Erzeugnisse am gesamten Absatz 90 Prozent, während es in Deutschland nur 40 Prozent seien. Derzeit habe man eine „qualitativ sensationelle Ernte“ erlebt, allerdings mit einem unterdurchschnittlichen Ertrag. Zudem sei die Auszahlung zu gering und der Preisdruck aus dem Ausland zu hoch. „Genießen Sie baden-württembergischen Wein!“, versucht es Rukwied mit einem Appell an die Bevölkerung. Er sagt auch: „Der Weinbau in Baden-Württemberg steht an einem Scheideweg.“

Politik, Verbraucher, Einzelhandel: Alle Beteiligten kommen bei Rukwied an die Reihe. Während die Milchviehhalter im vergangenen Wirtschaftsjahr etwas aufatmen konnten, weil sie dank höherer Milchpreise 21 Prozent mehr erwirtschafteten und auf knapp 61 000 Euro je Familienarbeitskraft kamen, verunsichere sie die Marktentwicklung in diesem Herbst. Zwar sei der Marktpreis für Milch relativ stabil, gleichzeitig verkauft der Discounter Lidl das 250-Gramm-Päckchen Butter für 99 Cent.

Bauern erwarten, dass der Einzelhandel angemessene Preise bezahlt

„Es ist nicht akzeptabel, wenn die Butter missbraucht wird, um Kunden in die Läden zu locken“, findet Joachim Rukwied. Und: „Wo bleibt das im Strategiedialog Landwirtschaft abgegebene Bekenntnis des Lebensmitteleinzelhandels zur Stärkung der Landwirtschaft?“ Ob es nur ein Lippenbekenntnis war, werde sich in Kürze zeigen. Einige Landwirte zeigten ihre Empörung am Montag auch außerhalb Stuttgarts, indem sie vor der Zentrale von Lidl in Bad Wimpfen laut Polizei mit rund 140 Traktoren demonstrierten. Ein Zusammenschluss von Landwirten aus Baden-Württemberg zählte bis zu 250.

Mit Billigpreisen kämpfen auch die Ackerbaubetriebe: Deren Ernte brachte zwar einen ordentlichen Ertrag, für die Tonne Weizen wurden auf dem Weltmarkt aber nur noch 190 Euro bezahlt, anstatt 240 Euro im Vorjahr und 300 Euro vor auch noch nicht allzu langer Zeit, wie sich der 65-jährige Rukwied erinnert. Gleichzeitig erwarteten sie höhere Steuern für eingesetzte Energie und Düngemittel.

Mit Blick auf die künftige Landesregierung fordert der Landesbauernverband, dass die Landwirtschaft wieder wettbewerbsfähig gemacht werden müsse, indem alle Landwirte in Europa gleich behandelt werden und Konkurrenten von anderen Kontinenten nicht frei mit schlechteren Standards antreten dürfen. Ansonsten könne es mit der Ernährungssicherheit in unsicheren Zeiten schwierig werden.