Geflügelhalter sind besorgt angesichts der Ausbreitung der Vogelgrippe. Ein Ausbruch könnte existenzielle Konsequenzen für sie haben. Und für Verbraucher?
„Vogelgrippe in einem Geflügelbestand muss man sich wie einen Taifun vorstellen“, sagt Rolf Maier aus Betra, der als Landwirt seit mehr als vier Jahren im Ruhestand ist. Den „Maierhof“ führt inzwischen sein Sohn Sebastian Maier. Maier beschreibt, wie man sich einen Ausbruch der Vogelgrippe, die durch das Influenza-A-Virus H5N1 hervorgerufen wird, vorzustellen habe: „In der Eierproduktion bricht die Legeleistung innerhalb von ein bis zwei Tagen total zusammen. Das weiß ich von Kollegen aus Ostdeutschland beim letzten Vogelgrippeausbruch. In der Geflügelfleischproduktion beginnen die ersten Tiere am ersten Tag schon zu torkeln.“
Das von ihm beschriebene Szenario möchte die Familie Maier auf ihrem Hof unbedingt vermeiden. Daher haben sie bereits Schutzmaßnahmen getroffen. Rolf Maier sagt: „Unser Freiland- und Biogeflügel bleibt bereits vorsichtshalber und vorübergehend im Stall. Ich denke, dass der Infektionsdruck und damit der Spuk in vier Wochen wieder weitgehend vorbei ist.“ Die Gesundheit der Tiere werde in dieser Zeit intensiv beobachtet.
Rund 6000 Hühner
Besorgt äußert sich auch der Rottenburger Landwirt Severin Hauenstein, der südlich der Bischofsstadt das Hofgut Martinsberg betreibt. Auf seinem Hof leben derzeit in sechs Ställen jeweils knapp 1000 Hühner. Er berichtet, dass die Sorge vor der Vogelgrippe derzeit groß und gleichzeitig nicht wirklich zu beurteilen sei, da die Risikoabschätzung wenig greifbar sei. Er sagt: „Unser betrieblicher Vorteil ist, dass wir uns nicht direkt an einem großen Gewässer oder einem Zugvogelrastplatz befinden und so der Eintrag über den Wildvogelweg weniger relevant scheint. Trotzdem ist die Sorge groß, da eine Infektion in unserem Tierbestand gravierende, vermutlich existenzielle Konsequenzen hätte und daher auch die kleinste Wahrscheinlichkeit einer Infektion Sorge bereitet.“
Auf dem Hofgut bleibe es bei den gewöhnlichen Hygienemaßnahmen. „Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wurden erneut sensibilisiert, auf externe Faktoren zu achten. Führungen durch den Betrieb werden weitestgehend abgesagt beziehungsweise verschoben“, berichtet Hauenstein.
Eigene Aufzucht und Futterproduktion
Ein Vorteil in Zeiten von Vogelgrippe könnte für das Hofgut Martinsberg seine relative Eigenständigkeit sein. Hauenstein sagt: „Unser Betriebsablauf ist darauf ausgerichtet, geringstmöglich mit anderen Geflügelbetrieben in Austausch zu kommen. Wir ziehen unsere Tiere vom ersten Tag an selbst auf, haben also keinen Kontakt zu Junghennenaufzüchtern oder Händlern. Wir produzieren unser Futter selbst und haben auch dadurch wenig Kontakt zu anderen Betrieben. Unsere Kooperationspartner sind eng und ausschließlich mit uns verbunden, so dass auch hier die notwendige Distanz zu anderen Betrieben gewahrt werden kann. Das sind strukturelle Vorsichtsmaßnahmen, die aber auch in diesem Fall greifen.“
Vogelgrippe und Corona
Rolf Maier in Betra, der noch den Vogelgrippeausbruch 2021 in Erinnerung hat, zieht einen Vergleich zwischen der Tierseuche und Corona: „Als Tierhalter und Gesellschaft muss man mit der Vogelgrippe leben lernen wie mit Corona, sie wird nicht verschwinden, aber wir werden lernen, sie klein zu halten. Viren sind ein Teil der Natur wie die Menschheit. Es hat Viren schon immer gegeben, viel länger als Menschen, und es wird sie immer geben.“
Werden Eier jetzt teurer?
Hofgut Martinsberg
Severin Hauenstein sagt über den Eierpreis: „Auf dem überregionalen Markt äußert sich Knappheit durch Preissteigerungen. Unser Vermarktungsweg und unsere Philosophie sind aber eine andere. Auch wenn das ökonomisch vielleicht als naiv betrachtet werden könnte, bin ich der Meinung, dass sich nur tatsächliche Kostensteigerungen in Preissteigerungen niederschlagen sollten. Da wir regional vermarkten und ein etabliertes Vertrauensverhältnis zu unseren Kunden und Kundinnen pflegen, können wir das so handhaben. Das heißt: Nur falls sich zusätzlicher Aufwand ergibt, kommt es zu einer Preisanpassung. Davon gehe ich aktuell nicht aus.“ Sollte jedoch der Betrieb oder einer seiner Kooperationspartner durch die Ausweisung einer Sperr- oder Schutzzone betroffen werden, könne es zu Knappheit kommen.
„Maierhof“
Rolf Maier sagt: „Es wird sicherlich wieder Marktteilnehmer geben, die die Situation ausnutzen werden. Frische Eier kann man problemlos drei Wochen im Kühlschrank lagern, Geflügelfleisch einfrosten. Ein gewisser Vorrat muss nicht schlecht sein, allerdings nur wegen ungerechtfertigter Preissprünge.“