Um den Zustand des Kanderner Stadtwalds, Zukunftsperspektiven und Naturschutz ging es bei einer Waldbegehung der Grünen mit Landtagskandidatin Anna Deparnay-Grunenberg.
Mit dabei waren auch der langjährige frühere Revierförster Reiner Dickele und sein Nachfolger Otto-Jesko von Schroeder.
Mit der Grünen-Landtagskandidatin für den Wahlkreis Breisgau, zu dem seit der Wahlkreisreform auch Kandern, Malsburg-Marzell und Schliengen gehören, hatte der Ortsverein um Vorsitzenden Yannik Heckel eine Person vom Fach zur Waldbegehung eingeladen. Denn die Politikerin macht sich seit ihrem Studium der Forst- und Umweltwissenschaft für eine klimafreundliche Waldwirtschaft stark und dafür, wie Nachhaltigkeit vermittelt werden kann.
Insgesamt gebe es im Kanderner Forst wenige Problembestände, erläuterte Dickele, der den 840 Hektar großen Stadtwald 33 Jahre lang, bis 2021, betreut hat. So könne viel auf Naturverjüngung gesetzt werden – allemal in schwierigen Lagen wie am steilen Hang bei der Kandertalbahn in der Papiermatt, wo der Rundgang startete. Auch andernorts holte sich die Natur einiges zurück, wie am Aenisbuck, wo die Mulde der bis in die 1970er-Jahre reichenden Mülldeponie noch sichtbar ist. Sie wurde auch mit Akazien aufgeforstet.
Hauptbaumarten im Stadtwald bilden die Buche mit 49 Prozent, die Eiche mit zwölf, die Douglasie mit zehn und die Fichte mit sechs Prozent. Im Jahr 1967 war die Fichte noch mit elf Prozent vertreten, die Buche machte 53, die Douglasie vier Prozent aus, während der Eichenanteil gleich geblieben ist.
„Lieblingsbaum“ Douglasie
„Das sind schon sehr angepasste Wälder“, sagte Dickele, riet aber mit Blick auf die Notwendigkeit, den Wald klimaresistenter zu gestalten, dazu, noch mehr auf Douglasie zu setzen – „mein Lieblingsbaum, weil bis jetzt eine Sorglos-Baumart“.
Anna Deparnay-Grunenbergs Einwurf, unter Douglasien sei es „sehr still“, weil der nichtheimische Baum kaum Vögel und Insekten anziehe, ließ Dickele nicht gelten. Als Ersatz für die Fichte liefere die standhafte Douglasie wertvolles Bauholz. Jeder Betonbunker, der von einem Holzbau ersetzt werde, sei ein ökologischer Gewinn, sagte er, was die Grünen-Politikerin bestätigte. Sie verwies aber auch auf eine neue Technik, mit der Buchenholz zu gutem Bauholz werde.
Gleichwohl plädierte Dickele dafür, weiterhin mit unterschiedlichen Baumsorten zu experimentieren, mit Eichensorten aus mediterranen Gegenden, mit der Libanon-Zeder, aber auch mit einheimischen Arten wie Speierling, Elsbeere und anderen, um entsprechendes Saatgut zu haben. Für einen widerstandsfähigen Wald bräuchte es ein bis zwei stabile Arten, aber niemand wisse, wie lange, welche Baumart stabil bleibe.
Wald umgewandelt
Ein Beispiel dafür lieferte etwas weiter auf dem Weg zur Wolfsschlucht ein aufgekaufter Fichtenwald von einem Hektar Größe. Er wurde durch Naturverjüngung in einen Eschen-Ahornwald umgewandelt – bis das Eschensterben begann. Mittlerweile ist daraus ein Hasel-Ahornwald geworden. „Ein schöner Wald, den wir so lassen, wie er ist“, sagte Dickele. Allerdings werde sich die Baumgesellschaft in 60 bis 70 Jahren wieder wandeln – wegen der Beschattung durch die wüchsigen Haselbäume.
Breiten Raum bei der Begehung nahm auch der Naturschutz ein. Dickele verwies auf viele Waldrefugien im Stadtwald. Ein Beispiel war die Wolfsschlucht, Schonwald seit 1980, mit bis über 200 Jahre altem Baumbestand, der seit 30 Jahren langsam verfällt, und wo abgesehen von Maßnahmen zur Verkehrssicherheit nicht eingegriffen werde. Waldrefugien würden in den zehnjährigen Forsteinrichtungsplänen festgelegt und seien „elegante Lösungen“ für einen dauerhaften Naturschutz mit wenig Aufwand.
Bestimmung kritisiert
Umso stärker kritisierten Dickele und von Schroeder die Tot- und Altholz-Bestimmung, bei der Habitatgruppen von sieben bis zehn Bäumen markiert und vor Ort belassen werden müssen, während drum herum „normale“ Waldwirtschaft betrieben werde. Das sei viel Aufwand, mitunter gefährlich für die Waldarbeiter, und die dauerhafte Naturschutzleistung sei fragwürdig.
Deparnay-Grunenberg zeigte zwar Verständnis für den Frust der Revierförster, verteidigte aber die Regelung als Kompromiss, weil in Baden-Württemberg nicht einmal drei Prozent der Flächen und damit nicht ausreichend Waldrefugien als Lebensraum für Tiere, Insekten- und Pilzarten gemeldet wurden. Laut Dickele sind 2019 bei der jüngsten Forsteinrichtung 45 Hektar, etwa fünf Prozent der Kanderner Stadtwaldfläche, vorgeschlagen worden, doch nur 28 Hektar wurden angenommen. Denn Parzellen von einem halben Hektar als stillgelegte Waldfläche anzumelden sei nicht möglich gewesen, wohl aber die gleiche Fläche an Tot-/Altholz.
Weitere Hindernisse für einen stabilen und nachhaltigen Wald seien nebst dem parzellierten Privatwald, der eine rentable Nutzung erschwere, auch mangelhafte Jagd. Mit seinem Plädoyer für eine Regiejagd habe er selbst im forstfreundlichen Kandern kein Gehör gefunden, bedauerte Dickele, obschon er sonst mit Informationsabenden und nicht zuletzt als Gemeinderat sogar bei größeren Hiebmaßnahmen eine Akzeptanz herbeiführen konnte.
Einnahmen aus Holzverkauf
Die einzige Einnahmequelle aus dem Wald sei jedoch der Holzverkauf, sagte Dickele auch mit Blick auf steigende Kosten. Die Revierförster hätten deshalb „lieber mehr Beinfreiheit und einen Wasserpfennig wie in der Landwirtschaft statt aufwändiger Anträge für spezielle Förderprogramme“, appellierte er an die Politik. Aus Sicht von Deparnay-Grunenberg bleibt Forstpolitik unabdingbar. Der Wald werde nicht überall so gut gemanagt wie in Kandern. Umso wichtiger sei es, notwendige Maßnahmen im Dialog mit Bürgern vor Ort zu erläutern.
Eichen als Wertholz
Bei der Waldbegehung
mit der Landtagskandidatin der Grünen, Anna Deparnay-Grunenberg, ging Förster Reiner Dickele auch auf den Sonderfall der Eichenwirtschaft ein. Der Eichenwald sei im Markgräflerland kein natürlicher Wald. Eichen wurden hier vor allem gepflanzt, weil sie für die Menschen als Bauholz wichtig waren, und die Eicheln waren es für die Hausschweine. Heute sei das Ziel der Eichenwirtschaft vor allem die Produktion von Wertholz, weniger, um es als Brennholz wie die Buche oder als Industrieholz zu nutzen. Bei einer Umtriebszeit von 220 bis 250 Jahren bringe die Eiche bei Submissionen Erlöse von rund 150 000 Euro pro Hektar. Für das laufende Jahr 2026 steht das Ergebnis bereits fest: Es wurden 350 Festmeter (fm) mit einem Durchschnittserlös von 1550 Euro je fm vermarktet. Für einen Spitzenstamm gab es gar 2200 Euro je fm, er brachte 16 000 Euro. Seit der Einführung der nachhaltigen Holznutzung im Jahr 1847 übrigens sei der Holzvorrat im Kanderner Wald von damals 164 fm je Hektar beständig gestiegen. Der Höhepunkt sei 1997 mit 407 fm je Hektar erreicht worden. Bei der Forsteinrichtung von 2019, die bis 2028 gültig ist, sind es 371fm pro Hektar.