Schon wieder schlägt ein neues Video über CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel Wellen. Im Endspurt des Wahlkampfs ist im Netz offenbar ein Jagdfieber ausgebrochen.
Bei der Landtagswahl am Sonntag steuert laut sämtlichen jüngeren Umfragen alles auf ein Wimpernschlagfinale zwischen den Spitzenkandidaten Manuel Hagel und Cem Özdemir zu. Vielleicht musste man erwarten, dass unter diesen Umständen auch der „Kampagnenstadl“ noch einmal Fahrt aufnimmt. Immerhin sieht die Forschungsgruppe Wahlen CDU und Grüne mit 28 Prozent gleichauf, der SPD droht die Einstelligkeit und Linkspartei sowie die FDP sind mit 5,5 Prozent nahe der Todeszone an der Fünfprozenthürde angesiedelt. Mit der Gelassenheit in allen Lagern ist es damit endgültig vorbei, wie die aktuellen Vorwürfe von allen Seiten an alle Lager beweisen.
Gerade macht im Internet ein neues Hagel-Video Karriere, das den CDU-Bewerber um die Nachfolge von Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einem Schulbesuch an der Altenburg-Gemeinschaftsschule in Stuttgart-Bad-Cannstatt zeigt. Empörung bricht sich ausweislich vieler hämischer Kommentare im Netz gleich an zwei Stellen Bahn: Weil Hagel dort beim Zeitstempel 1:25:44 den Treibhausgaseffekt falsch erklärt und beim Zeitstempel 1:29:14 einer Lehrerin recht barsch das Recht auf eine weitere Frage verwehrt.
Wie die Empörungsmaschine gefüttert wird
Die Sache mit den Zeitstempeln ist wichtig. SPD-Politiker und grüne Kreise haben das Video auch unserer Redaktion zugespielt und die Zeitstempel gleich mitgeliefert. Das soll die Suche nach den anrüchigen Stellen erleichtern und hilft natürlich dabei, die Empörungsmaschine in Gang zu bringen oder am Laufen zu halten.
Schaut man sich nicht nur die Stellen, sondern auch den Kontext der inzwischen vielfach kritisierten Äußerungen an, gibt es weniger Anlass zur Empörung, als das im Netz ausgebrochene Jagdfieber glauben macht. Hagels Erklärung des Treibhauseffektes ist nicht exakt, das stimmt. Doch sowohl die anwesende Lehrerin als auch die ARD-Reporterin, die den Film gemacht hat, zeigen sich mit seiner Definition erst einmal ganz zufrieden. „Perfekt“, nennt die Pädagogin Hagels Antwort sogar. Im Netz freilich zählt das nichts. Das Netz weiß es besser und zieht Hagels Eignung als Regierungschef in Zweifel.
Was die CDU mittlerweile alles schmutzig findet
Dort spielt es auch keine Rolle, dass die Pädagogin Hagel bei seinem Schulbesuch recht harsch „Blabla im Wahlkampf“ vorgehalten hatte, weil seine Vorstellungen von der Zukunft der Gemeinschaftsschulen sich offenkundig nicht mit ihren Auffassungen deckte. Das war das atmosphärische Vorspiel, weswegen Hagel ihre nächste Frage zum Thema Inklusion abbog. Inzwischen hat Hagel sich fernsehöffentlich gewünscht, dies freundlicher formuliert zu haben, und erklärt, dass er „kein Roboter“ sei.
Absurd ist aber auch, dass die CDU in Gestalt ihres Generalsekretärs Tobias Vogt es mittlerweile schon als „Schmutzkampagne“ geißelt, wenn die Grüne Jugend ihre Mitglieder aufruft, Freunde und Bekannte zu kontaktieren und zur Stimmabgabe für Özdemir zu animieren, weil Manuel Hagel „nicht bereit“ für die Aufgabe als Ministerpräsident sei. Vorige Woche rief Vogt selbst dazu auf, nun alle CDU-Mitglieder zum Haustür- und Lagerwahlkampf zu mobilisieren; dabei hat er die Grünen als „Ideologen“ abqualifiziert.
Da mag man als Beobachter nicht einmal von harten Bandagen sprechen. Um Schmutz handelt es sich ganz gewiss nicht. Solche Aufrufe sind eigentlich Routine im Wahlkampfendspurt.
Die CDU hat ja schon das Rehaugen-Video über Manuel Hagels Fernseh-Talk, das am Anfang der Empörungsspirale stand, als orchestrierte Schmutzkampagne der Grünen bezeichnet. Seit es auf den Markt kam hat die Partei allerdings keinen einzigen Beleg für die Beteiligung eines baden-württembergischen Spitzen-Grünen an der Verbreitung des von der Karlsruher Grünen-Abgeordneten Zoe Mayer stammenden Posts öffentlich liefern können. Inzwischen hat Hagels Partei versucht, eine Gegenkampagne zu initiieren. Meldungen, dass der aus Hagels Wahlkreis stammende Grünen-Politiker Massalah Dumlu wegen der „Dreckskampagene“ gegen den CDU-Spitzenkandidaten seinen Parteiaustritt angekündigt hat, hat die CDU sofort verbreitet – obwohl im Raum Ehingen längst bekannt war, dass gegen Dumlu ein Parteiausschlussverfahren läuft.
Der Versuch einer Inszenierung als Unschuldslamm
Durchsichtig war auch der Versuch, die CDU als Hort des Anstands zu präsentieren, als ein Kölner CDU-Noname davor warnte, den Muslim Özdemir wegen seiner „grausamen Religion“ an die Spitze eines Bundeslandes zu wählen. Das wies zuerst Manuel Hagel als Unsinn zurück und rief zum fairen und respektvollen Umgang im Wahlkampf auf. Während der Ex-Kanzlerkandidat Armin Laschet Hagel später ausdrücklich für seinen Post lobte, bat die Kreisvorsitzende des Kölner Quertreibers, Serap Güler, Özdemir um Entschuldigung. Das kann man je nach Gusto für bare Münze nehmen – oder als etwas durchsichtigen Versuch der CDU, die Moral im Wahlkampf für sich zu pachten und eine von hinten durch die Brust ins Auge gezielte Schmutzkampagne gegen die Grünen zu lancieren.
Dass die FDP nun wettert, die CDU und Manuel Hagel gingen „nicht entschlossen genug“ gegen die stark gestiegenen Spritpreise vor, ist verglichen damit keine Kampagne. Es zeugt aber auch von der Nervosität auf den letzten Metern vor der Wahl.
Das Gute an dieser ganzen Intrigenstadl-Entwicklung ist, dass sie am Sonntag zu Ende geht. Wer Lust hat, mag sich weiter an der Empörungswelle im Netz delektieren oder mit Grausen abwenden. Was am Ende zählt, ist etwas anderes: Wählen gehen. Bitte.