Thomas Kemmerich im Thüringer Landtag: Der Mann, der für 28 Tage Ministerpräsident des Landes war, will die FDP wieder ins Parlament bringen. Foto: picture alliance/dpa/Martin Schutt

Der FDP-Politiker Thomas Kemmerich war 28 Tage Ministerpräsident von Thüringen – gewählt mit Stimmen der AfD. Jetzt kämpft er um den Wiedereinzug in den Landtag. Unterwegs mit einem, der sich als „meist umstrittener Mann in Berlin“ inszeniert.

Bastian Leikeim – angegrautes Haar und Bart, Brille mit einem schmalen, schwarzen Rand – ist ein freundlicher Mann. Der 41-Jährige spricht nicht laut, aber bestimmt. Jetzt legt der Unternehmer, Chef der Altenburger Brauerei, richtig los. Er erzählt von der Biersteuererklärung, die bis vor kurzem noch per Fax verschickt werden musste, von gestiegenen Abwasserkosten, er spricht von hohen Energiepreisen und überbordender Bürokratie.

 

Der Spitzenkandidat der Thüringer FDP für die Landtagswahl, Thomas Kemmerich, hat sich mit den Ellbogen auf den Tisch aufgestützt und lehnt sich weit nach vorn. Er nickt viel, während Leikeim spricht. „Ich bin ja selbst Unternehmer“, sagt Kemmerich, der Inhaber einer Friseurkette ist. „Das meiste erlebe ich mit denselben Schmerzen wie Sie“, sagt er.

Es riecht nach Hopfen und Malz

Kemmerich lässt sich mit Leikeim vor einer großen Wand mit Urkunden aus Brauerei-Wettbewerben fotografieren. Danach geht es los zu einer kleinen Tour durch die denkmalgeschützten Gebäude der mehr als 150 Jahre alten Brauerei. Es riecht nach Turnhalle und Volksfest, Hopfen und Malz.

Kemmerich lässt sich erklären, was in den riesigen Kupferkesseln passiert. „Wolln se mithelfen?“, ruft ihm ein Mitarbeiter zu, der an einem Fließband Kästen mit Leergut kontrolliert. Kemmerich lacht, wünscht einen schönen Tag und lobt, dass hier Jobs in der Region gesichert würden.

Eine Geschichte wie keine andere

Das alles klingt und sieht aus wie der ganz normale Wahlkampf eines ganz normalen FDP-Spitzenkandidaten. Aber so ist es nicht. Das hat viel mit der Geschichte Kemmerichs zu tun, der einmal für ganze 28 Tage Ministerpräsident von Thüringen war. Aber auch mit der politischen Situation in Thüringen, wo am 1. September ein neuer Landtag gewählt wird.

Das Leben des Thomas Kemmerich lässt sich in die Zeit vor und nach dem 5. Februar 2020 teilen. An diesem Tag trat er im Landtag im dritten Wahlgang für das Amt des Ministerpräsidenten an: gegen Amtsinhaber Bodo Ramelow von der Linken und einen von der AfD aufgestellten Kandidaten. Der AfD-Kandidat erhielt keine Stimmen – und Kemmerich, der Vertreter einer Fünf-Prozent-Partei, lag vorn, offensichtlich mit Stimmen der AfD. Als er gefragt wurde, ob er die Wahl annehme, schloss er sein Sakko, erhob sich von seinem Platz und bejahte.

Kemmerich war also ein Ministerpräsident, der ohne die Stimmen der Rechtsextremen um Björn Höcke nicht ins Amt gekommen wäre. Das war ein Tabubruch – mit Erschütterungen bis weit in die Bundespolitik.

FDP-Chef Christian Lindner appellierte zunächst in Berlin an CDU, SPD und Grüne ein Gesprächsangebot Kemmerichs anzunehmen – wenn das nicht gelinge, solle es Neuwahlen geben. Vor dem Hans-Dietrich-Genscher-Haus in Berlin wurde gegen die FDP demonstriert. Auch in der Partei wurde Widerstand laut. „Man lässt sich nicht von AfD-Faschisten wählen. Wenn es doch passiert, nimmt man die Wahl nicht an“, äußerte sich etwa Alexander Graf Lambsdorff aus dem mächtigen nordrhein-westfälischen Landesverband. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte Kemmerichs Wahl auf Südafrika-Reise „unverzeihlich“. Lindner fuhr nach Erfurt und bewegte Kemmerich zum Rückzug. Wäre es ihm nicht gelungen, Lindner hätte darüber stürzen können.

Einen Fehler räumt Kemmerich ein

Wie sieht Kemmerich die Sache heute? Der 59-Jährige ist nach wie vor der Meinung, keinen Fehler gemacht zu haben, als er die Wahl angenommen hat. „Ich habe vorab keine Absprachen mit der AfD getroffen. Und ich hatte nie vor, mit der AfD zu kooperieren“, sagt Kemmerich, während er nach dem Besuch bei der Brauerei in Altenburg im Auto auf dem Weg zu einem Wahlkampfstand nach Gera ist. Eine solche Zusammenarbeit sei auch in der Zukunft ausgeschlossen. Falsch sei aber, gegen etwas zu stimmen, nur weil die AfD dafür sei. Es müsse um die Sache gehen und nicht darum, wer mit wem abstimmt.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, gewählt zu werden – aber ich wusste, dass es vielleicht eine Fünf-Prozent-Chance gibt“, sagt Kemmerich. „Dass CDU, SPD und Grüne dann überhaupt nicht gesprächsbereit waren, hat mich überrascht“, fügt er hinzu. Schuld sind aus seiner Sicht: die anderen. Einen Fehler räumt er aber ein: Er sei „eher schlecht vorbereitet“ auf seine Wahl zum Ministerpräsidenten gewesen, weil er sie für so unwahrscheinlich gehalten habe.

Wie reagieren die Thüringer heute auf ihren Kurzzeitministerpräsidenten? Am Wahlkampfstand in Gera sehr entspannt. „Darf ich ein Selfie mit unserem ehemaligen Ministerpräsidenten machen?“, fragt ein Mann. Eine ältere Dame sagt in Anspielung auf Kemmerichs Unternehmertätigkeit: „Ach, der Herr Kemmerich. Da können wir gleich einen Friseurtermin ausmachen.“

Gleichzeitig gilt aber auch: Während die anderen am Stand kleine Kräuterlikör-Flaschen mit FDP-Logo und der Aufschrift „Damit sich mal wieder was dreht“ verteilen, kann Kemmerich ein paar Meter weiter weitgehend unerkannt telefonieren. Er ist zwar eigentlich selbst zum Verteilen hier, hat aber auch viel zu organisieren. Die Landespartei ist klein. Und weil sie – gegen den Willen der Bundespartei – mit Kemmerich ins Rennen geht, erhält sie keinerlei finanzielle und logistische Unterstützung aus Berlin.

Immerhin hat er dieses Mal einen Fahrer

Immerhin kann der FDP-Spitzenkandidat diesmal auf einen Fahrer zurückgreifen. Vor fünf Jahren – als Kemmerich die FDP aus der außerparlamentarischen Opposition ganz knapp in den Landtag hievte – saß im Wahlkampf in den Ferien oft noch sein Sohn am Steuer, der gerade Abitur machte. Der Sohn klagte, einige Lehrer ließen ihn spüren, dass sie nicht die größten Fans der FDP seien. Aber er nahm es locker.

Die FDP liegt in Umfragen in Thüringen bei drei Prozent – teils wird sie nur unter Sonstige geführt. Kandidat Kemmerich sagt, die FDP werde die Fünf-Prozent-Hürde wieder überspringen. Seine Strategie: maximale Distanz zur FDP in Berlin. „Wir müssen raus aus der Ampel“, sagt er. „Damit würde die FDP im Bund an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.“

Andere Töne in Sachen Ukraine

Die „schrillen Töne“ von Marie-Agnes Strack-Zimmermann bei der Europawahl zur Ukraine-Politik hätten die Wähler verschreckt, kritisiert Kemmerich. Und er betont: „Frieden muss das oberste Ziel sein. Wir müssen die Unabhängigkeit der Ukraine schützen, aber wir brauchen viel mehr sichtbare Diplomatie und keine Kriegshandlungen über die Verteidigung hinaus.“

In einem Kinospot feiert die Thüringer FDP Thomas Kemmerich als „meist umstrittenen Mann in Berlin“. Im Verlauf des Videos heißt es: „Sie sagen, er ist ein Rechter und er hätte seine Seele verkauft. Sie wollen ihn loswerden mit allen Mitteln.“ Doch es gebe etwas, das wichtiger sei als Berlin. „Das ist Thüringen“, sagt Kemmerich – jetzt von vorn im Bild zu sehen. Sein Problem ist nur: Der Markt derer, die sich als beste Anti-Berlin-Partei profilieren wollen, ist in Thüringen hart umkämpft. Sahra Wagenknecht lässt grüßen.

In Altenburg sagt Brauerei-Chef Bastian Leikeim, er wünsche sich eine stabile Regierungsmehrheit nach der Landtagswahl. „Ich will keine italienischen Verhältnisse“, sagt er freundlich, aber bestimmt. Kemmerich entgegnet, es komme auch auf die richtigen Inhalte an. Als er danach im Auto sitzt, wird er selbstbewusst sagen: „Wir werden wieder das Zünglein an der Waage sein.“ Falls er selbst nicht daran glaubt, lässt er sich nichts anmerken.