Die Grüne Cindy Holmberg tritt an, um ihr Direktmandat zu verteidigen. Sollte sie es verlieren, ist sie über die Landesliste gut abgesichert. Foto: © Lea Irion

Wie stehen die Chancen der Kandidaten im Wahlkreis Hechingen-Münsingen, den Sprung ins neue Stuttgarter Landesparlament zu schaffen? Der Versuch einer Analyse.

Mit der Repräsentanz, also dem Vertretensein, ist es so eine Sache in der repräsentativen Demokratie. Das Wahlsystem hält da manche Fallstricke bereit.

 

Ein garstig‘ Lied davon zu singen weiß der Tübinger Christdemokrat Christoph Naser, der vor Jahresfrist bei der Bundestagswahl seinen Wahlkreis gewann – und sein Direktmandat in Berlin doch nicht antreten durfte.

Um den Bundestag nicht zu groß werden zu lassen, hatte der Gesetzgeber die Anzahl der Mandate gekappt. Naser war unter den Opfern dieser Regelung. Seither ist der Wahlkreis Tübingen-Hechingen überhaupt nicht mehr im Bundestag vertreten. Das Wehklagen war groß.

Keine „Waisen-Wahlkreise“

Bei der bevorstehenden baden-württembergischen Landtagswahl wird es keine „Waisen-Wahlkreise“ geben, obwohl auch hier eine Wahlrechtsreform greift und erstmals zwei Stimmen (eine für den oder die Kandidaten, eine für die Partei) zu vergeben sind.

Absehbar ist jedoch, dass der Wahlkreis 61 Hechingen-Münsingen im neuen Landtag Abstriche machen muss. Dass wie 2021 gleich vier Bewerberinnen und Bewerber aus dem „Bananenwahlkreis“ den Sprung auf einen Sitz im Stuttgarter Plenarsaal schaffen, darf als äußerst unwahrscheinlich gelten.

Grüne schleift CDU-Bastion

Zur Erinnerung: Vor fünf Jahren hatte die Metzingerin Cindy Holmberg Historisches vollbracht. Erstmals überhaupt hatte sie für die Grünen den Wahlkreissieg und damit das Erstmandat im Wahlkreis 61 geholt. Mit einem Stimmenanteil von 31,6 Prozent brach sie in die jahrzehntelange christdemokratische Männerdomäne ein, die von den Namen Theo Götz (Wahlkreissieger 1976, 1980 und 1984), Paul-Stefan Mauz (1988, 1992 und 1996) und Karl-Wilhelm Röhm (2001, 2006, 2011 und 2016) geprägt war.

Der Röhm-Nachfolger als CDU-Kandidat, Manuel Hailfinger aus Sonnenbühl, schaffte mit seinen 25,0 Prozent aber doch als einer von 30 christdemokratischen Zweitmandat-Gewinnern gerade noch den Einzug in den Landtag. Über ein Zweitmandat durften sich ebenso FDP-Kandidat Rudi Fischer aus Metzingen (12,6 Prozent) und AfD-Bewerber Joachim Steyer (12,2 Prozent) aus Burladingen freuen. Beide wurden vom damals noch gültigen Wahlsystem für überdurchschnittliche Ergebnisse im Spektrum ihrer jeweiligen Partei belohnt.

Die Landesliste ist entscheidend

Und diesmal? Nach dem neuen Wahlrecht, das am kommenden Sonntag erstmals zur Anwendung kommt, wird der Erststimmensieger oder die -siegerin per Direktmandat in den Landtag einziehen. Über Zweitmandate entscheidet diesmal nicht das persönliche Ergebnis im Vergleich mit dem Parteidurchschnitt, sondern die Platzierung auf der Landesliste.

CDU-Sieg „wahrscheinlich“

Was bedeutet dies für den Wahlkreis Hechingen-Münsingen? Das seriöse Prognoseportal election.de (das vor der Bundestagswahl 2025 das Dilemma Christoph Nasers frühzeitig vorhergesagt hatte) hält in seiner aktuellen Erststimmenprognose – zuletzt aktualisiert am 27. Februar – einen CDU-Sieg zwischen Bad Urach, Münsingen und Hechingen für „wahrscheinlich“. In Zahlen: Manuel Hailfinger wird eine 87-prozentige Siegwahrscheinlichkeit eingeräumt, der Grünen Cindy Holmberg nur eine siebenprozentige, AfD-Kandidat Alexander Gräff eine fünfprozentige Aussicht auf Gewinn des Direktmandates. Gleichwohl: Der jüngste Landestrend dürfte Holmbergs Chancen erhöhen.

Hailfinger muss freilich darauf hoffen, als Wahlkreissieger in den Landtag einzuziehen. Denn folgt man den Demoskopen in der Einschätzung, dass die CDU die Mehrheit der Direktmandate holen wird, dann dürfte dem Sonnenbühler sein Platz 29 auf der Landesliste diesmal kaum zu einem Zweitmandat verhelfen.

Cindy Holmberg ist abgesichert

Anders ist die Ausgangslage seiner schärfsten Kontrahentin: Sollte Cindy Holmberg ihr Direktmandat nicht verteidigen können, dann hat sie trotzdem allerbeste Chancen, als Nummer 13 der Grünen-Landesliste wieder im Landtag Platz zu nehmen.

Eine Zitterpartie wird der Wahlabend für Timm Kern, den Rudi-Fischer-Nachfolger als FDP-Wahlkreiskandidat. Der Pädagoge, der 2021 noch ein Zweitmandat im Wahlkreis Freudenstadt holte, steht auf Platz 11 der FDP-Landesliste. Kern muss zum einen hoffen, dass die Liberalen überhaupt die Fünf-Prozent-Hürde überspringen.

Trio eher chancenlos

Und um persönlich wieder auf den Zug nach Stuttgart aufzuspringen, wird er ein Parteiergebnis um die 6,5 Prozent brauchen. Sollten viele Ausgleichsmandate anfallen, könnte auch etwas weniger reichen. Ironischerweise könnte gerade der FDP-Kandidat von einem möglichen „XXL-Landtag“ profitieren, den seine Partei im Vorfeld so vehement bekämpft hat. Ziemlich aussichtslos ist die Lage für den jungen SPD-Kandidaten Yannik Hummel, der als 43. der Landesliste einen sozialdemokratischen Erdrutschsieg bräuchte, um ein Mandat zu ergattern.

Bei der AfD müsste Steyer-Nachfolger Alexander Gräff, der durch einen aggressiven Social-Media-Wahlkampf auffällig wird, schon seine minimale Chance aufs Direktmandat nutzen, um gen Stuttgart zu driften. Denn auf der Landesliste seiner Partei ist er ebenso wenig abgesichert wie Luisa Lentini auf der der Linken.

In der Zusammenschau bedeutet das, dass die Jahre, in denen der Wahlkreis Hechingen-Münsingen vier Abgeordnete hatte, mit einiger Sicherheit vorbei sind. Zwei sind wahrscheinlich, drei wohl das höchste der Gefühle.