Nach der Wahl macht jeder fünfte Abgeordnete Schluss mit der Politik. Welche Schwergewichte aufhören, wer nach kürzester Zeit aussteigt, und wer endlich rein will.
Dass Winfried Kretschmann (77) seinen Abschied aus der Landespolitik nach 38 Jahren als Abgeordneter und eineinhalb Jahrzehnten als Regierungschef und Landesvater mit einem weiteren Superlativ krönen kann, hat er einem Ossi zu verdanken: seinem langjährigen CDU-Kollegen Rainer Haseloff aus Magdeburg. Denn der hat Ende Januar, acht Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, seinem bisherigen Wirtschaftsminister Sven Schulze das Amt des Ministerpräsidenten überlassen und scheidet vor dem Ende seiner letzten Wahlperiode aus. Die Folge für Kretschmann: Er wird für seine letzten Amtsmonate noch zum dienstältesten Ministerpräsidenten der Republik.
Kretschmann geht als Mehrfach-Rekordhalter
Anlass für einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde ist das natürlich nicht. Aber der Titel ist eine hübsche Ergänzung der stattlichen Liste an Besonderheiten, die mit Kretschmanns Namen sowieso verbunden ist. Als Parlamentarier, der mit zwei Unterbrechungen seit 1980 im Landtag ist, wird er auch als dienstältester Landtagsabgeordneter aus dem Parlament ausscheiden. Er ist immer noch der bisher einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands und hat sich länger an der Regierungsspitze gehalten als alle seine Vorgänger im Land. Das macht Kretschmann zum Superschwergewicht unter den Aussteigern, die diese Wahl nutzen, um Schluss zu machen mit der Politik.
Den größten Schwund hat die kleinste Fraktion
Isch over – die Devise gilt für gar nicht wenige Landespolitiker. 34 von insgesamt 154 Abgeordneten treten nicht mehr zur Wahl an. Damit kehrt mehr als jeder fünfte Parlamentarier im Landtag seinem bisherigen politischen Leben den Rücken.
Eine ähnlich lange Karriere wie Kretschmann mit Aufs und Abs in der Landespolitik hat Willi Stächele (74). Er ist zweifellos der gewichtigste von zwölf CDU-Abgeordneten, die jetzt gehen. Während Kretschmann 1979/80 die baden-württembergischen Grünen mitgegründet hat, wurde Stächele 1981 erstmals Bürgermeister von Oberkirch, was er 17 Jahre lang blieb. Im Landtag ist er seit 34 Jahren. Er war Vielfachminister unter drei Ministerpräsidenten – für Finanzen, Europa, Landwirtschaft und Bundesratsangelegenheiten – sowie kurzzeitig auch Landtagspräsident. Von diesem Amt trat er zurück, als der Staatsgerichtshof den Verkauf der EnBW, bei dem er als Finanzminister eine Rolle gespielt hatte, als verfassungswidrig einstufte. Zuletzt hatte Stächele in der Fraktion eine Rolle als graue, aber einflussreiche Eminenz. Von den aktuell 43 CDU-Abgeordneten beenden 28 Prozent nach der Wahl ihre Karriere.
Bei den Grünen hört ein Drittel der 57 Abgeordneten auf. Petra Häffner (61), Abgeordnete aus Schorndorf, ist eine von ihnen. Sie kam genau mit dem Aufstieg der Grünen an die Macht in den Landtag und zieht sich mit Kretschmanns Abschied davon nach 15 Jahren wieder zurück. In dieser Wahlperiode war sie Vorsitzende des Bildungsausschusses.
Viele Aussteiger in der Opposition
Bei der SPD lassen vier von 18 Fraktionsmitgliedern (22 Prozent) die Politik jetzt hinter sich. Dazu zählt auch der Ulmer Abgeordnete Martin Rivoir (65), der seit einem Vierteljahrhundert im Parlament ist. Als Vorsitzender im Finanzausschuss hatte er eine Schlüsselrolle und wachte über das Königsrecht des Landtags: über den Haushalt zu entscheiden. Auch Daniel Born (50), der zwar nicht mehr zur Fraktion, aber nach wie vor zur SPD gehört, ist nicht mehr zur Landtagswahl angetreten. Er zieht damit die Konsequenz aus dem Skandal, den er mit einem hingekritzelten Hakenkreuz auf dem Stimmzettel einer geheimen Abstimmung ausgelöst hat.
Den größten Schwund gibt es bei der aktuell kleinsten Landtagsfraktion, der AfD. Von 17 Mitgliedern scheiden sieben Parlamentarier jetzt aus; das sind 41 Prozent. Bernd Gögel, der ein Jahr lang als Parteichef des zerstrittenen AfD-Landesverbands und fünf Jahre lang Fraktionsvorsitzender im Landtag war, ist der prominenteste. Einen ganz eigenen Rekord stellt Silvia Hapke-Lenz auf. Sie ist eine von drei ausscheidenden Liberalen unter insgesamt 18 FDP-Abgeordneten. Zwischen den vielen altgedienten Kollegen wird sie als Abgeordnete mit der kürzesten Zugehörigkeit von siebeneinhalb Monaten ausscheiden. Sie ist am 11. September 2025 als Nachrückerin ins Parlament gekommen.
Welche Minister aufhören, und wer erstmals rein will
Bei den Grünen haben Verkehrsminister Winfried Hermann (73) – nach insgesamt zehn Jahren im Bundestag, 14 Jahren im Landtag und 15 Jahren als Minister – sowie Sozialminister Manfred Lucha (64) – nach 15 Jahren als Landtagsabgeordneter und zehn Jahren als Minister – ihren Abschied von langer Hand angekündigt. Alle Regierungsmitglieder der CDU bewerben sich bei der Landtagswahl wieder um einen Sitz im Parlament. Einen neuen Anlauf, Landtagsabgeordneter für seinen Wahlkreis Heilbronn zu werden, unternimmt Innenminister Thomas Strobl. Er ist zwar altgedienter Parlamentarier, saß von 1998 bis 2016 im Bundestag. Das Ziel, seinen Heimatwahlkreis Heilbronn im Landtag zu vertreten, hat er 2016 und 2021 aber verfehlt.
Wieso Wolfgang Reinhart Kretschmann-Nachfolger wird
Alterspräsident
Vor fünf Jahren war es der dienstälteste Abgeordnete Winfried Kretschmann, der die erste Sitzung des frisch gewählten Landtags als Alterspräsident eröffnete. Diesmal wird es – wenn er den Wiedereinzug in den Landtag nicht verfehlt, was unwahrscheinlich ist, – der CDU-Abgeordnete und stellvertretende Landtagspräsident Wolfgang Reinhart (70) sein, der seit 34 Jahren im Landtag ist. So gesehen wird Reinhart Kretschmann-Nachfolger – natürlich nur als Alterspräsident.
Konkurrenz
Reinhart ist nicht der einzige Parlamentarier, der nach der Wahl seine achte Legislaturperiode startet. Das gilt, seine ebenfalls wahrscheinliche Wiederwahl vorausgesetzt, auch für Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU). Laut Geschäftsordnung des Landtags (Paragraf 2) konstituiert sich der neue Landtag auf Einladung des „Abgeordneten, die oder der dem Landtag am längsten angehört“. Allerdings wird laut Landtagsverwaltung dabei ganz genau hingeguckt. Entscheidend ist nicht das Jahr, sondern das Datum, an dem die Abgeordneten-Urkunde unterschrieben ist. Da war Wolfgang Reinhart vor 34 Jahren drei Tage schneller als sein Parteifreund. Er ist offiziell seit 24. April 1992 Landtagsabgeordneter, Peter Hauk seit 27. April 1992.