Markus Söder (links) ist zur Wahlunterstützung Manuel Hagels in den Schwarzwald gekommen. Foto: Silas Stein/dpa

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hilft CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel im Wahlkampf. Was das mit Blutwurst, dem Seepferdchen und der AfD zu tun hat.

Schon bevor Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder und der baden-württembergische CDU-Aspirant für das Regierungsamt Manuel Hagel das erste Wort gesprochen haben, ist in der proppenvollen Stadthalle in Nagold ein Teil der Botschaft zu erahnen, die die beiden Konservativen setzen wollen.

 

Denn auf der Rückwand der von roten Samtvorhängen umkränzten Guckkastenbühne gibt ein offenes Fenster den Blick auf eine grüne Wiese mit Kirchturm im Hintergrund frei. Aus dieser Idylle würden eher Stille oder Kuhglockengeläut als Verkehrs- und Großstadtlärm in die Halle strömen, wenn es denn ein echtes Fenster und nicht nur Teil der Kulisse für ein politisches Kammerspiel wäre.

Hagel will die Südschiene wiederbeleben

Das Podcast-Format haben die Kampagnenmacher dem baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidaten Hagel auf den Leib geschneidert. „Bühne frei“, heißt die neue Reihe. Zufall ist es nicht, dass beim Auftakt im Nordschwarzwald ein Dorf- und kein Stadtbild den Bezugspunkt für das Feuerwerk politischer Schenkelklopfer setzt, das Hagel und vor allem Söder zwei Stunden lang unter dem Jubel von mehr als tausend Besuchern abfeuern.

„Es geht nur noch um die Frage: Wo kommt neuer Wohlstand her?“, erklärt Manuel Hagel zwar irgendwann im Laufe des Abends kategorisch. Doch tatsächlich spielen Migration (Asyl als Hilfe auf Zeit), Abschiebung (auch nach Syrien und nach Afghanistan), und was die Politik „für unsere eigenen Leute“ tun müsse (die Pflegekosten senken, damit alte Menschen nicht mehr an Sterbehilfe denken), mindestens eine gleich wichtige Rolle wie die Fragen nach Wirtschaft und Strukturwandel im Südwesten.

Söder setzt auf Charme statt Festzelt-Aggressionen

Zwar waren es die 68er, die die Devise, dass das Private politisch sei, vor über einem halben Jahrhundert erfunden haben. Aber Söder hat den einst linken Grundsatz am virtuosesten für die Neuzeit und den konservativen Kosmos neu interpretiert. Das Diabolische und die Festzelt-Aggressionen, die durchaus zu Söders Repertoire gehören, hat er zuhause gelassen. An diesem Abend will er erklärtermaßen Hagel helfen, Ministerpräsident zu werden und setzt auf Charme.

Söders Offensive beginnt mit dem Bekenntnis, dass seine erste große Liebe aus Baden-Württemberg kam. Das sei zwar später schief gegangen, aber er komme trotzdem immer gerne. Söder haut einen Gassenhauer nach dem nächsten raus. „Bayern ohne Deutschland ginge vielleicht“, meint er launig. Aber es könne nicht ewig so weiter gehen, „dass die fleißigen Leute im Süden die ganze Republik finanzieren.“

Möhrchen, Blutwurst und das Seepferdchen

In den Jubel der Zuhörer hinein bekennt Hagel sich zur Wiedergeburt der Südschiene. Ab dann folgt ein Szenenapplaus dem nächsten. Weil Söder mittags Blutwurst gegessen hat, und es zwar super findet, wenn einer sich vegan ernährt, er aber eben Hunger habe und lieber Hausmannskost als Möhrchen möge. Dass Hagel joggt und Söder E-Bike fährt oder schwimmt, dass Hagel „das Seepferdchen“ hat und Söder „den Rettungsschwimmer“.

Dass es „a weng Leistung“ braucht in der Schule und bei der Arbeit (Söder), damit Deutschland wieder nach vorne kommt; „dass unsere Kinder nicht in zehn Jahren Chinesisch lernen müssen, damit sie gerade noch die KI programmieren können“ (Hagel). Das kommt kurzweilig, unterhaltsam und ziemlich populistisch daher. Und es kommt an. Konkret wird Hagel an wenigen Stellen. Er will die Erbschaftssteuer zu einer Ländersteuer machen, das Stiftungsrecht so umgestalten, dass Geld in Start-ups fließen kann und eine KI-Universität gründen.

Goldene Brücke statt Brandmauer

Söder ist der stärkere Selbstdarsteller, der seine Erfahrung als langjähriger Regierungschef ausspielen kann. Hagel kann punktuell mit Schlagfertigkeit punkten, wirkt daneben aber zeitweise brav und pastoral, etwa wenn er das christliche Menschenbild der CDU beschwört. Doch das wird der Kandidat verschmerzen. Schließlich ist der Popularität Söders auch die volle Halle und ein fulminanter Start seiner neuen Veranstaltungsreihe zu verdanken.

Hagel und Söder, der vor kurzem noch die Grünen als Hauptgegner verbissen hat, sehen übereinstimmend die AfD als größte Herausforderung. „Wir müssen unser Land wieder in Ordnung bringen und den Zustand von vor 2015 wieder herstellen“, forderte Söder. „Wir brauchen zu den AfD-Wählern keine Brandmauer, sondern goldene Brücken zurück in die Mitte“, so Hagel. Der neue Kurs der Bundesregierung in der Migrationspolitik sei zu „hundert Prozent richtig“. Wer Migration steuern und ordnen wolle, brauche keine AfD. Die Union tue alles Nötige dafür – aber „mit Anstand und Würde“.