Oberbürgermeister Roland Tralmer fordert die Politiker in Berlin auf, von der Emotionalisierung wegzukommen und endlich etwas im Land zu bewegen.
Die größte Kommune im Zollernalbkreis hatte am Wahltag gegen 20.20 Uhr alle 44 Wahlbezirke ausgezählt. Der Trend: nicht wesentlich anders als im gesamten Kreis und im Land. Die AfD hat deutlich zugelegt, die SPD ist weit abgeschlagen, die CDU wurde Wahlsieger in Albstadt. Das ist auch schon der kleine Unterschied.
Wäre es also nach den Albstädter Wählern gegangen, dann wäre die CDU stärkste Kraft geworden – weit vor den Grünen – und die SPD erst gar nicht in den baden-württembergischen Landtag eingezogen. Die Wahlbeteiligung war in der größten Stadt des Kreises mit 61,5 Prozent am geringsten, was aber auch nicht verwundert, denn Balingen liegt mit 62,2 Prozent direkt dahinter. Je kleiner die Kommunen, umso höher die Wahlbeteiligung.
AfD-Hochburgen in Tailfingen und im Ebinger Westen
Unsere Redaktion wollte vom Stadtoberhaupt wissen, wie er das Wahlergebnis in Albstadt einschätzt. Auffallend beispielsweise, dass bei den Briefwählern der absolute Spitzenreiter die CDU ist, sowohl bei den Erststimmen als auch bei den Zweitstimmen. Als AfD-Hochburgen haben sich große Gebiete in Tailfingen und im Ebinger Westen herauskristallisiert.
Bei den Erststimmen konnte die CDU-Direktkandidatin Nicole Hoffmeister-Kraut mit 40,1 Prozent punkten (AfD-Kandidat Hans-Peter Hörner hat 28 Prozent), während bei den Zweitstimmen der Abstand zur AfD nicht mehr ganz so groß war (31,6 Prozent für die CDU und 27,8 Prozent für die AfD).
„Albstadt befindet sich im landesweiten Trend“
Die Grünen erhielten bei den Zweitstimmen 22,4 Prozent, während der Direktkandidat Maurice Rössler in Albstadt nur 14,4 Prozent auf sich vereinen konnte. Bei der SPD war es umgekehrt. Hier gingen in Albstadt nur 4,5 Prozent der Zweitstimmen an die Sozialdemokraten, wohingegen Direktkandidatin Katja Weiger-Schick 7,5 Prozent der Erststimmen holte. „Albstadt befindet sich im landesweiten Trend“, kommentiert denn auch Oberbürgermeister Roland Tralmer: „Die AfD hat deutlich zugelegt. Die CDU hat leicht zugelegt.“ Nach dieser Feststellung äußert der Oberbürgermeister, der für die CDU im Kreistag des Zollernalbkreises sitzt, verschiedene Sorgen. Er sehe eine Zersplitterung der Parteienlandschaft und bezeichnet es als „besorgniserregend“, dass Parteien wie die „FDP oder die SPD, die zu den Stützpfeilern in der Gesellschaft gehören, einfach verschwinden“. Und das aus „Befindlichkeiten des Augenblicks“, wie Roland Tralmer vermutet. „Die allgemeine Unzufriedenheit in der Bevölkerung sieht man besonders deutlich, je größer und je industrieller die Kommunen sind“, sagt der Oberbürgermeister der größten Industriestadt im Zollernalbkreis.
Aufgekauft von einem chinesischen Investor
„Es ist sicher nicht so, dass lauter Rechtsextreme durch die Stadt laufen“, beruhigt der Schultes in Bezug auf Albstadt. Seiner Einschätzung nach handle es sich um „extrem verunsicherte Menschen“, beispielsweise durch die Insolvenz beim Strickmaschinenhersteller Mayer & Cie., der Leute entlassen musste und nun von einem chinesischen Investor aufgekauft wurde. Diese Menschen möchten Lösungsangebote, fasst Roland Tralmer die Situation zusammen. Vermeintlich schnelle und einfache Lösungen würden eben von der AfD suggeriert werden. Und auch deshalb macht sich der Oberbürgermeister große Sorgen, wie er unserer Redaktion gegenüber darlegt.
Denn fast überall, wo einst in Albstadt die Arbeitersiedlungen waren und traditionell die Stimmen an die Sozialdemokraten gingen, würde inzwischen das Kreuz bei der AfD gesetzt, beispielsweise im Talgang – in Tailfingen und dem Ebinger Westen wurde mehrheitlich die „Alternative“ gewählt.
Appell an Entscheidungsträger
„Wir müssen uns deshalb langfristig Gedanken machen über eine weniger emotionalisierte Politik“, fordert Roland Tralmer vor allem die Entscheidungsträger und Politiker in Berlin auf. Die Ergebnisse müssten genauer analysiert werden und weg von Emotionalisierungen. Oberbürgermeister Tralmer möchte ausdrücklich niemanden kritisieren.
Erfahrungsgemäß seien es die Menschen, die stark verunsichert sind und dann im Wahllokal Entscheidungen treffen, die einfache Lösungsmöglichkeiten favorisieren. „Das sollten in Berlin so langsam alle verstanden haben. Die Leute vermissen, dass sich etwas bewegt.“ Und die Sozialdemokraten müssten nach Ansicht des Christdemokraten überlegen, ob ihre politischen Inhalte noch stimmen. Wenn diejenigen, die früher SPD gewählt haben, nun mehrheitlich AfD wählen.
Zahlen zur Wahl
An gültigen Stimmen
wurden insgesamt 18.811 bei den Zweitstimmen und 18.718 bei den Erststimmen ausgezählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 61,5 Prozent. Die Briefwähler haben ihre Stimmen vor allem der CDU gegeben. An den Wahlurnen ging die Mehrheit der Zweitstimmen an die AfD. Bei den Erststimmen konnte Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) die meisten Stimmen auf sich vereinen (40,1 Prozent), danach kommen Hans-Peter Hörner (AfD) mit 28 Prozent und Maurice Rössler (Grüne) mit 14,4 Prozent. Bei den Zweitstimmen liegt ebenfalls die CDU mit 31,6 Prozent vor der AfD mit 27,8 Prozent und den Grünen mit 22,4 Prozent.