Kurz nach Schließung des Wahllokals Balingen Rathaus: Die Auszählung startete unmittelbar. Foto: Eyckeler

Kleines Plus für die CDU, großer Aufschwung für die AfD und ein desaströses Ergebnis der SPD im Wahlkreis 63 Balingen

Wahlen haben bisweilen den Ruf, nicht das spannendste Unterfangen einer Demokratie zu sein. Die gestrige Wahl dürfte dieses Image hingegen gewaltig entstaubt haben. Nicht nur landesweit glich die Auszählung am Wahlabend einem waschechten Krimi, auch im Wahlkreis 63 Balingen dürfte so manches Ergebnis für Überraschungen gesorgt haben – je nach parteipolitischem Blickwinkel im positiven wie negativen Sinne.

 

Während die Grünen im Balinger Wahlkreis bei der letzten Landtagswahl noch auf 26,5 Prozent kamen, verlor die Partei fünf Jahre später knappe 4,3 Prozent und landete bei 22,1 Prozent (Anm. d. Red.: vorläufiges Ergebnis). Die CDU hingegen scheint ihr Ergebnis aus 2021 sogar verbessert zu haben: von 32,6 Prozent auf nun 33,6 Prozent. Das Ergebnis unterstreicht gleichzeitig das offensichtlich große Vertrauen in die aus Balingen stammende Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.

Das landesweit desaströse Ergebnis der SPD spiegelt sich auch im Wahlkreis Balingen wider: Waren es 2021 immerhin noch 7,8 Prozent, die die SPD auf sich vereinte, sackt die Partei inzwischen auf 4,3 Prozent ab und folgt damit dem baden-württembergischen Trend. Auch die FDP geht als eine der großen Verliererinnen dieser Wahl hervor und präsentiert sich im Wahlkreis Balingen mit nur noch 4,4 Prozent – im Vergleich zu zehn Prozent aus der vorigen Wahl.

Diese Wählerinnen und Wähler scheinen mindestens in Teilen zur AfD gewandert zu sein. Waren es noch 12,2 Prozent im Jahr 2021, genießt die Partei einen zweistelligen Aufwind und landet bei 26,3 Prozent – was ein Plus von mindestens 14,1 Prozent bedeutet. Auch diese Entwicklung war im landesweiten Trend erkennbar, und doch ist der Wahlkreis Balingen ein Ausreißer: Dort hat die AfD die 20-Prozent-Marke nicht gerissen. Ein kleines Plus hat indes die Linke gemacht: 2021 kam die Partei auf 2,4 Prozent Zustimmung der Wählerinnen und Wähler des Wahlkreises Balingen, dieses Jahr waren es 2,8 Prozent – was einem zarten Zuwachs von 0,4 Prozent entspricht.

Die Wahlbeteiligung selbst lag bei 68,6 Prozent. Das ist im Vergleich zur Wahl von 2021 eine Steigerung: Damals wählten 61,5 Prozent der Wahlberechtigten. Dieses Jahr wahlberechtigt waren circa 122.000 Menschen, erstmals auch ab 16 Jahren.

Und was sagen die Kandidatinnen und Kandidaten zum Ausgang der Wahl? Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) etwa – so sicher war es gestern Abend bereits – ist erneut Direktkandidatin im Wahlkreis Balingen, mit mehr als 40 Prozent der Stimmen. Sie spricht daher nicht verwunderlich von einem „Vertrauensbeweis“. „Ich danke den Wählerinnen und Wählern für ihr Vertrauen“, sagt sie unserer Redaktion am Abend in Balingen. Geschockt hat indes die SPD-Direktkandidatin Katja Weiger-Schick die erste Hochrechnung im Urli-Haus in Nusplingen aufgenommen. „Auf Landesebene müssen wir unsere Arbeit klar hinterfragen“, so Weiger-Schick. Das persönliche Abschneiden hätte laut der SPD-lerin ebenfalls etwas besser ausfallen dürfen. Nach 183 von 195 ausgezählten Gebieten im Wahlkreis Balingen lag ihr Erststimmenanteil bei 6,6 Prozent. Kleiner Trost für die Nusplingerin: In ihrem Heimatort konnte sie 10,4 Prozent der Erststimmen für sich verbuchen. Ob sie für weitere Wahlen als Direktkandidatin zur Verfügung stehen wird, wollte sie am Sonntagabend nicht sagen. „Das ist heute noch nicht das Thema.“

Maurice Rössler freute sich indes über das Ergebnis der Grünen und damit der Wahl von Cem Özdemir als neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. „Es ist ein gutes Gefühl“, sagte er mit Blick auf den Siegeszug seiner Partei. „Es geht voran.“ Für seine Position als absoluter Newcomer habe er ein „ganz gutes Ergebnis“ eingefahren. „Ich bin ganz zufrieden. Jetzt ist für mich erst einmal eine Pause von der Politik angesagt und Familienzeit“, so Rössler. „Die Zweitstimmen im Wahlkreis Balingen resultieren noch aus den Nachwirkungen der Ampel. Darunter hat vor allem der ländliche Bereich gelitten.“ Trotzdem, sagt er, habe man hier „ein sehr gutes Ergebnis“.

Für die FDP ist es ein existenzielles Ergebnis

Albrecht Raible ist ebenso gedeckelt über das Ergebnis seiner FDP wie die Landespartei. „Es ist desaströs“, nimmt Raible als Direktkandidat im hiesigen Wahlkreis kein Blatt vor den Mund. Man müsse abwarten, wie es nun generell mit der FDP weitergehe, ob sich die Partei gar zersplittere. Mit seinem eigenen Ergebnis ist er indes nicht unzufrieden, die 4,1 Prozent seien nicht schlecht im Vergleich zum Gesamtergebnis seiner Partei. Auch aus Raibles Worten ist zu hören: Die Liberalen brauchen einen grundlegenden Neustart.

„Ich bin sehr zufrieden und kann mich bei den Wählern nur bedanken“, sagt derweil Hans-Peter Hörner über das Ergebnis der AfD. „Mit mehr als dem Doppeltem im Wahlkreis habe ich nicht gerechnet. Das freut mich persönlich sehr“, und dann schickt er noch hinterher: „Wir als Partei haben das gut gemacht.“

Elena „Loo“ Krein verfolgte die Auszählung bei der Wahlparty des Landesverbands in Stuttgart. Ihre Partei verpasste entgegen der eigenen Erwartungen den erstmaligen Einzug in den baden-württembergischen Landtag. „Ich will mich über den Wählerzuwachs freuen“, sagte sie am Sonntagabend.

Doch der Frust darüber, dass wohl auf den letzten Drücker einige Wählerinnen und Wähler der Linken zu Grün abgewandert sein dürften, ist groß. Gleichzeitig sei das kein Grund, aufzugeben. Krein sei „bereit, weiterzumachen“, und gibt sich kämpferisch: „Das Parlament war noch nicht bereit für uns, aber die Menschen da draußen sind’s.“