Rekordverdächtig schnell: Die Wahlhelfer, hier beim Auszählen im Ratssal im Freudestädter Rathaus, ließen es laufen. Foto: Gauger

Die CDU hat bei der Landtagswahl im Kreis Freudenstadt das Direktmandat verteidigt – mit neuer Kandidatin und mit hauchdünner Mehrheit.

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Kreis Freudenstadt - Die Baiersbronnerin Katrin Schindele, die Norbert Beck im Amt beerbt, holte rund 27,3 Prozent der Stimmen. Das bedeute nach dem Absturz um 15,5 Prozentpunkte vor fünf Jahren zwar noch einmal ein Minus von drei Prozentpunkten. Am Ende reichte es jedoch für Platz eins im Kreis. Die Grünen mit Winfried Asprion aus Horb hatten sich lange Zeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Union geliefert. Mit 24,7 Prozent für die Grünen und etwas mehr als zweieinhalb Prozent Unterschied wurde die ehrgeizige Zielvorgabe, der zuletzt schwächelnden CDU das Direktmandat abzunehmen, dann doch verfehlt.

FDP überholt die AfD

Dafür meldete sich die FDP eindrucksvoll zurück. Mit rund 14,9 Prozent nahmen die Liberalen mit Timm Kern der AfD den dritten Rang ab. Vor fünf Jahren hatte die "Alternative" aus dem Stegreif 17,6 Prozent der Stimmen geholt. Mit jetzt 13,2 Prozent konnte die Partei mit Uwe Hellstern als Erstkandidaten vom Corona-Frust offenbar keinen Honig saugen. Schon vor fünf Jahren hatte die FDP ein Plus von 5,9 Prozentpunkten verbucht. Am Sonntag legte sie noch einmal um 1,3 Punkte zu. Am Sonntagabend ging Kern davon aus, dass ihm sein gutes ihm zu einem Zweitmandat und damit zu einem Sitz auch im künftigen Landtag reicht.

Die SPD ist im Kreis mit nunmehr 8,4 Prozent Stimmenanteil auf die Größenordnung einer Splitterpartei geschrumpft. Die quirlige Horberin Viviana Weschenmoser konnte einen weiteren Rückgang um zweieinhalb Prozentpunkte nicht stoppen. Dabei waren die Sozialdemokraten durch ihre digitalaffine Erstkandidatin stark im Internet und in den sozialen Medien unterwegs. Besonders bitter: Auch in Horb direkt konnte sie nicht mit einem "Heimbonus" punkten – ganz im Gegenteil zu den anderen Lokalmatadoren.

"Sonstige" dick dabei

Die offenkundige Unzufriedenheit drückt sich auch im Ergebnis der "Sonstigen" aus. 11,6 Prozent der Wähler setzten ihr Kreuz hinter eine der acht weiteren Parteien, die auf den Wahlzetteln für den Landkreis standen.

Freier Wähler überrascht

Während die mit Spannung erwartete "Klimaliste BW" und ihre jungen Kandidatin Tina Frey aus Baiersbronn (0,9 Prozent) keine Rolle spielte, holte der Loßburger Handwerksmeister Hartmut Eberhard knapp 4,5 Prozent für die Freien Wähler. Im Wahlkampf hatte er ausgesprochen konservative Werte und Standpunkte vertreten, die auch von der AfD hätten stammen können.

86 151 Wahlberechtigte im Landkreis waren am Sonntag zur Stimmabgabe aufgerufen. Mit 62,2 Prozent sank die Wahlbeteiligung zwar um rund fünf Prozentpunkte im Vergleich zur Wahl von 2016. Ein Absturz aufgrund der Corona-Pandemie, den einige befürchtet hatten, bleib damit jedoch aus. Zwar hatten die Helfer in vielen Wahllokalen zeitweise nichts zu tun als zu warten. Der Eindruck konnte jedoch täuschen. Noch mehr Frauen und Männer als schon zuletzt hatten von der Möglichkeit der Briefwahl Gebrauch gemacht.

Ergebnis liegt früh vor

Um 19.49 Uhr lag das vorläufige amtliche Endergebnis für die 137 Wahlbezirke im Landkreis fest – rekordverdächtig schnell. Das neue EDV-Programm "Votemanager" scheint das Verfahren beschleunigt zu haben. Das erste Wahlergebnis war bereits um 18.22 Uhr eingetrudelt. Die kleine Gemeinde Wörnersberg mit 157 Wahlberechtigten hatte die Nase vorn. 81 Einwohner hatten ihr Kreuzchen gemacht. Mit 38,8 Prozent ist zumindest dort die Welt für die CDU noch halbwegs in Ordnung, wenngleich es vor fünf Jahren noch glatte 50 Prozent waren.

Kommentar: Zeitwendene

Von Volker Rath

Der 14. März 2021 ist ein denkwürdiger Tag für den Kreis Freudenstadt: Die CDU hat ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit endgültig eingebüßt. Nach den dramatischen Verlusten vor fünf Jahren und einem blutleeren Corona-Internet-Wahlkampf ist die Union noch einmal abgesackt. Sie liegt nur noch hauchdünn vor den Grünen. Winfried Asprions Ankündigung, der CDU das Direktmandat abnehmen zu wollen, war also doch nicht so vermessen. Schwarz gewinnt im Schwarzwald? War einmal, da hilft auch keine junge Kandidatin. Immerhin ist für die FDP in ihrer Hochburg die Welt wieder in Ordnung: drittstärkste Kraft, das ist ein Wort. Offensichtlich sind die Liberalen Hoffnungsträger für viele, die das desaströse Corona-Management in Bund und Land nicht mehr ertragen können und denen die nölige Schwarzmalerei der AfD zu wenig ist.

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