Der SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch setzt im Wahlkampf auf Nähe zu den Bürgern. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Der SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch tourt, redet und kocht auch mal für den Wahlerfolg. Wie er Gegenwind aus Berlin und miesen Umfragen trotzt.

Andreas Stoch steht auf einer Bühne mitten in Halle sieben der Stuttgarter Messe und viertelt Champignons. Kochen soll er hier bei der Intergastra und Fragen beantworten: zur SPD, zur Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie, zur Landespolitik und dazu, wie er es mit dem Kochen zuhause hält. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband hat den SPD-Spitzenkandidaten eingeladen. Er soll mit dem Ausbildungsbeauftragten des Verbands Martin Bosch und einigen Lehrlingen kochen. Es gibt Rindergulasch mit Schupfnudeln und Karotten.

 

Stochs lässt das lange Messer in seiner rechter Hand häufiger ruhen. Er konzentriert sich aufs Reden. Deshalb ist es gut, dass die Azubis von der Landesberufsschule in Tettnang alles bereits vorbereitet haben. Nur die Pilze müsse geschnippelt, gebraten und die Teller angerichtet werden.

Ein Heimspiel in der Landeshauptstadt

Stochs Auftritt auf der Messe ist ein Heimspiel für ihn. Den Ausbildungsbeauftragten Martin Bosch, Hotelier in seiner Heimatstadt Heidenheim, kennt er gut. Zwar kochen sie zum ersten Mal miteinander. Aber sie spielen ab und zu Tennis, reden regelmäßig über Ausbildungsfragen und was der Branche sonst noch unter den Nägeln brennt. Beim Messepublikum kann Stoch mit Kenntnissen punkten. In seiner Zeit als Kultusminister hat er zwei Landesberufsschulen für Köche besucht. Daher weiß er über deren Arbeit ziemlich gut Bescheid.

Früh am Morgen war der Sozialdemokrat schon beim Lichtmessmarkt in Herbrechtingen. „Den gibt es seit 855 Jahren!“ Dort hat er vor der traditionellen Bauernversammlung eine Rede gehalten. Nachmittags geht’s zu den dortigen Fechtertagen. Vorher nimmt er sich die Zeit, wenigstens die erste Halbzeit zwischen dem 1. FC Heidenheim und dem HSV anzuschauen.

Die SPD will mit Nähe punkten

Dass das Private politisch und das Politische privat ist, ist eine alte Politweisheit. Im Wahlkampf gilt sie erst recht. Stoch hat seit 15 Jahren eine Dauerkarte für seinen Heimat- und Herzensverein, brennt für dessen Erfolge. Dies erfordert mitunter eine Leidensfähigkeit, die er sich als Sozialdemokrat nolens volens aneignen musste. Das beweist sich auch an diesem Samstag bei der 0:2-Niederlage wieder. Sein Verein ist ein Standardthema, von dem der 56-jährige Jurist gern erzählt.

Den Bürgern nah zu kommen, ist Kernauftrag aller Wahlkämpfer. Die SPD hat die Nähe sogar zum Motto erkoren. „Weil es um Dich geht!“, heißt die Kampagne. Deshalb ist Stoch bis zum Wahlsonntag landauf, landab auf Plakaten mit der Schülerin Frieda, der Rentnerin Rose oder dem Handwerksmeister Tobias zu sehen. Deshalb reißt der 56-Jährige Tausende Kilometer auf einer „Tour für Dich“ herunter. Mal ist er mit Parteichef Lars Klingbeil in Ulm, mal mit Altkanzler Olaf Scholz in Gaggenau, mal mit Bundestagsfraktionschef Matthias Miersch und den örtlichen SPD-Wahlkreiskandidatinnen im Stuttgarter Literaturhaus.

Wahlkampf ist ein Knochenjob, sogar wenn man einen Sieg in Reichweite sieht. Doch für die SPD in Baden-Württemberg sieht es nicht so gut aus. 2021 hat sie bei Stochs erster Spitzenkandidatur mit elf Prozent ihr historisch schlechtestes Landtagswahlergebnis in Baden-Württemberg erzielt. Aktuell sehen die Umfragen mit acht bis zehn Prozent noch mieser aus. Die Erwartung, mit dem Abschied von Winfried Kretschmann wieder an Wahlergebnisse aus der Zeit vor dem Aufstieg des grünen Ministerpräsidenten anknüpfen zu können, ist lange zerstoben.

Landes-SPD hat Übung mit Jetzt-erst-recht-Wahlkämpfen

Die Ursachen dafür liegen nicht allein im Südwesten. Mit Rückenwind aus Berlin kann Stoch nicht rechnen. Dass die Sozialdemokraten seit dem Ende der Regierungszeit von Altkanzler Gerhard Schröder in rückwärtsgewandten internen Kämpfen verstrickt sind, belastet die Partei bundesweit. Spätestens seit der Ampelregierung kann die SPD bei den Bürgern kaum noch einen Stich machen. Stoch und die Südwest-Genossen müssen schon froh sein, wenn kein Gegenwind aus Berlin kommt und eruptive Streitereien in der schwarz-roten Bundesregierung ihnen das Geschäft erschweren.

Die Baden-Württemberg-SPD hat sich an die Jetzt-erst-recht-Wahlkämpfe gewöhnen müssen. Auch Stoch hat darin Übung. Stets weist er darauf hin, dass es die SPD war, die das Sondervermögen gegen alle Widerstände beim Koalitionspartner in Berlin durchgesetzt hat. Damit könne jetzt die Republik modernisiert werden. Nimmermüde betont er, dass gerade in Zeiten, in denen Frieden, Demokratie und Wohlstand so akut bedroht sind, wie seit Jahrzehnten nicht mehr es auch im Land eine aktive Politik brauche, die Bildung, Weiterbildung und Wohnungsbau als Teil einer ehrgeizigen Wirtschaftspolitik begreife. Dass Grün-Schwarz eine sparsame Haushaltpolitik verfolge und kein eigenes, notfalls schuldenfinanziertes Landesgeld investiere, ist seine Dauerkritik an der amtierenden Koalition. „Grün-Schwarz schaut nur zu und ruft nach dem Bund, anstatt selbst aktiv zu sein.“ Deshalb komme es jetzt erst recht auf die SPD an, damit im Land wieder kreativ Politik gegen die Krise gemacht werden könne.

Doch für Stoch ist es schwer durchzudringen. Je mehr sich die Machtfrage auf den Zweikampf zwischen Manuel Hagel und Cem Özdemir konzentriert, desto unsichtbarer wird die SPD. Stoch setzt dieser Dynamik stets den Hinweis auf die im neuen Wahlrecht liegenden Unwägbarkeiten und seinen Optimismus entgegen: Auch wenn die Umfragen gerade nicht dafür sprächen, könne es durchaus sein, dass die SPD nach der Wahl fürs Regieren gebraucht werde.

Wahlkampf mit Zähnen

Trotz allem sieht die SPD seit kurzem einen Schimmer am Horizont. Seit sich die CDU mit polemischen Angriffen auf den Leistungswillen der Arbeitnehmer und die Zahnbehandlung als Kassenleistung angreifbar gemacht hat, hoffen die Genossen, sich noch besser als soziales Gewissen der Republik profilieren zu können. Seither sind „Lifestyle-Teilzeit“ und Zahnarztbesuche ebenso fester Bestandteil von Stochs Reden, wie seine Kritik an der „ökonomischen Dummheit“ der Grünen, weil sie die schnelle Ratifizierung des Mercosur-Abkommens im Europaparlament verhindert haben.

Sarkastische Genossen witzeln bereits, ob sie aus Dankbarkeit eine Fördermitgliedschaft beim CDU-Wirtschaftsrat beantragen sollen. Stoch selbst ist jedoch nicht nach Witzen zumute, „wenn die CDU sich vor ihrem Bundesparteitag mit Ideen überschlägt, das Leben der Menschen schlechter zu machen“. Die redeten doch tatsächlich von „Lifestyle-Teilzeit“, wettert er im Stuttgarter Literaturhaus. „Die CDU sollte sich schämen, derart die Lebensleistung von Frauen verächtlich zu machen.“ Er sehe mit Sorge, dass Arbeitnehmer in der Wirtschaftskrise immer mehr „in die Rolle des Sündenbocks“ gedrängt würden. Bundestagsfraktionschef Miersch sekundiert. Von „Lifestyle“ werde im Koalitionsausschuss in Berlin zwar nicht gesprochen. Doch die Richtung der Union sei dort nicht anders als in dem inzwischen entschärften CDU-Parteitagsantrag. In Berlin werde die SPD verhindern, dass man Arm und Reich wieder am Lächeln erkenne, ergänzt Miersch. Und im Südwesten ist „Deine Zähne würden SPD wählen“, der beliebteste Instagram-Post der Genossen.