Dirk Egger will es nochmal wissen. Foto: Stephanie Trenz

Meßstetter ist ein liberaler Überzeugungstäter. Eggers Schwerpunkt ist Schulpolitik. 

Mit 45 Jahren ist er längst ein alter Hase – zum dritten Mal kandidiert Dirk Egger für den Landtag von Baden-Württemberg. Zweimal verfehlte er den Einzug ins Hohe Haus; dennoch wirkt er unverdrossen – Dirk Egger ist ein liberaler Überzeugungstäter.

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Meßstetten - Als die Mauer fiel, war er 14 – alt genug, um Hans-Dietrich Genschers großen Auftritt auf dem Balkon der Prager Botschaft politisch bewusst mitzuerleben und um die historische Dimension dessen, was bald darauf folgen sollte, ermessen zu können. Genscher, der Mann, den – mehr noch als Helmut Kohl – die Aura des Wundertäters der nationalen Einheit umgab, hat Dirk Egger zum Liberalen gemacht.

"Ich fühle mich im Land gut aufgehoben"

Bei aller Loyalität gegenüber der heutigen Parteiführung verhehlt er nicht, dass er manchmal jener Zeit nachtrauert, als noch Riesen auf Erden wandelten: Er vermisst sie in der stocknüchternen Berliner Merkel-Republik, die großen Charismatiker, und dürfte dafür parteiübergreifend Verständnis finden: Die Zahl der Sozialdemokraten, die beim Gedan­ken an Willy Brandt feuchte Augen bekommen, soll auch nicht gerade klein sein.

Wobei nichts Dirk Egger ferner liegen könnte, als sich an Politik zu berauschen. In Zeiten, da kaum eine Partei mit einer flauschig-dicken Personaldecke gesegnet ist, wäre sicher auch die Bundespolitik in Reichweite gelegen, aber da wollte er nicht hin: "Ich fühle mich im Land gut aufgehoben." Egger hat seinen Platz längst gefunden, beruflich als Stabsoffizier der Bundeswehr – derzeit an der NATO-Dienststelle –, privat in Meßstetten, wo er den Förderverein des Gymnasium leitet, das seine 16 beziehungsweise 13 Jahre alten Töchter besuchen. Die Ziele und die Schwerpunkte seiner politischen Tätigkeit erklären sich aus dieser persönlichen Situiertheit. Fragt man ihn, wofür er politisch steht, dann kommt zuerst einmal das Thema Schulbildung aufs Tapet.

Lehrkräfte über Sommer zu kündigen sei unanständig

Dass trifft sich gut – die Kultusministerin ist Spitzenkandidatin. Schlecht hat sie ihre Sache gemacht, findet Egger, Baden-Württemberg, vormals fest etabliert in der Spitzengruppe der schulpolitisch erfolgreichsten Länder, sei spätestens unter ihrer Ägide ins untere Tabellendrittel abgerutscht. Aber dafür sei natürlich nicht Susanne Eisenmann allein verantwortlich – die Weichen für Lehrermangel und digitalen Notstand seien schon früher gestellt worden, als in Stuttgart noch die SPD Koalitionspartner der Grünen war.

Hat Dirk Egger etwas gegen die Gemeinschaftsschule? Gar nicht, erwidert er und wirkt dabei glaubwürdig, er sei für ein vielgliedriges Schulsystem, einen Schulmix, in dem auch die Gemeinschaftsschule ihren festen Platz habe. Allerdings nicht den ausschließlichen Platz an der Sonne – bei der Finanzierung der Schulformen glaubt Egger gewisse ideologisch begründete Ungleichgewichte zu erkennen, die ihn stören. Im übrigen wünscht er sich mehr Flexibilität und weniger Bürokratie, etwa bei der Übernahme von Quereinsteigern in den Lehrerberuf oder bei der Gewichtung des Klassenteilers: "Der darf nicht in Stein gemeißelt sein, da muss es Korridore und Knautschzonen geben."

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Regelrecht empörend findet er die Chuzpe, mit der das Land, um Geld zu sparen, jährlich im Juli auf Zeit angestellten Lehrkräften die Stellen kündigt, um sie nach den Sommerferien wieder einzustellen. "Das ist doch unanständig."

"Mehr Stellen für die Polizei"

Thema Sicherheit: Egger fordert für die Polizei mehr Stellen, bessere Ausrüstung, intensivere Ausbildung – und eine Rücknahme der Polizeireform, welche die Ordnungsmacht ohne Not schwerfälliger gemacht habe. "Wir müssen zurück zur Dezentralität." In die gleiche Richtung geht seine Kritik an einem Datenschutz und einer Dokumentationswut, die nicht zuletzt Vereinen das Leben schwer machten. "Sicherer wird dadurch nichts, nur aufwendiger – ich bin Vereinsvorsitzender; ich weiß, wovon ich rede." Allerdings kommt der überbordende Datenschutz aus Brüssel, für ihn kann Egger nur bedingt das Land verantwortlich machen.

Anders steht es um Digitalisierung, ein Lieblingsthema der FDP. Innenminister Thomas Strobl habe viel versprochen und wenig gehalten, findet Egger, und fordert erstens andere Maßstäbe – "ein Gigabit ist schnell, 50 Megabit schon lange nicht mehr" –, zweitens mehr Kreativität bei der Finanzierung – "Warum zweigt man nicht eine Milliarde aus dem Vermögen der Landesstiftung ab?" – und drittens mehr Bürgernähe: "Die Leute müssen spüren, dass die Digitalisierung etwas bringt. Warum muss ich, um eine Zweitwohnsitz anzumelden, aufs Rathaus? Geht doch digital!"

Für Dirk Egger gehen Liberalismus und Flexibilität Hand in Hand

Das Schlusswort: Corona. Auch hier richtet sich die Kritik gegen die manövrierunfähigen bürokratischen Öltanker: "Kann man nicht mehr Rücksicht auf regionale Gegebenheiten nehmen? – Tübingen ist nicht Bautzen." Wozu jetzt noch Ausgangssperren? Und könnten die Einzelhändler und die Friseure nicht allmählich wieder öffnen? – Ich bin gern beim Friseur." Aber wieso sind die Haare dann millimeterkurz? "Das mach’ ich mit dem Rasierer." Man muss sich nur zu helfen wissen – für Dirk Egger gehen Liberalismus und Flexibilität eben Hand in Hand.

Vertreter von zwölf Parteien sowie ein Einzelkämpfer treten bei der Landtagswahl im Wahlkreis 63 Balingen an. Wir stellen die Bewerber in einer losen Reihe vor.

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