Für die Gruppe der strategischen Wähler ergeben sich bei dieser Landtagswahl ganz neue und überraschende Möglichkeiten. Ein Leitfaden für Wähler mit einem Augenzwinkern.
Nach Parteivorliebe und politischer Überzeugung wählen kann ja jeder. Wahltage sind auch immer etwas für Taktikfüchse. Zehn bis 20 Prozent der Wähler, das weiß man aus Umfragen, wählen rein strategisch, 20 bis 25 Prozent betreiben Stimmensplitting. Bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag ist das durch die Einführung des Zwei-Stimmen-Wahlrechts in Baden-Württemberg erstmals möglich.
Doch auch durch die besondere politische Konstellation und den erwarteten knappen Ausgang ergeben sich für Taktiker ganz neue und überraschende Wahlalternativen. Manches Kreuz dürfte Überwindung kosten. Aber wenn man als strategischer Wähler das Zünglein an der Waage sein will, muss man auch mal ein Kreuz setzen, das schmerzt. Doch Vorsicht: auch andere wählen taktisch. Und dann sind plötzlich alle Überlegungen Makulatur.
CDU: Nicht nur an die FDP denken
Dass ein eingefleischter CDU-Anhänger der FDP seine Zweitstimme gibt, ist fast schon der Klassiker unter den taktischen Wahlen. Auch diesmal hoffen die Liberalen darauf, dass sie dank solcher „Leihstimmen“ in ihrem einstigen Stammland wieder einmal über die Fünf-Prozent-Hürde rutschen. Aber hoppla: Wenn es die CDU mit dem Wunsch nach einer „Deutschland-Koalition“ aus Schwarz-Rot-Gelb ernst meint, dann sollten ihre Anhänger die SPD nicht vergessen. Die Sozialdemokraten haben sich fest der CDU versprochen – und sie haben Leihstimmen mindestens ebenso nötig.
Grüne: Nicht alles auf eine Karte setzen
Es ist wie beim Fußball: Die Grünen lagen schon mit drei Toren zurück, doch dank ihres Stürmerstars Cem Özdemir haben sie kurz vor der Wahl noch den Anschlusstreffer erzielt. Die CDU taumelt, das Momentum ist auf Seiten der Grünen. Doch Taktiker wissen: wer jetzt alles nach vorne wirft, könnte auch alles verlieren. Sollte Manuel Hagel beispielsweise zu schwach abschneiden, könnte ihn die CDU in die Wüste schicken, so wie die Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann vor fünf Jahren. Hagel hat sich deutlich gegen die AfD positioniert, ein Nachfolger könnte das anders sehen und dann doch mit Rechtsaußen koalieren. In dem Fall würde selbst ein grüner Sieg gar nichts nutzen. Also CDU wählen, um Hagel zu stärken.
AfD: Nur noch blau – von wegen
Was hat sich der AfD-Mann Markus Frohnmaier bemüht, um nicht zu radikal zu wirken? Doch ohne verbale Ausfälle und Aufreger fehlt es an Aufmerksamkeit. Die Umfragewerte schmelzen dahin. „Nur noch AfD“, heißt es bei den Parteigängern der Blauen. Doch das sollten sie jetzt nicht so eng sehen. Denn es bleibt nur eine Chance: Um zumindest das Ziel zu erreichen, den anderen Parteien das Regieren zu vermiesen, muss auch jede andere sinnvolle Parlamentsmehrheit verhindert werden. Das geht nur, wenn möglichst viele Parteien in den Landtag einziehen. Für Taktiker könnte die Wahl der an der Fünf-Prozent-Hürde schrammenden Linkspartei zu einer durchaus logischen Alternative werden – was mit einem Blick auf die Wahlprogramm in mancher Hinsicht gar nicht so abwegig sein muss.
SPD: Fast alle denken taktisch
Die SPD-Parteiführung hat den Wahlkampf fest auf eine Deutschlandkoalition mit CDU und FDP ausgerichtet. Denn: für sie sind die Grünen an allem schuld. Doch so richtig glücklich sind die meisten SPD-Wähler nicht mit der Aussicht, dadurch den CDU-Mann Hagel als Ministerpräsidenten zu bekommen. Die meisten taktisch denkenden SPD-Anhänger dürften deshalb längst zu den Grünen übergelaufen sein. Oder sie nehmen die Überlegungen der Parteiführung besonders ernst und wählen gleich CDU.
Linke: Appell ans soziale Gewissen
Kühles Taktieren ist nichts für überzeugte Linke. Mitleid aber vielleicht schon. Parteigänger der Linken mit einem echten sozialen Gewissen könnten deshalb bei dieser Landtagswahl der SPD ihre Stimme geben. In der außerparlamentarischen Opposition ist es ohnehin viel gemütlicher.
FDP: nur ein Wahlziel ist erreichbar
Ihre Erststimme geben taktische FDP-Wähler schon traditionell dem CDU-Wahlkreiskandidaten. Das ist der unausgesprochene Deal mit den strategisch wählenden CDU-Anhängern, die ihre Zweitstimme der FDP geben. Für liberale Taktiker wird es bei dieser Landtagswahl aber knifflig. Wählen sie FDP, könnte die CDU auf Platz zwei rutschen und die verhassten Grünen die Regierung weiter anführen. Wählen sie CDU, fliegt die FDP womöglich raus. Das ist ein echter Zielkonflikt. Allerdings: ohne FDP im Landtag würde zumindest ein besonders wichtiges liberales Wahlziel erreicht: die befürchtete Aufblähung des Landtags fällt moderater aus, je weniger Fraktionen vertreten sind.