Die Rechtspopulisten verlieren ein Drittel ihrer Wähler. Landtagsfraktionschef Bernd Gögel kritisiert alle, nur nicht sich selbst.
Stuttgart - Er sei gekommen, um zu bleiben, sagt AfD-Fraktionschef Bernd Gögel am Wahlabend gut gelaunt in die Kameras und spricht von Freude und der AfD als „etablierter Kraft“. Der Spitzenkandidat sitzt an einem blau eingedeckten Stehtisch mit Chips-Schalen. Er ist umringt von Parteifreunden und -feinden, die sich einen Abend lang der harmonischen Außenwirkung wegen mit allzu viel Kritik und Häme zurückhalten.
Als am späteren Abend die Rechtspopulisten auf ein einstelliges Ergebnis absacken, ist die AfD-Ecke im ersten Stock des Landtags leer. Die Tische sind weggeräumt, die Gögel-Weidel-Meuthen-Truppe ist verschwunden. Kein Kommentar mehr zum krachenden Absturz einer Partei, die sich mal 20 plus vorgenommen hatte und sich siegesgewiss als stärkste Oppositionspartei sah. Es wurden 9,7 Prozent, ein Minus von 5,4 Prozentpunkten.
Spitzenkandidat Bernd Gögel verlegt sich aufs Austeilen
Mit Schönreden kommt keine Partei weiter, auch die AfD nicht. Und so verlegt sich Bernd Gögel aufs Austeilen: Die „unerträgliche Konkurrenzbeobachtung durch den Verfassungsschutz“ habe für manche Wähler abschreckend gewirkt. Der Fraktionschef spielt darauf an, dass das Bundesamt die gesamte Partei unter Beobachtung nehmen will, aber vom Kölner Verwaltungsgericht aufgrund einer Klage der AfD ausgebremst wurde.
Ein Wahlkampf „unter widrigen Umständen“ führt Gögel dafür ins Feld, dass seine Partei rund ein Drittel ihrer Wähler verloren hat. Man habe „als Volkspartei auf volle Hallen verzichten und stattdessen auf Online-Formate ausweichen müssen“. So erklärt er die Verluste und vergisst dabei, dass es allen anderen Parteien genauso ergangen ist. Für alle war es ein Corona-Wahlkampf auf Abstand und hinter der Maske, die lebhafte Debatten oft unmöglich machte. Und letztlich ist die Krise schuld. „In der Pandemie versammeln sich die Wähler doch eher hinter den Agierenden und Regierenden“, folgert Gögel. Er hat da einen ganz anderen Analyseansatz als die eloquent-bissige AfD-Landeschefin Alice Weidel.
Alice Weidel sieht die AfD trotz der Verluste auf Erfolgskurs
Die 42-Jährige, die ihrer Doppelrolle in Stuttgart und Berlin nicht wirklich gerecht werden kann, sie ist zugleich AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, glaubt, alles richtig gemacht zu haben. „Wir haben uns stark positioniert mit unserer Anti-Lockdown-Politik“, sagt Weidel und sieht die AfD auf einem Erfolgskurs, der sie eines Tages an die Regierung bringen wird. „In ein paar Jahren kommen wir in einem Landtag aus der Oppositionsrolle raus“, räsoniert sie am Wahlabend, „am wahrscheinlichsten in Sachsen oder Thüringen.“
Darüber, dass den Rechten ihre Themen weggebrochen sind, dass die Aufnahme von Flüchtlingen viel besser gelungen ist, als die AfD glauben machen wollte, dass der Kampf gegen Brüssel und den Islam bei vielen Wählern nicht mehr zieht, reden Gögel und Co. nicht so gerne. Und für viele Wähler mag die Nähe der AfD zum Rechtsextremismus abschreckend gewesen sein.
Zu zögerlich ist die AfD mit dem Rechtsaußen Dubravko Mandic umgegangen
Viel zu zögerlich und zimperlich war die Südwest-AfD im Umgang mit einem radikalen Rechtsaußen wie Dubravko Mandic, der als Landtagskandidat im Wahlkreis Lörrach angetreten war. Ein Parteiausschlussverfahren gegen den Juristen und Freiburger Stadtrat zog sich ewig hin. In der AfD ringen die moderaten Mitglieder mit den völkisch-nationalen, die Strömungen blockieren einander bei schnellen Entscheidung. Immerhin: Das Problem Dubravko Mandic erledigt sich wohl von selbst. Er holte nur 7,9 Prozent der Stimmen und hat angekündigt, sich aus der AfD zurückziehen zu wollen.