Nach der Stimmauszählung am Sonntag stand fest: Die Landtagswahl brachte jede Menge Überraschungen. Foto: Kastl

Öko-Partei gewinnt alle Direktmandate von Offenburg bis Lörrach. FDP-Mann zieht überraschend in Landtag.

Rottweil/Horb/Hechingen/Offenburg/Freiburg/Balingen - Kandidaten, die in zwei Wahlkreisen ein Mandat holen, Bewerber, die – eigentlich schon auf dem Rückzug aus dem Politgeschäft – ins Parlament einziehen: Die Landtagswahl hat einige Besonderheiten zutage gebracht.

Er ist Newcomer auf der politischen Landesbühne und dabei doch ein Polit-Haudegen: Gerhard Aden hat erstmals als Direktkandidat für den Landtag im Wahlkreis Rottweil kandidiert. Mit Erfolg: Der 68-Jährige zieht mit einem Zweitmandat prompt für die FDP in den baden-württembergischen Landtag ein.

In der Kommunalpolitik kennt sich der Mediziner, der immer noch in der eigenen Augenarztpraxis tätig ist, bestens aus. Viele Jahre saß er im Gemeinderat der Stadt. Zunächst war das eine Ein-Mann-Vorstellung, doch unter seiner Ägide gewannen die Liberalen von Wahl zu Wahl einen Platz im Stadtrat bis zur Fraktionsstärke hinzu. Was zu seiner Reputation in all den Jahren seines politischen Wirkens beigetragen hat, ist seine geradlinige Art. Er hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Manches Mal zum Leidwesen der politischen Konkurrenz. Im Kreistag ist der gebürtige Delmenhorster der Sprecher seiner Fraktion und in dieser Funktion auch immer wieder Gegenspieler von Landrat Wolf-Rüdiger Michel (CDU).

Es schien bereits so, als würde sich Aden langsam aus der Politik zurückziehen, als er vor drei Jahren freiwillig seinen Sitz im Gemeinderat räumte. Im Frühjahr des vergangenen Jahres folgte das überraschende Comeback. Mangels Alternativen übernahm Aden den Kreisvorsitz und ließ sich später zum FDP-Landtagskandidaten nominieren. Warum er sich das antat? Aden sagte: "Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich die 16 Jahre, die ich in die Arbeit als Kommunalpolitiker in Stadt und Kreis Rottweil gesteckt habe, nur zu meinem Vergnügen geleistet habe."

Nun geht seine Karriere auf Landesebene weiter. Heute trifft sich die FDP-Landtagsfraktion im Haus der Geschichte. Mal sehen, welch politisches Gewicht der Rottweiler in Stuttgart entwickelt.

Der große Gewinner der FDP freilich ist Timm Kern. Der Kandidat des Wahlkreises Freudenstadt hat mit 13,5 Prozent das mit Abstand beste Ergebnis für seine Partei geholt. Eine große Überraschung ist das allerdings nicht. Erstens ist Kern einer der fleißigsten Wahlkämpfer in der Region gewesen, zweitens ist seine Heimatstadt Horb die liberale Hochburg im Land – auch dank Michael Theurer. Der FDP-Landesvorsitzende war einst Oberbürgermeister von Horb und hat bei der Europawahl 2009 im Kreis Freudenstadt sogar 26,7 Prozent geholt.

Nicht nur ein-, sondern gleich zweimal hat Carola Wolle für die AfD kandidiert: sowohl in Neckarsulm als auch im Wahlkreis Hechingen-Münsingen. Und in beiden Wahlkreisen holte sie auch ein Mandat. Weil Wolle in Neckarsulm das bessere Ergebnis erzielte, muss sie nun dort das Mandat annehmen. Ihr Stellvertreter im Wahlkreis Hechingen-Münsingen, Hans Peter Stauch aus Reutlingen, rückt dort als Landtagsabgeordneter nach. Interessant auch: Am 11. Mai wird wohl Heinrich Kuhn den neuen Landtag als Alterspräsident eröffnen. Der 75-jährige Arzt im Ruhestand vertritt für die AfD den Wahlkreis Calw.

Von Offenburg bis hinunter ans Rheinknie zeigt sich indessen ein ganz anderes Bild: Entlang der Rheinschiene haben die Baden-Württemberger am Sonntag vor allem Grün gewählt. Fast alle Direktmandate zwischen Offenburg und Lörrach gingen an die Grünen. Auffällig dabei: In der traditionellen Öko-Hochburg "Freiburg 2" konnte die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Edith Sitzmann, nicht mehr viele Stimmen dazugewinnen. Sie vermochte ihr sehr gutes Ergebnis von 2011 "nur noch" um 0,6 Prozent auf 40,5 Prozent der Stimmen zu steigern. Erstaunlicher hingegen ist, dass etwas weiter südlich und westlich, im einst traditionell Schwarz wählenden Wahlkreis Breisgau, die Grünen-Abgeordnete Bärbl Mielich dem CDU-Mann Patrick Rapp das Direktmandat abjagen konnte.

Das gleiche Kunststück schaffte im Kreis Emmendingen Alexander Schoch. Er überrundete CDU-Mann Volker Schebesta. Das gelang auch Josha Frey in Lörrach, der den christdemokratischen Abgeordneten Ulrich Lusche ablöste, sowie Sandra Boser, die im Wahlkreis Lahr Marion Gentges von der CDU hinter sich ließ und für die Grünen das Direktmandat geholt hat.

Gentges darf aber ebenso wie Schebesta, Rapp und die Freiburger SPD-Politikerin Gabi Rolland weiter über das Zweitmandat nach Stuttgart pendeln. Sie alle profitieren von einer Besonderheit des baden-württembergischen Wahlrechts: Zum Zuge kommen hier erst einmal all jene Kandidaten einer Partei, die einen Wahlkreis gewonnen haben, die also unter den Bewerbern ihres Wahlkreises die meisten Stimmen bekommen und damit ein sogenanntes Direktmandat errungen haben. Entscheidend ist die relative Mehrheit. Die übrigen Sitze, die einer Partei nach dem Verhältniswahlgrundsatz zustehen, gehen in einer zweiten Zuteilungsrunde an die Wahlkreisbewerber, die im Wahlkreis nicht die relative Mehrheit erreicht haben, aber im Verhältnis zu den übrigen Wahlkreisbewerbern ihrer Partei im betreffenden Regierungsbezirk am besten abgeschnitten haben. Dies sind die Zweitmandate.

Auch der Wahlkreis "Freiburg 1", der bis weit in den Hochschwarzwald reicht und einst als CDU-Hochburg galt, bleibt grün. Gegen Reinhold Pix, den auch parteiintern nicht unumstrittenen Biowinzer und Basisgrünen vom Kaiserstuhl, zog CDU-Mann Klaus Schüle nun schon zum zweiten Mal den Kürzeren. Lediglich CDU-Urgestein Willi Stächele in Kehl (Ortenaukeis) hielt die Grünen auf Distanz und behielt seinen Direktfahrschein in den Landtag.

Bittere Niederlagen musste auch die SPD in ihren einstigen Hochburgen im Freiburger Westen hinnehmen. Dort wanderten die Wähler vor allem zur AfD ab. Als einziger AfD-Mann am Oberrhein schaffte dagegen in Kehl Stefan Räpple den Einzug ins Parlament, während zum Beispiel der umstrittene Lahrer AfD-Bewerber und Staatsanwalt Thomas Seitz nicht zum Zuge kam.

Auch die FDP konnte keinen ihrer Kandidaten am Oberrhein durchbringen. Selbst der renommierte Solarforscher Eicke Weber holte in Freiburg für die Liberalen nur 6,1 Prozent der Stimmen. Dafür schaffte es die Linke im Freiburger Öko- und Alternativstadtteil Vauban auf mehr als 15 Prozent. Dort wird allerdings seit jeher anders gewählt als sonst im Land: CDU, FDP, AfD und SPD kommen in dem autofreien Quartier zusammen gerade mal auf 19,6 Prozent. Die Grünen holten hier 61,2 Prozent.

Der Wahlkreis Balingen ist auch im neuen Landtag mit zwei Abgeordneten vertreten. Nicole Hoffmeister-Kraut holte für die CDU mit nur knapp 300 Stimmen Vorsprung vor den Grünen wieder das Direktmandat als Nachfolgerin von Günther-Martin Pauli. Angela Godawa verlor hingegen das SPD-Mandat, das bisher Hans-Martin Haller innehatte. Dafür hat AfD-Mann Stefan Herre mit 18,1 Prozent der Stimmen den Sprung ins Parlament geschafft.

Hoffmeister-Kraut, in Balingen vielfältig politisch engagiert, überlegt, ob sie als Abgeordnete künftig noch alle ihre Ehrenämter wird ausüben können. Vorschnell wolle sie aber keines aufgeben. Die AfD, so Herre, wolle sich in der Region langfristig etablieren und ein Wahlkreisbüro eröffnen.

Wunden lecken ist bei der SPD angesagt nach der verlorenen Wahl mit teils einstelligen Ergebnisse. Gleichwohl will der Kreisvorsitzende Alexander Maute den Blick nach vorne richten. Man müsse aus diesem Wahlergebnis Konsequenzen für künftige Wahlkämpfe ziehen, sagte er.

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