Die Zeichen auf Grün. Beim Thema Legalplanung beispielsweise sind sich die Spitzenkandidaten Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) einig. Foto: Marijan Murat

Zum ersten Mal sind die Spitzenkandidaten der großen Parteien im Landtagswahlkampf aufeinander getroffen. Auch Özdemir und Hagel sind sich zum ersten Mal auf offener Bühne begegnet.

Die Wortwolke am Ende zeigt keinen klaren Sieger. Per digitaler Abstimmung konnten die Zuschauer der Wahlarena des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) abstimmen, was sie von der neuen Landesregierung erwarten. Sicherheit prangt in der Mitte, daneben in wechselnden Konstellationen etwa gleich groß die Worte Cem und Hagel – aber auch Klimaschutz und mindestens ebenso groß: Aus-vom-Verbrenner-Aus.

 

Worum geht es bei der Diskussion?

Es war das erste Mal, dass die Spitzenkandidaten aller großen Parteien im Landtagswahlkampf bei einer Podiumsdiskussion aufeinander getroffen sind. Neben CDU-Landeschef Manuel Hagel und Cem Özdemir für die Grünen nahmen SPD-Landeschef Andreas Stoch, FDP-Landeschef Hans-Ulrich Rülke sowie der AfD-Landeschef Markus Frohnmaier und Kim Sophie Bohnen, eine von drei Spitzenkandidatinnen der Linken, an der Runde beim baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) teil. Bei der ersten großen Podiumsdiskussion vor der Landtagswahl am 8. März 2026 standen – das legt der Veranstalter nahe – Wirtschaftsthemen im Fokus.

Die sechs Spitzenkandidaten auf dem Podium. Foto: dpa/Marijan Murat

In der Landeshauptstadt war die Veranstaltung mit Spannung erwartet worden. Denn Cem Özdemir und sein Konkurrent Manuel Hagel hatten gemeinsame Auftritte bislang vermieden. Lediglich in einer Fernsehsendung, in der Özdemir aber zugeschaltet war, waren sich die beiden bislang auf offener Bühne begegnet. Die beiden kandidieren für das Amt des Ministerpräsidenten. Allerdings sind Özdemirs Aussichten nach den aktuellen Umfragen eher mau. Auch Markus Frohnmaier von der AfD sieht sich als Ministerpräsidentenkandidat. Seine Partei war zuletzt zwar zweitstärkste Kraft in Umfragen. Allerdings haben die anderen Parteien eine Koalition mit der AfD in Baden-Württemberg bereits ausgeschlossen.

Wie stehen Hagel und Özdemir nebeneinander?

Im direkten Vergleich bewegten sich Özdemir und Hagel nicht weit auseinander: Etwa wenn Özdemir im Eingangsstatement fand, Baden-Württemberg müsse da, wo wir nicht mehr Weltmarktführer sind, wieder Weltmarktführer werden. „Da wo wir es sind, bleiben.“ Oder wenn Hagel sagte, es müsse in der zweiten Hälfte des „Jahrzehnts nur noch darum gehen, wie wir Wohlstand generieren.“

Irgendwann lieferten sich die beiden sogar ein kleines Scharmützel, wer auf wessen Linie eingeschwenkt ist. Zuvor hatte BWIHK-Präsident Jan Stefan Roell gefragt, wer sich vorstellen könne, die Personalkostenbudgets für die Verwaltungsebenen einzufrieren, um Personal abzubauen. Özdemir hatte in der Kurzfragerunde unentschieden gestimmt und sich gegen eine pauschale Regelung ausgesprochen. Hagel, der sich für das Einfrieren ausgesprochen hatte, schob in seiner Erklärung nach, dass es mehr Personal im Klassenzimmer und der Sicherheit brauche.

Schließlich war es Manuel Hagel, der hervorhob, dass er von Cem Özdemir Antworten bekommt, die er vom grünen Koalitionspartner in der aktuellen Landesregierung vermisst – etwa beim Thema Landesmaut und CO2-Speicherung. „Herr Özdemir, lassen Sie uns das gleich gemeinsam machen“, scherzte er – wissend, dass der Grünen-Spitzenkandidat in der aktuellen Landesregierung gar kein Mandat hat. Ein Fingerzeig in Richtung Koalition? Eigentlich streckt Hagel seine Fühler in Richtung des FDP-Chefs Hans-Ulrich Rülke aus, mit dem er seit einigen Sommern demonstrativ wandern geht.

Wer kommt beim Publikum besser an?

Am Ende konnte Hagel allerdings an manchen Stellen mit deutlich konkreteren Ideen für die Landespolitik aufwarten und erntete damit etwas nachhaltigeren Szenenapplaus als Cem Özdemir, etwa als er eine zentrale Datenbehörde in Baden-Württemberg versprach, wo Firmen ihre Informationen nur einmal hinterlegen müssen, oder betonte, dass er chinesische Unternehmen wie Huawei aus Stromnetzen heraushalten will.

Dass Hagel in der Wirtschaft gut ankommt, ist wenig überraschend, wurde dem CDU-Kandidaten doch in Umfragen schon mehr Wirtschaftskompetenz zugesprochen als Cem Özdemir. Der punktete indessen beim fürs Land wichtigen Thema Bildung und wurde mit Applaus bedacht für seine wiederholte Forderung, Handynutzung in Schulen und Social Media für Jugendliche einzuschränken.

Wie geht das Podium mit dem AfD-Kandidaten Markus Frohmaier um?

Özdemir war es auch, der dem AfD-Kandidaten Markus Frohnmaier ins Wort fiel, als er sich beim Thema Energieversorgung für Gasimporte aus Russland ausspricht. SPD-Landeschef Andreas Stoch entzauberte die Idee des AfD-Kandidaten, zur Kernenergie zurückzukehren: „Wer heute über Kernenergie redet, redet nicht über die nächsten Wochen Monate oder Jahre.“

Frohnmaier pries seine Partei vor allem damit an, dass sie noch nie an einer Regierung beteiligt war. FDP-Landeschef Hans-Ulrich Rülke hielt ihm am Schluss entgegen, es mache keinen Sinn, eine Partei zu wählen, die noch nie regiert habe. „Vor allem nicht, wenn niemand mit ihr koalieren will.“ Letzteres haben alle bisher schon im Landtag vertretenen Fraktionen ausgeschlossen. Hagel pochte erst am Wochenende auf eine scharfe Abgrenzung zur AfD. 

Wer in der Diskussion überrascht

Die Linken-Spitzenkandidatin Kim Sophie Bohnen hielt den klaren Kurs ihrer Partei durch die gesamte Podiumsdiskussion. Sie machte gar keine Anstalten, dem beim BWIHK wohl eher wirtschaftsnahen Publikum zu gefallen und stellte klar, dass die Linke an erster Stelle als Oppositionspartei in den Landtag einziehen will. Einen Großteil der Ja/Nein-Fragen ließ sie denn auch unbeantwortet. Erstaunlicherweise erntete aber auch sie Applaus, als sie für mehr Planbarkeit warb.

Das waren die Worte, die das Publikum für die nächste Landesregierung für wichtig hielt. Foto: Annika Grah

BWIHK-Präsident Roell war am Ende zufrieden: Die Diskussion habe gezeigt, dass man zuhören und andere Meinungen aushalten könne. „Das muss uns als Demokraten besonders wichtig sein.“