Die Liberalen verlieren in ihrer einstigen Hochburg bei der Landtagswahl zwei Drittel ihrer Stimmen. Wahlsieger werden erneut die Grünen. Eine Bilanz vom Tag danach.
Nur noch 5,9 Prozent der Zweitstimmen konnten die Freidemokraten auf sich vereinigen (2021: 16 Prozent). Achtbar geschlagen hat sich in der Doppelgemeinde allerdings FDP-Landtagskandidat Felix Düster. Der Gastronom vom Rührberg und Gemeinderat erhielt immerhin 11,5 Prozent der Erststimmen.
Wahlsieger sind mit 34,7 Prozent am Sonntag erneut die Grünen geworden, obgleich sie im Vergleich zu vor fünf Jahren ein wenig Federn lassen mussten (2021: 37,4 Prozent).
SPD weiter auf Talfahrt
Ungebremst auf Talfahrt befindet sich in Grenzach-Wyhlen – ganz im Landestrend – die SPD. Im Vergleich zu vor fünf Jahren haben die Sozialdemokraten ihr Ergebnis von 10,7 auf 6,2 Prozent beinahe halbiert. Die Trendwende geschafft hat hingegen die CDU. Die Christdemokraten, bei denen im Jahr 2021 nur noch 17,6 Prozent der Wähler ihr Kreuzchen gemacht hatten, kommt diesmal auf 22,8 Prozent der Zweitstimmen.
AfD und Linke legen zu
Ganz im Landestrend liegt in Grenzach-Wyhlen auch die AfD. Sie erhielt 16,9 Prozent der Wählerstimmen. Im Jahr 2021 hatten nur 7,5 Prozent der Wähler bei den „Blauen“ ihr Kreuzchen gemacht. Bemerkenswert gut abgeschnitten hat in der Doppelgemeinde zudem die Linke. Sie steigerte sich auf 5,3 Prozent. Vor fünf Jahren hatte die Partei nur 3,2 Prozent der Stimmen erhalten. 2,4 Prozent votierten jetzt am Sonntag für die Freien Wähler, deren Landtagskandidat Ulrich Kissel übrigens in Grenzach-Wyhlen lebt.
Wahlbeteiligung steigt
Im Vergleich zur Wahl im Jahr 2016 sind in der Gemeinde Grenzach-Wyhlen etwas mehr der aktuell 10 041 Wahlberechtigten zur Urne gegangen als noch vor fünf Jahren. Die Wahlbeteiligung ist von damals 57,4 Prozent auf nun 61,8 Prozent gestiegen.
Freude bei den Grünen
Bei den Grünen in Grenzach-Wyhlen herrscht am Morgen nach der Wahl erwartungsgemäß eitel Sonnenschein. Fraktionssprecherin Annette Grether ist jedenfalls sehr glücklich darüber, dass Sarah Hagmann nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen und Beinahe-Patt mit Peter Schelshorn (CDU) am Ende doch noch das grüne Direktmandat geholt hat. „Dieses tolle Ergebnis freut mich aber auch für alle, die sich eingesetzt haben“, hält Grether fest. Das gute Abschneiden der Grünen auch in Grenzach-Wyhlen stimme sie froh und zuversichtlich.
Nicht verhehlen mag Grether aber auch ihren Frust darüber, dass rund jeder fünfte Grenzach-Wyhlener Wähler sein Kreuzchen bei der AfD gemacht hat. „Darüber bin ich sehr enttäuscht. Für mich ist das echt heftig, dass so viele Menschen eine Partei gewählt haben, die nicht konstruktiv etwas für unser Land tut – vor allem nichts für unsere Demokratie.“ Es liege nun an den Grünen, auch auf Bundesebene „zuverlässige politische Arbeit zu machen“, sagt Grether.
Der CDU tut es „weh“
Für Ulrike Ebi-Kuhn, Sprecherin der CDU im Gemeinderat, tut es „weh, so knapp zu verlieren“. Das anfängliche Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Unionskandidaten und seiner grünen Konkurrentin bewertet Ebi-Kuhn als „Krimi“. Klar sei aber: „Peter Schelshorn hat einen guten Wahlkampf gemacht. Und trotzdem: Es ist bitter. Man hat gekämpft, man hat gehofft, man hat verloren“, blickt Ebi-Kuhn auf das Abschneiden der CDU. Sie selbst habe beobachtet, wie sehr an den Wahlkampfständen bundespolitische Themen das große Gesprächsthema gewesen seien – „und natürlich die rehbraunen Augen“. Die politische Konkurrenz sei bei CDU-Kandidat Manuel Hagel dann regelrecht „auf Fehlersuche gegangen“, resümiert Ebi-Kuhn, „das war Demontage“. Insgesamt sei der Sieg der Grünen „bitter für den Mittelstand“, findet Ebi-Kuhn, „aber wir müssen jetzt nach vorne schauen“.
FW: Personen statt Themen
Weniger einen Parteien-, sondern vor allem einen Personenwahlkampf hat Peter Weber ausgemacht. Auch dem Fraktionssprecher der Freien Wähler ist beim Besuch von Wahlkampfständen aufgefallen, dass die Menschen dort vor allem über Politik gesprochen hätten, die zumeist auf Bundes- oder gar globaler Ebene spielte.
Die Landespolitik, so Webers Beobachtung, habe weniger im Vordergrund gestanden. Mit Blick auf die Ergebnisse in Stuttgart bewertet Peter Weber das Abschneiden der SPD als „tragisch“. Dass die FDP aus dem Landtag fliegen würde, habe er ebenfalls nicht erwartet.
FDP will sich „neu finden“
Diesen freien Fall der FDP findet Ralf Blubacher, Fraktionssprecher der Freidemokraten, erwartungsgemäß „schade“. Der Partei sei es offensichtlich nicht gelungen, „so zu polarisieren wie die anderen“. Zumal die FDP bisweilen Lösungen anzubieten versuche, „die manchmal etwas schwer zu verstehen sind. Es ist einfach schade, denn für die Mitte wird es jetzt echt eng“, bilanziert Blubacher. Die FDP müsse sich nun „neu finden und weitermachen“, gerade auch vor Ort. Blubachers Dank gilt dem örtlichen Landtagskandidaten Felix Düster. „Denn eigentlich brauchen wir noch viel mehr Felix in unserer Partei.“
„Kein Vertrauen in die SPD“
Dass Jonas Hoffmann sein SPD-Mandat verloren hat, bedauert Katja Schäfer, Sprecherin der Sozialdemokraten im Gemeinderat, ausdrücklich: „Er war immer ansprechbar für uns, hat immer zurückgerufen.“ Dass ihre Partei derart schlecht abgeschnitten hat, zeigt aus Schäfers Sicht den großen Profilschärfungsbedarf der Sozialdemokraten auf. „Die Leute haben irgendwie kein Vertrauen mehr in die SPD“, sagt Schäfer. Wobei sie ihre Partei in manchen Bereichen einfach selbst nicht mehr verstehe, „zum Beispiel beim Thema Migration, denn da muss sich etwas ändern“. Die SPD habe sich auch „zu oft weichspülen lassen, um mitregieren zu können, anstatt lieber in die Opposition zu gehen und dort dafür eigene Akzente zu setzen“, resümiert die Fraktionssprecherin
Benz bedauert Beteiligung
„Beim Ergebnis in Grenzach-Wyhlen fällt zunächst die im Vergleich zum landesweiten Wert deutlich unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung von 61,8 Prozent auf. Das ist aus meiner Sicht bedauerlich, ist das Wahlrecht doch ein zentraler Pfeiler der Demokratie“, sagt Bürgermeister Tobias Benz. Interessant seien aber die teilweise sehr deutlichen Unterschiede zwischen einzelnen Stimmbezirken sowie auch zwischen den Erst- und Zweitstimmenanteilen der Parteien in der Doppelgemeinde.
„Die Grünen waren bei uns bei den Zweitstimmen signifikant über dem Landesdurchschnitt. Als dramatisch erachte ich die Erosion des SPD-Ergebnisses und das starke Abschneiden der AfD, die wir leider auch bei uns verzeichnen“, resümiert der Christdemokrat. Persönlich bedauere er insgesamt, „dass die CDU ihren Vorsprung nicht über die Ziellinie gebracht hat und die FDP als liberale Kraft nicht mehr im Landtag vertreten sein wird. Ich denke, es ist wichtig, die Ergebnisse der Landtagswahl zu analysieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.“