Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen im Wahlkampf im November entdeckten die Spitzenkandidaten Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Foto: Marijan Murat/dpa

Noch halten sich die Attacken im Wahlkampf in Grenzen. Das ist gut so, meint unsere Redakteurin Annika Grah. Auch wenn mancher Wahlkämpfer noch dringend Profil gewinnen muss.

Das Jahr ist erst wenige Tage alt. Doch dass der Landtagswahlkampf bereits an Fahrt aufgenommen hat, ist nicht zu übersehen. Der baden-württembergische CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel gab zum Jahreswechsel fleißig Interviews, sein Herausforderer Cem Özdemir von den Grünen startet diese Woche in seine Wahlkampftour und die Liberalen begehen den Jahresauftakt traditionell mit ihrem Dreikönigstreffen im Stuttgarter Opernhaus.

 

Özdemir gegen Hagel: Im luftleeren Raum vor den nächsten Umfragen

Alle geben sich kämpferisch – und gleichzeitig liegt eine besondere Spannung in der Luft. Denn die letzten Vorhersagen der Demoskopen für die Landtagswahl am 8. März 2026, die die CDU mit großem Abstand bei gut 30 Prozent auf Platz eins sahen, liegen fast drei Monate zurück. Die nächsten Umfragen werden in den kommenden Wochen erwartet, sie dürften ein genaueres Bild über Erfolgsaussichten und Möglichkeiten der Wahlkämpfenden zeichnen. Solange herrscht Unsicherheit. Die Störfeuer aus Berlin sind um den Jahreswechsel zwar etwas weniger geworden – aber die AfD liegt in bundesweiten Umfragen stabil vor der Union. Haben sich diese Trends auf Landesebene ausgewirkt?

Die bundesweite Stärke der AfD mit Blick auf die Landtagswahl allein als Problem der CDU abzutun, wäre zu kurz gesprungen, auch wenn Analysen zeigen, dass die Wählerpotenziale der AfD vor allem im CDU-Lager liegen. Aber jeder Prozentpunkt, den die auch im Südwesten vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall beobachtete AfD gewinnt, macht die Bildung einer regierungsfähigen Mehrheit schwieriger. Und wird damit unweigerlich zum Problem aller Parteien, die sich Chancen auf eine Regierungsbeteiligung ausrechnen.

Manuel Hagel und Cem Özdemir im November bei einer Mitgliederversammlung des Landesbauernverbandes Foto: Gottfried Stoppel

Das sind neben der CDU die Grünen, SPD und FDP. Denn eine Koalition mit der AfD haben die Spitzenkandidaten von CDU, Grünen, SPD und FDP ausgeschlossen. Und Die Linke, die erstmals auf den Einzug in den Landtag hofft, nimmt für sich selbst nur die Rolle als Oppositionspartei in Anspruch.

Gewinnen bei der Landtagswahl die Ränder, wird die Mehrheitsbildung schwer

Das macht es schwierig, im Wahlkampf auf Angriff zu schalten. Denn die bisher auf dem Tisch liegenden Koalitionsoptionen sind nicht gerade üppig. In den letzten Umfragen war ein Dreierbündnis aus CDU, SPD und FDP, wenn überhaupt, nur mit einer hauchdünnen Mehrheit möglich. Lediglich Schwarz-Grün hatte zuletzt eine stabile Mehrheit. Und so gerät selbst der sonst so scharfzüngige FDP-Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke in die Situation, dass er sich zwar einerseits die Grünen in die Opposition wünscht, aber eine Koalition mit ihnen auch nicht ausschließen kann.

Die Herausforderung der Spitzenkandidaten, die auf eine Regierungsbeteiligung schielen, wird sein, sich voneinander abzugrenzen und Profil zu gewinnen, ohne aber in Populismus abzugleiten und damit extreme Narrative zu bedienen. Denn das – das lehrt die jüngere Vergangenheit – nutzt nur den Originalen.

Die Spitzenkandidaten Hagel und Özdemir müssen an Profil gewinnen

Das kann schwierig werden, wie ausgerechnet das Thema zeigt, das sich alle Parteien ganz oben auf die Agenda gesetzt haben: die wirtschaftliche Lage im Land. Wer da zwischen dem Zukunftsfonds der CDU, dem „Staatsfonds“ der SPD und Start-up-Fonds von Grünen und FDP unterscheiden will, muss ganz genau hinsehen – und teils auch das nötige Fachwissen mitbringen.

Trotzdem: Nach den schrillen Tönen der Ampel und den Misstönen aus der schwarz-roten Koalition, muss ein moderater, inhaltlich geführter Wahlkampf gar nicht der falsche Weg sein. Das mag der Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Netzwerke zwar widersprechen und den Wahlkampf etwas langweiliger machen, der politischen Debatte im Land tut es aber sicherlich gut.