Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei seinem virtuellen Besuch der Ettenheimer "Bürgerenergie". Foto: Hahn

Bei einem digitalem Auftritt in Ettenheim stellt der Ministerpräsident den Klimaschutz in den Vordergrund.

Ettenheim - Es ist die unvermeidliche Crux, mit der die Grünen immer wieder konfrontiert werden, die auch Winfried Kretsch­mann in Ettenheim (Ortenaukreis) bei seinem digitalen Besuch inmitten der Wahlkampf-Tour "Wachsen wir über uns hinaus" einholt. Verlegt man den Verkehr auf die Schiene, könnte das in Bahntunneln der Mopsfledermaus schaden; werden mehr Windräder gebaut, leidet darunter vielleicht die Population des Roten Milans. Oder, noch krasser: Werden Holzhackschnitzel verheizt, gibt es Widerstände gegen das Verbrennen eines edlen Rohstoffs. Man kann es halt nicht jedem rechtmachen – Klima-, Natur-, Umwelt- und Artenschützer gleichzeitig zu sein, entspricht inzwischen fast der gleichen Quadratur des Kreises, alle Box-Weltmeistergürtel einer Gewichtsklasse auf einem Athleten zu vereinen.

Wie gut, dass es da die Ettenheimer "Bürgerenergie" gibt. Fast 200 Bürger engagieren sich dort für den Bau von Photovoltaikanlagen und den Ausbau der Windenergie in ihrer Gemarkung. Innovative Projekte in Kooperation mit den Schulen vor Ort sollen den Nachwuchs für erneuerbare Energien sensibilisieren. "Genosse" Bürger kann sich mit mindestens 500 Euro an den Projekten beteiligen. Mittlerweile betreiben die Ettenheimer Bürger sieben Photovoltaikanlagen mit 250 kWp (Kilowatt peak) Leistung und sind zu 25,1 Prozent am Bürgerwindpark Südliche Ortenau beteiligt.

"Es kann ja nicht sein, dass die Milan-Population über den Klimawandel entscheidet."

Lobenswert, findet der Ministerpräsident, hakt nach, fragt nach Gemarkungen, Genehmigungsprozessen, dem recht frühen Repowering, Projektfinanzierung, muss sich selbst aber unangenehmeren Einwürfen stellen. Zehn Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima sind die Hürden fürs Gelingen der Energiewende nämlich immer noch (zu) hoch.

Da kann der 72-Jährige noch so sehr auf die erreichte Erhöhung der CO2-Bepreisung von 10 auf 25 mit Aussicht auf in ferner Zukunft einmal 55 Euro verweisen, oder darauf, dass das Genehmigungsrecht für Windkraft beim Bund (und nicht beim Land) liegt. Immer öfter gerät der einstige Biologielehrer zudem mit dem Artenschutz in Konflikt. "So was können eigentlich nur die Grünen machen – die Partei, die für Artenschutz steht", weiß der Regierungschef, aber: "Es kann ja nicht sein, dass die Milan-Population über den Klimawandel entscheidet." Kretsch­mann, der Philosoph, denkt da in höheren Sphären.

Die Natur ist größer, viel größer als der Mensch. Dennoch maßt sich dieser an, auf sie einwirken zu können. Das müsste der bedächtige Analytiker aus Laiz (Kreis Sigmaringen) eigentlich wissen. Und doch glaubt er: "Wir haben jetzt noch zehn Jahre Zeit, wenigstens die zwei Prozent Erderwärmung nicht zu überschreiten." Gelinge es nicht, dieses Klimaziel zu erreichen, dann "müssen die Eingriffe viel härter sein". Der Verweis auf den seiner Ansicht nach viel zu weichen Corona-Lockdown im November folgt stehenden Fußes, verbunden mit der eindringlichen Forderung: "Gerade beim Wind, dem Brotbaum der Energiewende, muss es forciert vorangehen."

"Wenn man im Schwarzwald keine Pellets macht – wo dann?"

Über die Formel Arten- statt Individualschutz hofft der ehemalige Schulmeister Fortschritte zu erzielen. In dieser Hinsicht ist ihm die Ortenau als "Perle der Windkraft" herzlich willkommen. Da gibt es, auch wenn unterschwellig von sieben Jahre andauernden Genehmigungsverfahren die Rede ist, offenbar nur wenig "Verhinderungspolitiker", wie die virtuelle Runde die Hürden bezeichnet.

Umso erstaunlicher, dass der Landesvater beim Thema Geothermie und Wärmegewinnung nun von Widerständen hören muss, was das Holz betrifft. Darf man diesen Rohstoff einfach nur verbrennen? In der Regierungszentrale trinkt Kretschmann gerade Kaffee, sonst hätte er wohl die Hände überm Kopf zusammengeschlagen: "Wenn man im Schwarzwald keine Pellets macht – wo dann?" Seit der Besichtigung der Hackschnitzel-Heizzentrale und dem Austausch mit Vertretern der Genossenschaft Bürger-Energie Niedereschach (Schwarzwald-Baar-Kreis) im Sommer kann der Grünen-Mitbegründer da nämlich mitreden.

Und so endet das virtuelle Treffen mit Lob, Preis und Anerkennung fürs bürgerschaftliche Engagement. Kretsch­mann meint, ein solches Land regiere man "einfach gern" und spricht einen bemerkenswerten Satz aus: "Es ist wichtig, dass es eine lebendige Zivilgesellschaft gibt, die etwas macht – und nicht immer nur den Staat in Anspruch nimmt." Der darin enthaltene Widerspruch zur eigenen Aussage, eventuell härtere staatliche Maßnahmen ergreifen zu müssen, um die hochgesteckten Klimaziele zu erreichen, geht als typisch grüne Dialektik durch.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: