Strahlende Siegerin am Wahlabend: CDU-Frau Nicole Hoffmeister-Kraut. Foto: Maier

Das erwartete Kopf-an-Kopf-Rennen ist ausgeblieben: Mehr als sechs Prozent liegt Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) im Wahlkreis 63 Balingen vor Erwin Feucht (Grüne). Im Gespräch mit unserer Zeitung bewerten die Kandidaten das Ergebnis.

Zollernalbkreis - Von Freude bis Enttäuschung reichten die ersten Reaktionen der Kandidaten bei der Landtagswahl auf ihre Ergebnisse.

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Mit Maske und sicherem Abstand hat Nicole Hoffmeister-Kraut am Sonntag ihre Stimme in der Balinger Sichelschule abgegeben. Mit der Kreis-CDU hat sie bei der Wahl mehr als drei Prozent an Stimmen zugelegt – und das Direktmandat im Wahlkreis Balingen verteidigt. Das sei "ein Zeichen der Anerkennung meiner Arbeit im Wahlkreis", freut sie sich. Ihre Tätigkeit als Abgeordnete aus der Region habe im Wahlkampf im Vordergrund gestanden, nicht ihr Ministerinnenamt. Letzteres auszuüben sei aber eine Ehre gewesen. Auf die Frage, ob sie auch der künftigen Landesregierung angehören wolle, antwortet Hoffmeister-Kraut ausweichend: "Darüber reden wir in den nächsten Tagen." Sie wünsche dem Wahlsieger Winfried Kretschmann, dass er "klug und weise" in die Koalitionsverhandlungen gehe. Für die Landes-CDU bedeute das Wahlergebnis eine sehr bedauerliche, aber klare Niederlage, die man analysieren und dann Konsequenzen ziehen müsse.

Mit den Worten "schade" und "enttäuschend" bezeichnete der Grünen-Kandidat Erwin Feucht sein Ergebnis. Er hatte darauf gesetzt, der CDU das Direktmandat abzujagen, in den vergangenen Tagen gratulierten ihm sogar Christdemokraten zum vermuteten Wahlsieg. Doch es kam anders. Seine Niederlage gestand Feucht offen ein, gratulierte Nicole Hoffmeister-Kraut zum Sieg. "Die Mehrheit will sie weiter als Abgeordnete in Stuttgart – das akzeptiere ich", so Feucht. Dabei hätte eine grüne Handschrift auch im hiesigen Wahlkreis gutgetan, ist er überzeugt. Etwa bei den Themen Ortsumfahrung Lautlingen oder Plettenberg: Feucht hätte sich gerne für die Tunnel-Lösung sowie in Dotternhausen dafür eingesetzt, dass die Rest-Hochfläche des Bergs unter Naturschutz gestellt und im Zementwerk mehr für Luftreinhaltung getan wird.

Hans-Peter Hörner (AfD) führt die Verluste seiner Partei im Wahlkreis Balingen auf mehrere Faktoren zurück: "Die Androhung, dass die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet werden könnte, hat sicher viele Wähler abgeschreckt", sagte Hörner am Sonntagabend. Auch, dass AfD-Anhänger "krankenhausreif geschlagen und überall die Wahlplakate zerstört und auf die Straße geschmissen wurden." Zudem sei der Wahlkampf gegen die Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut schwierig gewesen: "Sie und auch die Grünen haben hohe Sympathiewerte." Nichtsdestotrotz wolle die AfD im Landtag "eine starke Opposition sein", sagte Hans-Peter Hörner weiter. Auch für ihn selbst stehen die Chancen derweil gut, übers Zweitmandat in den Landtag zu kommen.

Mit dem landesweiten Ergebnis der FDP ist Dirk Egger "megazufrieden". "Das ist eines der besten Ergebnisse, das die Freien Demokraten in Baden-Württemberg erzielt haben." Auch mit seinem persönlichen Resultat zeigt sich Egger glücklich: Um rund zwei Prozentpunkte hat er gegenüber den vergangenen Landtagswahlen seine Stimmenzahl gesteigert. "Das ist ein solides Ergebnis." Untergeordnet ist für Egger, dass er selbst wohl nicht in den Landtag einziehen wird: "Wir haben einen soliden Beitrag zum landesweiten Ergebnis der FDP geleistet."

Mit Fassung trug die SPD-Landtagskandidatin Annegret Lang ihr Wahlergebnis von 7,8 Prozent: "Ich bin zwar nicht total am Boden zerstört, aber das Ergebnis liegt natürlich unter dem, was ich mir vorgestellt habe." Auch weil sie damit gerechnet hat, dass gerade jetzt in der Corona-Krise soziale Probleme oder die Sorge um Arbeitsplätze stärker in den Vordergrund rücken, an und für sich klassische sozialdemokratische Themen. In Anbetracht der einzuhaltenden Corona-Regeln war es für sie ein merkwürdiger Wahlkampf: "Man hat gar nicht so richtig gewusst, wo man steht, weil man wegen fehlender Kontakte kaum Rückmeldungen bekommen hat." Was ihr missfällt, ist das weiterhin hohe Wahlergebnis der AfD im Zollernalbkreis. Für Annegret Lang gilt es jetzt, sich wieder auf die Arbeit im Balinger Gemeinderat zu fokussieren.

"Die Enttäuschung ist größer als die Euphorie über die Zugewinne", sagt Marco Hausner von der Partei "Die Linke". Zwar habe die Partei einen Stimmengewinn in Baden-Württemberg zu verzeichnen, aber ihr großes Ziel verpasst, zum ersten Mal in den Landtag einzuziehen. Deshalb kann Hausner nicht wirklich glücklich über sein persönliches Resultat sein, auch wenn die Linke im Zollernalbkreis etwas besser abgeschnitten hat als vor fünf Jahren. "Ich habe mir mehr erhofft. Aber in diesem doch eher konservativen Landkreis stehen wir nicht so schlecht da." Allerdings sei Luft nach oben für die nächsten Wahlen.

Kommentar: Gegen den Trend

Von Steffen Maier

Nicole Hoffmeister-Kraut hat für die CDU im Wahlkreis Balingen das Direktmandat verteidigt – gegen den landesweiten Trend. Und entgegen der Erwartungen vieler Beobachter, die nach dem hauchdünnen Sieg vor fünf Jahren nun dem Grünen-Mann Erwin Feucht den Sieg voraussagten. Ganz im Gegenteil dazu hat Hoffmeister-Kraut den Abstand zu ihrem härtesten Herausforderer sogar vergrößert, die CDU schneidet im Wahlkreis prozentual besser ab als vor fünf Jahren, und die Grünen haben Stimmen verloren. Auch das entgegen dem Landestrend. Dass es zum Sieg gereicht hat, darf sich Nicole Hoffmeister-Kraut und ihr engagiertes Wahlkampfteam anrechnen lassen. Es ist der Lohn eines engagierten Wahlkampfs, verbunden mit dem Ministerinnen-Bonus. Die Wähler wünschen sich die Balingerin als Abgeordnete in Stuttgart. Ob erneut als Ministerin, wird sich weisen.

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