Fynn Rubehn ist der jüngste Direktkandidat im Kreis Calw. Und das mit großem Abstand. Foto: Felix Biermayer

Grünen-Landtagskandidat Fynn Rubehn ist 21 Jahre alt. Für seine Partei kann die Wahl zum Erfolg werden. Für ihn ist die Situation komplizierter.

Wenn Fynn Rubehn mit jungen Menschen über Politik redet, hat er einen entscheidenden Vorteil. Er, der Landtagskandidat der Grünen, ist selbst erst 21 Jahre alt. Mit den rund zwei Dutzend Jugendlichen, die sein Wahlkampfevent in der Calwer Kulturapotheke besuchen, kommt er jedenfalls schnell ins Gespräch.

 

Rubehn hilft neben seinem jungen Alter, dass er sich mit Ricarda Lang ein prominentes Gesicht der Grünen eingeladen hat. Lang (32) ist zwar doppelt so alt wie manche der Besucher. Aber sie zählt immer noch zu den jungen Gesichtern ihrer Partei. Die Jugendlichen kennen sie. Das unterscheidet sie von vielen Politikern.

Auch, dass sie sich mit den Jugendlichen an der Nintendo Switch in Mario Kart misst.

Jungen Menschen zuhören

Erstmals dürfen bei dieser Landtagswahl alle ab 16 Jahren wählen. „Es wird viel über die Jugend diskutiert, aber selten mit der Jugend“, sagt Lang. Rubehn möchte das ändern.

Deshalb kam er auf die Idee, ein Mario-Kart-Turnier mit politischen Gesprächen zu kombinieren. Zwischen den Rennen beantworten er und Lang Fragen. Die Jugendlichen bewegen die Wehrpflicht, der Tierschutz, die sozialen Medien. Lang startet eine Kurzumfrage im Raum: Wer ist für ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren? Viele sind dafür, wenige dagegen.

Soziale Medien strenger regulieren

Die 16-jährige Marlies aus Calw will, dass die sozialen Medien strenger reguliert werden. Sie könne dort zwar kreativ sein. Aber die Plattformen machten abhängig und polarisierten. Und man vergleiche sich ständig mit anderen. „Das ist eine Gefahr“, findet Marlies.

Die neue Sinus-Jugendstudie zeigt, dass neben sozialen Medien auch die Spätfolgen der Pandemie, Sorgen um den Klimawandel oder Angst vor Krieg die jungen Menschen beschäftigen. Rubehn kennt die Anliegen. Er spricht von „mentaler Gesundheit“, die deswegen bei vielen Menschen leide.

Er fordert deshalb mehr Schulsozialarbeit, finanziert durch das Land.

Wirtschaft braucht Sicherheit

Doch ihm ist auch klar, dass sich nicht nur junge Menschen beim Blick in die Zukunft sorgen. Die Lage der Wirtschaft schlägt allen aufs Gemüt.

Rubehn kritisiert, dass die Politik zu oft ihren Kurs gewechselt habe, egal ob Verbrenner-Aus oder E-Auto-Förderung. „Unsicherheit ist der Killer für die Wirtschaft“, sagt er. Die Politik müsse verlässliche Strukturen schaffen, die Unternehmen innovativ bleiben. Aber er warnt davor, alles schlechtzureden. Das Land habe viel Potenzial, zum Beispiel in der Medizintechnik.

Die Firmen klagen über hohe Energiekosten. Manche machen die Grünen und ihren Kurs gegen fossile Brennstoffe und Kernenergie verantwortlich. Rubehn verteidigt sich.

Gas als Übergangslösung

Der Verzicht auf russisches Gas sei Auslöser der Preissteigerung gewesen. „Erneuerbare Energien sind mit Abstand die günstigsten in der Produktion“, sagt er. Atomenergie sei neben allen Problemen wirtschaftlich „ein Desaster“. Dass Deutschland auf französische AKWs angewiesen ist? Deutschland verkaufe mehr Strom nach Frankreich als umgekehrt, sagt er.

Um die Grundlast zu sichern, brauche es Gas als Übergangslösung. Eine Versorgung nur mit erneuerbaren Energien sei möglich. Aber dafür müssten endlich Netze und Speicher ausgebaut werden.

„Artensterben ist ein massives Problem“

Hohe Umweltschutzauflagen befürwortet er. Ja, die kosteten wie bei der Hesse-Bahn viel Geld. Aber: „Artensterben ist ein massives Problem“, sagt Rubehn. Er könne sich jedoch vorstellen, in der Umsetzung besser zu werden. Das Land müsse dafür die Anzahl Verwaltungsebenen reduzieren.

Windräder seien aber ein Eingriff in die Natur, den er für vertretbar hält. Denn sie hätten einen hohen Nutzen, verbrauchten aber wenig Wald.

Rubehn kennt die Diskussion. Er kommt aus Herrenberg, wo erst kürzlich ein Bürgerentscheid pro Windkraft ausfiel.

Mit Überzeugung bei den Grünen

Der 21-jährige sitzt dort für die Grünen im Gemeinderat.

Und er ist aus Überzeugung dabei. Seit 2019 ist er in der Partei. Aktuell arbeitet er für die Landtagsabgeordnete Stefanie Seemann. Davor studierte er Politik- und Rhetorik in Tübingen. Seine eigene Schulzeit ist noch nicht lange her. Er fordert mehr Lehrer und Stabilität, nicht alle fünf Jahre eine neue Ausrichtung. Es brauche einen Konsens von Politik und Experten. Rubehn hält frühkindliche Bildung für entscheidend.

Deshalb unterstützt er ein kostenloses, aber verpflichtendes letztes Kita-Jahr sowie mehr Sprachförderung.

Im Katastrophenschutz unterstützen

Rubehns Herzensthema ist der Katastrophenschutz. Er engagiert sich selbst als Rettungsschwimmer bei der DLRG.

Und er fordert, dass alle Ehrenamtler gleichgestellt werden. Es könne nicht sein, dass DRKler, die die Feuerwehr unterstützten, kein Recht auf Freistellung und Lohnerstattung hätten. Auch ist ihm wichtig, dass Ehrenamtliche anständig entschädigt werden.

Feuerwehren entlasten

Und er möchte die Feuerwehren entlasten, zum Beispiel durch zentrale Beschaffungen. Ihm schwebt zudem vor, dass der Kreis langfristig eine eigene Berufsfeuerwehr mit spezialisierten Kräften bekommt.

Die Wehren in den Gemeinden kümmerten sich um Hausbrände. Bei größeren Lagen rücke die Berufsfeuerwehr an. Das entlaste vor Ort. Und die Wehren dort bräuchten nicht mehr so viele Leute. Die würden wegen des demographischen Wandels ohnehin weniger.

Finanzierung mittels Vermögenssteuer

Doch wie will Rubehn seine Versprechen finanzieren? Mit einer Vermögenssteuer, antwortet er. Das Einkommen höher als Vermögen besteuert wird, sei unfair. Rubehn sieht, dass viele Landes- und Bundesprojekte die Kommunen finanziell belasten. Im Landtag werde er für nichts stimmen, was diese Situation verschlimmert, verspricht er.

Die Grünen holen in den Umfragen auf. Cem Özdemir hat noch Chancen Ministerpräsident zu werden. Das ist es, wofür Rubehn kämpft. Eine Koalition kann er sich mit allen Parteien außer den „Faschos“, wie er die AfD nennt, vorstellen.

Für ihn selbst ist ein Einzug in den Landtag unwahrscheinlich. Noch nie hat ein Nicht CDUler in Calw das Direktmandat geholt. Auf der Landesliste steht Rubehn zu weit hinten. Er wolle im Landkreis „die grüne Flagge hochhalten“, sagt er. Die Flagge der jungen Menschen muss im Landtag wahrscheinlich jemand anders hissen.